Logo

Wintersport

Speedski: Bloß keine Angst haben

Mit 175 Kilometer pro Stunde schnurstracks die Piste hinunter: Das Hobby der 20 Jahre alten Johanna Neubrand klingt so gefährlich wie außergewöhnlich. Dennoch konnte die Speedski-Fahrerin von der Schneeläuferzunft Ludwigsburg in kürzester Zeit Erfolge feiern.

In tiefer Hocke steile Hänge hinab: Johanna Neubrand erzielt im Speedski Höchstgeschwindigkeiten. Foto: privat
In tiefer Hocke steile Hänge hinab: Johanna Neubrand erzielt im Speedski Höchstgeschwindigkeiten. Foto: privat
350_0900_25435_Freisteller_Upteaser_Politik_1.jpg

Ludwigsburg. Was es vor allem im Speedski braucht – besser gesagt, was es überhaupt nicht braucht –, weiß Johanna Neubrand sofort. „Als Allererstes darf man auf keinen Fall Angst haben“, sagt die 20-Jährige von der Schneeläuferzunft Ludwigsburg auf die Frage, welche Voraussetzungen man als gute Speedski-Fahrerin mitbringen sollte. Vor einem Jahr machte die Studentin aus Bad Boll erste Erfahrungen in der außergewöhnlichen Geschwindigkeitsdisziplin. Zuvor stand sie bereits seit neun Jahren für die SZ Ludwigsburg auf den Brettern.

Beim Speedski geht es, anders als in den alpinen Skiweltcups, nicht darum, einen vorgesteckten Parcours in möglichst kurzer Zeit zu durchfahren. Stattdessen wird lediglich die Geschwindigkeit der Athleten gemessen. Diese fahren auf einer präparierten Piste ohne Unebenheiten mehrere Hundert Meter in tiefer Abfahrtshocke. „Auf den letzten 100 Metern der Strecke wird dann die Geschwindigkeit gemessen“, sagt Neubrand. Logischerweise ist das Fehlen von Angst daher nur eine der Qualitäten, die man im Speedskiing mitbringen muss. „Man braucht auch gute Oberschenkel, um die tiefe Schussposition eine Weile zu halten. Und die Ski müssen richtig gut präpariert sein“, so Neubrand.

Eigentlich war sie in der Saison 2018/19 als Skilehrerin von November bis Mai in Zermatt in der Schweiz. Doch der Chef der dortigen Skischule überredete sie, sich im Speedski zu probieren. „Ich hatte schon Respekt davor, habe mich dann aber einfach ausprobiert“, blickt Neubrand zurück. Schon im März 2019 fuhr sie ihr erstes Rennen. Ein wenig mulmig sei ihr die Tage davor schon gewesen, gibt Neubrand zu. Das war aber kurz vor Rennbeginn wieder verflogen: „Als ich dann oben war, dachte ich: ‚Da will ich runterfahren‘ und habe mich drauf gefreut.“

Noch im selben Winter nahm Neubrand bereits an der Weltmeisterschaft im französischen Vars teil und wurde Fünfte. Im April wurde sie zudem Zweite bei einem Weltcuprennen. Dass sie so schnell so erfolgreich im Speedski sein würde, hatte Neubrand nicht erwartet. „Dass das so schnell gehen könnte, hätte ich nicht gedacht. Dass es direkt zu Weltmeisterschaften ging, war aber schon toll.“

Noch tritt Neubrand in der sogenannten Speed-2-Klasse an. Ihr Ziel ist es aber, irgendwann in der Speed-1-Klasse an den Start zu gehen. In dieser tragen die Athleten nicht mehr die normalen Rennanzüge, wie man sie aus dem alpinen Weltcup kennt, sondern Ganzkörperanzüge aus Latex, längere Skier, einen Vollvisierhelm und Finnen an den Waden. Das macht den Sport noch schneller. So können Geschwindigkeiten von über 250 km/h erzielt werden. Neubrand brachte es bisher auf etwa 175 km/h – das ist schneller als die Geschwindigkeitsrekorde der Männer aus den alpinen Weltcuprennen von der legendären Streif in Kitzbühel oder der Lauberhornabfahrt in Wengen.

Speedskiing war bei den Olympischen Spielen in Albertville 1992 sogar Demonstrationssportart. Nach einem tödlichen Unfall des Speedski-Fahrers Nicolas Bochatay beim Warmfahren auf einer öffentlichen Piste stellte der Internationale Skiverband (Fis) eine Geschwindigkeitsbeschränkung für das Hochgeschwindigkeitsfahren mit 200.km/h für Fis-Rennen auf. Olympisch wurde die Disziplin nie.

Nun, in der wintersportfreien Zeit und aufgrund der wegen der Coronakrise auch sonst außergewöhnlichen sportlichen Situation, hält sich Neubrand zu Hause fit. „Fitness, Mountainbiken und Joggen“ stehen bei der Studentin des Wirtschaftsingenieurwesens in Innsbruck auf dem Plan. Zudem arbeitet sie an ihrer Abfahrtshocke, beispielsweise auf einem Gymnastikball.

Derzeit wohnt sie aber nicht in den österreichischen Bergen, sondern bei ihren Eltern in Bad Boll. „Ich komme aus einer skibegeisterten Familie“, berichtet Neubrand. Vor der Entscheidung, sich dem Speedski zu widmen, hatten ihre Eltern anfangs Respekt, wie Neubrand erzählt. „Sie unterstützen mich aber total und merken, dass es mir Spaß macht.“ Über ihre Eltern kam Neubrand überhaupt zum Skifahren. Zunächst bei ihrem Heimatverein in Göppingen, ehe vor zehn Jahren der Wechsel nach Ludwigsburg folgte. „Wir wussten, dass die da ein ambitioniertes Team hatten“, blickt die 20-Jährige zurück und schließt bereits aus, den Rest ihrer Skilaufbahn ausschließlich geradeaus die Pisten hinabzurasen. Auch alpine Rennen möchte sie in Zukunft fahren, kündigt Neubrand bereits an.

Autor: