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Nach Übernahme
Curevac-Gründer erbost: Hat Biontech getäuscht?

Curevac
Bei Curevac stehen mehr als 800 Stellen auf dem Spiel. (Archivbild) Foto: Bernd Weißbrod
Nach der Übernahme des Rivalen Curevac will Biontech Standorte schließen. In Tübingen stehen Hunderte Jobs auf dem Spiel. Curevac-Gründer Hoerr erhebt schwere Vorwürfe - und spricht von Täuschung.

Tübingen/Mainz. Wenige Monate nach der Übernahme von Curevac durch Biontech steht das Biotech-Unternehmen vor einer ungewissen Zukunft. Der neue Eigentümer will den Hauptsitz in Tübingen schließen – mehr als 800 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Curevac-Mitgründer Ingmar Hoerr erhebt nun schwere Vorwürfe und wirft den Mainzern Täuschung vor. 

«Ich finde es total unlauter. Das ist fast schon Trickserei meiner Meinung nach, weil wir alle im guten Glauben gehandelt haben, dass die Übernahme im Sinne von Curevac sei und dadurch ein gemeinsames, starkes Unternehmen wird», sagte Hoerr der Deutschen Presse-Agentur. 

«Die Übernahme hätte nie erfolgen dürfen»

Es war Hoerr zufolge vereinbart worden, ein gemeinsames Unternehmen zu schaffen, das sich gegenseitig befruchtet. «Und das wurde jetzt über den Haufen geschmissen. Dadurch sind alle nachweislich getäuscht worden. Die Übernahme hätte nie erfolgen dürfen.»

Ingmar Hoerr
Curevac-Gründer Hoerr ist entsetzt über die Pläne von Biontech. (Archivbild) Foto: Marijan Murat

Der Biologe vermutet, dass Biontech mit dem Vorgehen Patentstreitigkeiten mit Curevac umgehen will. «Die Investoren haben sich mit Versprechungen einlullen lassen. Das könnte Biontechs Strategie von Anfang an gewesen sein». Biontech äußerte sich zunächst nicht zu den Vorwürfen.

Zuvor hatte bereits der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer (parteilos) die Pläne scharf kritisiert: «Ich erwarte von Biontech, dass keine unumkehrbaren Fakten geschaffen werden, bevor ernsthaft über Alternativen verhandelt wurde. Erst kaufen, dann killen, das geht so nicht». Curevac sei in Tübingen entstanden – aus der Universität, aus der Arbeit von Pionieren wie Ingmar Hoerr und Hans-Georg Rammensee. «Hier standen Wissenschaftlerinnen, Wissenschaftler und Beschäftigte für eine Idee, die die Medizin weltweit verändert hat. Dieses Erbe darf nicht abgewickelt werden», teilte Palmer mit. 

Biontech schließt mehrere Standorte

Biontech hatte den früheren Konkurrenten im Januar vollständig übernommen. Die Mainzer wollten sich mit dem Deal mehr Wissen für den Weg zu Therapien auf mRNA-Basis gegen Krebs und andere Krankheiten ins Haus holen. Damals hieß es, dass der Forschungs- und Entwicklungsstandort von Curevac in der württembergischen Universitätsstadt erhalten bleiben soll. 

Wie seit Dienstag bekannt ist, will das Biontech-Management nun aber mehrere Standorte schließen – darunter auch Einrichtungen von Curevac. Nach Angaben des Unternehmens sind rund 820 frühere Curevac-Beschäftigte betroffen. Der Tübinger Standort soll bis Ende 2027 aufgegeben werden. 

Begründet werden die Pläne mit einer zu geringen Auslastung, Überkapazitäten und Kostensenkungen. Ebenfalls geschlossen werden sollen Produktionsstätten von Biontech in Idar-Oberstein, Marburg und Singapur. Insgesamt könnten bis zu 1.860 Stellen von den Plänen betroffen sein, hieß es.

Gewerkschaft vermutet Trickserei wegen Patentstreit 

Auch die Pharma- und Biotech-Gewerkschaft IGBCE kritisierte die Pläne als gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit und Frontalangriff auf die Beschäftigten. «Im Konzern haben offenbar endgültig die Rechenschieber das Regiment übernommen», sagte der Leiter des IGBCE-Landesbezirks Rheinland-Pfalz-Saarland, Roland Strasser. «Aus kurzfristigem finanziellem Kalkül streichen sie radikal Produktionskapazitäten zusammen und schaden damit der Resilienz des Pharma- und Biotech-Standorts Deutschland.» 

Für die Beschäftigten bei Curevac in Tübingen bedeute die Schließung ihres Standorts einen tiefen Einschnitt. «Curevac war bereits in den vergangenen Jahren durch mehrere Personalabbauprogramme stark gebeutelt», sagte Catharina Clay, IGBCE-Landesbezirksleiterin in Baden‑Württemberg. «Der Kauf durch Biontech wirkt vor diesem Hintergrund wie ein Schritt zur Beendigung der Patentstreitigkeiten auf Kosten der Beschäftigten.»

Weltweiter Erfolg in der Corona-Pandemie

Biontech entwickelt Medikamente auf mRNA-Basis gegen Krebs und andere Krankheiten. Auch Curevac forscht seit Jahren an der mRNA-Technologie. Die Tübinger galten einst neben Biontech und anderen als Hoffnungsträger bei der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs. Beide lieferten sich nach Beginn der Pandemie ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Biontech
Die Biontech-Führung begründet die Pläne mit einer zu geringen Auslastung, Überkapazitäten und Kostensenkungen. (Archivbild) Foto: Boris Roessler

Doch anders als die Mainzer, die gemeinsam mit dem US-Partner Pfizer die erste Marktzulassung für ein Vakzin bekamen und so Milliardengewinne erwirtschafteten, hatte Curevac Probleme: Die Schwaben zogen ihren ersten Impfstoffkandidaten wegen einer vergleichsweise geringen Wirksamkeit aus dem Zulassungsverfahren zurück, in der Folge gab es auch Patentstreitigkeiten zwischen Curevac und Biontech. 

Letztlich strichen die Tübinger mehrere Hundert Stellen und konzentrierten sich auf die Forschung. «Jetzt wird skrupellos Produktion geopfert, um die Aktionäre zu beeindrucken», teilte IGBCE-Vertreter Strasser mit. Gleichzeitig kündigt die ein milliardenschweres Aktienrückkaufprogramm an. «Dass muss den Beschäftigten wie Hohn vorkommen.»

© dpa-infocom, dpa:260506-930-43224/1