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Interview

Handball: „Der Blick der SG BBM Bietigheim ist nach vorne gerichtet“

Bastian Spahlinger hat die SG BBM Bietigheim durch die Coronakrise geführt. Vor dem Saisonstart am Samstag in der Viadukthalle gegen Eisenach spricht er im LKZ-Interview darüber, wie er die Zuschauer zurücklocken will, wie er mit dem neuen Trainer zufrieden ist und warum er keine Lust darauf hat, im Fußballgeschäft zu arbeiten.

Bastian Spahlinger: Stolz darauf, Teil der SG-BBM-Familie zu sein. Foto: Baumann
Bastian Spahlinger: Stolz darauf, Teil der SG-BBM-Familie zu sein. Foto: Baumann

Bietigheim-Bissingen. Geschäftsführer Bastian Spahlinger führt den Handball-Zweitligisten SG BBM Bietigheim durch die Coronakrise. Der neuen Saison in der 2. Handball-Bundesliga, die heute Abend (19Uhr/Viadukthalle) mit einem Heimspiel gegen den ThSV Eisenach beginnt, sieht er voller Zuversicht entgegen.

Herr Spahlinger, wie groß ist der Druck nach der verpatzten Vorsaison?

Bastian Spahlinger: Ich sehe keinen Druck. Die 2. Liga ist ein sehr ausgeglichenes Feld. Viele Experten sprechen von der stärksten 2. Liga der Welt. Es gibt acht bis zehn Mannschaften, die aufsteigen können, da gehören wir dazu, aber wir müssen nicht. Von dem her ist es eher Vorfreude auf die neue Saison.

Anfang des Jahres 2018 wurde das Konzept 74321 vorgestellt. Hinter dem Zahlencode verbirgt sich nicht nur Bietigheims PLZ , sondern auch die Vision, aus der SG binnen vier Jahren einen nachhaltigen Erstligisten zu machen. Soll die Rechnung aufgehen, müsste in diesem Jahr der Aufstieg gelingen.

Diese Vision wurde natürlich vor Corona aufgestellt. Die vergangenen eineinhalb Jahre waren ziemlich verrückt und haben einiges durcheinandergewirbelt. Deshalb sollte man jetzt auch vorsichtig mit Zielen und Visionen sein. Wir wollen Spaß haben und unsere Zuschauer und Sponsoren begeistern, das ist das Wichtigste. Wir verlieren die Vision aber natürlich trotz Corona nicht aus den Augen und arbeiten weiter hart daran.

Was erwarten Sie von Trainer Iker Romero und wie sind Sie mit seiner bisherigen Arbeit zufrieden?

Wir hatten schon nach den ersten Gesprächen einen sehr guten Eindruck, aber so wie er in den letzten Wochen gearbeitet hat, hat er uns sogar noch einmal überrascht: Diese Akribie, die er an den Tag legt, die positive Energie, die er vermittelt, und sein großes Fachwissen. Natürlich hört auch jeder Spieler zu, wenn ein Iker Romero an der Seitenlinie steht und einem etwas erzählt. Er gibt das System vor, lebt es aber selbst mit und impft es so den Spielern ein. Das zeichnet ihn aus. Er ist voller Eifer dabei und es macht den Spielern und uns allen richtig Spaß, mit ihm zusammenzuarbeiten.

Ist der Kader komplett oder sind noch Veränderungen geplant?

Ein großer Stamm ist zusammengeblieben und die Zugänge haben sich super eingefügt. Wir haben in der Vorbereitung gut performt und hoffen, dass es in der Saison so weitergeht.

Sie sind seit Anfang 2017 Geschäftsführer, die vergangenen Monate dürften aufgrund der Coronakrise die schwierigste Zeit gewesen sein.

Absolut. Ich war davor schon zwei Jahre Geschäftsführer bei den SG-Frauen. Wenn man so einen Posten übernimmt, muss man wissen, worauf man sich einlässt, weil man eine hohe Verantwortung hat. Dessen war ich mir immer bewusst. Wir hatten viele Erfolge und bittere Momente, gerade mit dem Bundesliga-Abstieg 2019 wegen nur einem Tor. Dass dann aber so eine Coronakrise kommt, war für niemanden greifbar und hat uns alle überrollt. Das war eine Situation, bei der man nicht wusste, wie man damit umgehen soll. Aber wir haben es vereinsübergreifend gut gelöst und schauen mit großem Optimismus in die Zukunft. Auch, weil unsere Sponsoren so treu an unserer Seite standen, weil die Spieler auf Gehalt verzichtet haben und wir alle zusammengehalten haben. Wir wissen, dass das Thema Corona nicht vorbei ist, aber der Blick ist nach vorne gerichtet.

Wie sind Sie mit dem Stress und den zusätzlichen Strapazen durch die Ungewissheit klargekommen?

Zuerst einmal hat es mir geholfen, dass wir hier ein super Team sind auf der Geschäftsstelle, die Spieler, Trainer und insbesondere Jens Rith, der als Hygienebeauftragter einen überragenden Job gemacht hat. Natürlich hilft einem auch ein intaktes privates Umfeld – meine Freundin, meine Familie, Freunde. Das war in diesen Momenten sehr wichtig.

Nun sind wieder Zuschauer erlaubt, sogar eine volle Halle. Beim Handball-Supercup wurde kürzlich aber nur etwas mehr als ein Drittel der verfügbaren Karten abgerufen. Welche Erwartungen haben Sie an den Zuschauerschnitt?

Das werden wir in den kommenden Monaten sehen. Derzeit ist Vollauslastung erlaubt, aber die Leute wollen natürlich erst einmal schauen, wie sich alles entwickelt. Bei vielen ist sicher auch Vorfreude da. Die wollen wir wecken und von Spiel zu Spiel steigern.

Mit wie vielen Zuschauern rechnen Sie?

Da wir erst mal auf Stehplätze verzichten, erwarten wir in der Viadukthalle volle Sitzplatzränge mit etwa 800 Zuschauern.

Sind die weiteren Heimspiele in der Ege Trans-Arena?

Wir nehmen Rücksicht auf die Steelers, die in der DEL TV-Verträge haben, was eine Spielverlegung nicht einfach macht. Wir versuchen, unsere Spiele drum herum zu legen. Wenn es terminlich nicht anders geht, werden wir auf die Viadukthalle ausweichen. Das zweite Heimspiel wird ebenfalls noch dort sein. Hauptspielstätte bleibt die EgeTrans-Arena.

Die Termin-Jonglage mit den Steelers führt unweigerlich zum Thema Handballhalle. Bisher hat die Stadt den Bau einer solchen Arena abgelehnt. Wie sieht hier die Perspektive aus?

Jetzt ist der völlig falsche Zeitpunkt, irgendwelche Forderungen zu stellen. Corona hat uns alle getroffen.

Wie wichtig wäre eine solche Halle für die angestrebte Entwicklung zu einem nachhaltigen Erstligisten?

Wir sind mit der Ege Trans-Arena zufrieden. Aber natürlich ist es eine Herausforderung, denn es ist in erster Linie eine Eishalle. Die Halle hat einen weitläufigen Kurvenbereich und ist sehr groß, was für das Eishockey sicherlich optimal ist. Dennoch können wir insgesamt mit der Situation zufrieden sein. Die Stadt engagiert sich stark für den Sport, deshalb gibt es in Bietigheim-Bissingen auch so viele erfolgreiche Clubs. Trotzdem würde perspektivisch eine weitere Halle der Entwicklung aller Clubs guttun.

Einer der Maßnahmen während der Coronakrise war ein Gehaltsverzicht der Spieler. Unter welchen Voraussetzungen läuft das in der kommenden Saison ab?

Wir versuchen, das so hinzubekommen, dass wir keinen weiteren Gehaltsverzicht brauchen. Die Jungs leisten sehr viel und haben viele Englische Wochen. Wir sollten alles dafür tun, die Spieler und Trainer entsprechend ihrer Leistung zu entlohnen. Das Gleiche gilt für das gesamte Umfeld.

Sie machen Ihren Job seit Anfang 2017. Wie sehen Sie Ihre berufliche Zukunft?

Ich bin gebürtiger Bietigheimer, da gehört die SG BBM dazu. Sie ist ein Aushängeschild der Stadt und ich bin stolz darauf, ein Teil des Ganzen zu sein. Wir haben viel erreicht, sind aber noch nicht am Ende. Mir macht es sehr viel Spaß, und solange das der Fall ist und man Entwicklungsschritte sieht, sehe ich keinen Grund, beruflich etwas anderes zu machen. Ich fühle mich wahnsinnig wohl.

Sie waren selbst aktiver Fußballer. Würde Sie das Fußballprofigeschäft nicht reizen?

Ich kann und möchte das Fußballprofigeschäft nicht im Detail beurteilen, aber die Verantwortlichen in den Topligen wissen selbst, dass in den vergangenen Jahren nicht alles optimal gelaufen ist. Im Handball, Eishockey und Hockey, aber auch zum Beispiel bei den Bietigheim-Bissinger Fußballern wird der Sport wirklich nah am Zuschauer gelebt. Der Profifußball muss dagegen aufpassen, dass er sich nicht vom Publikum entfremdet. Die Entwicklung der Nationalmannschaft verdeutlicht das. Damit konnte ich mich in den vergangenen Jahren nicht mehr identifizieren und das würde mir so keinen Spaß machen.

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