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Frage nach maßvollem Schmerzmitteleinsatz

Nach der ARD-Doku „Hau rein die Pille“ berichten Fußballer aus dem Kreis von ihren Erfahrungen mit Ibuprofen und Co. – Sportarzt warnt

Simeon Geronikolakis. Foto: Baumann
Simeon Geronikolakis. Foto: Baumann

Ludwigsburg. Vergangenen Dienstag strahlte die ARD ihre Dokumentation „Hau rein die Pille“ aus. Es ging um sorglosen Umgang mit Schmerzmitteln im Profi- und Amateurfußball. Spricht man mit Fußballern aus der Region, wird deutlich: Schmerzmittelmissbrauch im Fußball ist nicht neu, es wurde aber kaum darüber gesprochen. Gängige Medikamente wie Diclofenac oder Ibuprofen spielen auch auf den Plätzen im Kreis Ludwigsburg eine große Rolle.

„Schmerzmittel kommen häufig zum Einsatz, aber man muss vorsichtig sein“, sagt der Ludwigsburger Sportarzt Simeon Geronikolakis. Der 40-Jährige betreut die Oberligisten SGV Freiberg und FSV 08 Bissingen sowie die U.20-Nationalmannschaft. „Man wird es nicht verbieten und nicht kontrollieren können. Man muss aber aufklären. Man muss Risiken für Nieren, Magen-Darm-Trakt, Herz und Hirn kennen – vor allem unter sportlicher Belastung können diese deutlich verstärkt werden. Die Jungs dürfen das nicht kopflos nehmen.“ Verboten ist die Einnahme von Schmerzmitteln nach den Dopingrichtlinien nicht, doch Geronikolakis betont: „Es erfüllt im Prinzip die Kriterien eines Dopingmittels, indem es gesundheitsschädlich und leistungsfördernd ist.“

Doch warum werden so häufig Schmerzmittel eingenommen? „Im Profisport ist es der Druck. Im Amateurbereich wundert man sich. Aber diese Jungs haben selbst in den niedrigsten Klassen einen riesigen Ehrgeiz“, sagt Geronikolakis.

Oliver Dense spielte jahrelang in den höchsten Amateurklassen, unter anderem für die Spvgg 07 Ludwigsburg und den TSV Schwieberdingen. Mittlerweile ist er sportlicher Leiter beim FSV.08 Bissingen. „Für mich war das nie groß ein Thema“, sagt der 49-Jährige. „Ich hatte mit 32 Jahren das erste Mal eine schwere Verletzung, einen Kreuzbandriss. Von da an bekam ich Probleme und habe manchmal mit einer Schmerztablette gespielt.“ Beim FSV..08 sieht er kein Problem: „Bei uns erfolgt sowas nach meinem Wissen immer in Rücksprache mit dem Arzt.“ Dense weiß aber auch: „Wenn man jung ist, steht immer das Spiel im Vordergrund.“

Auch Shpetim Muzliukaj ist seit vielen Jahren auf dem Fußballplatz zu Hause. Acht Jahre lang spielte er mit Freiberg in der Verbands- und Oberliga. Ab nächster Saison trägt er das Bissinger Trikot. „Es gibt viele, die sich das vor dem Warmmachen reinwerfen. Das ist Kopfsache“, berichtet der 31-jährige Stürmer. Schmerzmittel zur Prophylaxe, als Ritual, das vor dem Spiel mentale Sicherheit gibt. „Meiner Erfahrung nach sind es meist vier bis fünf Spieler in jeder Mannschaft, die ohne Ibu nicht mehr klarkommen.“ Er selbst nehme Schmerzmittel bei Bedarf nur zeitweise nach Verletzungen. Gesprochen werde darüber innerhalb des Teams nicht: „Thema ist das, seit ich Fußball spiele, nicht. Jeder hat seine Spielvorbereitung.“

Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wurde durch die Dokumentation alarmiert. DFB-Präsident Fritz Keller hatte angekündigt, das Thema mit den Landesverbänden zu verfolgen. Am Dienstagabend bietet der DFB eine digitale Sprechstunde mit dem Mediziner Toni Graf-Baumann an.

Auch beim Württembergischen Fußballverband (WFV) ist man aufmerksam: „Das kam bisher nicht als größere Baustelle an, wird aber in Zukunft eine größere Rolle spielen“, sagt Florian Frentz, Abteilungsleiter Bildung und Qualifizierung beim WFV. Bisher sei der Umgang mit Schmerzmitteln innerhalb der Trainerausbildung und bei Lehrgängen von Talenten im Zusammenhang mit Doping behandelt worden.

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