Stuttgart. Zugegeben: Es gab schon aufregendere Wahlkämpfe im Südwesten. Dabei steckt das Land in der heißen Phase: Am 8. März wird ein neuer Landtag gewählt. Heute, um 20.15 Uhr, könnte es für 90 Minuten spannend werden. Die Spitzenkandidaten der drei umfragestärksten Parteien - CDU, Grüne, AfD - streiten um die Zukunft des Landes. Warum das Triell wichtig werden könnte:
Bewegung in den Umfragen
Auch wenn der Wahlkampf über lange Zeit eher dahinplätscherte: Nun kommt doch noch ein wenig Bewegung in die Sache. Die Grünen holen in Umfragen in der Wählergunst auf, auch wenn die CDU mit Abstand stärkste Kraft bleibt. Wäre bereits an diesem Sonntag Landtagswahl, kämen die Grünen auf 22 Prozent der Stimmen, wie die «Bild»-Zeitung unter Berufung auf eine repräsentative Insa-Umfrage am Montag berichtete. Damit verringern die Grünen den Abstand zur CDU, die bei 28 Prozent liegt, auf sechs Prozentpunkte. Bei den letzten Insa-Umfragen war der Abstand noch größer.
Große Aufmerksamkeit
Die Spitzenkandidaten touren seit Wochen unermüdlich durchs Land, an jeder Ecke hängt ein Plakat, und dennoch: Viele Menschen im Land kennen die Kandidaten nicht, haben sich noch gar nicht mit der Wahl befasst. Da kommt dem SWR-TV-Format «Die Debatte - wer überzeugt Baden-Württemberg?» eine besondere Bedeutung zu. Hunderttausende werden die Live-Debatte am Dienstagabend auf dem Sofa verfolgen. Zum Vergleich: Das Duell zwischen Amtsinhaber Winfried Kretschmann (Grüne) und CDU-Kontrahentin Susanne Eisenmann vor der Landtagswahl 2021 sahen laut SWR allein im Südwesten mehr als 700.000 Menschen.
Viele dieser Zuschauer haben sich noch nicht entschieden, wem sie ihre Stimme in knapp zwei Wochen geben wollen. Die Kandidaten Manuel Hagel (CDU) und Markus Frohnmaier (AfD) kennen noch nicht so viele wie den Grünen-Spitzenkandidaten Cem Özdemir - ihnen bietet die Sendung die Chance, an Bekanntheit ordentlich zuzulegen.
Die einzigartige Konstellation
Bei Landtagswahlen werden Parteien gewählt, aber auch die Spitzenkandidaten spielen eine große Rolle. Der persönliche Eindruck, den sich die Zuschauer von den drei Kontrahenten machen werden, könnte am Abend noch wichtiger sein als die Debatte über die Inhalte. Hagel, Özdemir und Frohnmaier treffen im SWR zum ersten und einzigen Mal in genau dieser Konstellation zusammen. Wer glänzt vor der Kamera, wem treibt die Debatte den Schweiß auf die Stirn? Wer wirkt charismatisch, wer inkompetent? Zwar gab es einige Spitzenkandidatenrunden in dem Wahlkampf, dann aber auch mit Vertretern anderer Parteien.
Özdemirs Chance - und Gefahr
Özdemir ist bislang Umfragen zufolge der Underdog in diesem Wahlkampf, auch wenn der Abstand zur CDU etwas schmilzt. Der Grünen-Spitzenkandidat gilt zudem als begnadeter Rhetoriker - und muss liefern, wenn er bis zum Wahlsonntag noch aufholen will. Das Triell bietet ihm die große Bühne, um Eindruck beim Wähler zu schinden. Denn: In Sachen Schlagfertigkeit ist er Hagel voraus. Spannend wird sein, inwieweit Özdemir versuchen wird, seinen CDU-Mitbewerber in die Ecke zu drängen, ihn direkt anzugreifen. Aber: Selbst wenn Özdemir im SWR glänzt, dürfte ihm das keinen Sechs-Prozentpunkt-Schub verleihen.
Hagel wiederum hat vielleicht nicht die Erfahrung Özdemirs, aber auch er hat in den vergangenen Monaten an Format gewonnen. Ihm bietet das Triell das Podium, sich zwischen Özdemir und Frohnmaier als Mann der Mitte zu präsentieren. Arbeiten sich Hagel und Özdemir aneinander ab - oder setzen sie schon mal den Ton für ein schwarz-grünes Bündnis? Oder wird Hagel von beiden Seiten unter Druck gesetzt - im Kampf um konservatives Wählerklientel?
Bühne für die AfD
Auch die Einladung der AfD macht das TV-Format besonders. Spricht man mit dem AfD-Spitzenkandidaten Frohnmaier, hat man das Gefühl, dass der Gewinner des Triells bereits feststeht: nämlich Frohnmaier und seine AfD. Und zwar allein aufgrund der Tatsache, dass sie auch dabei sind.
Das Triell hat im Vorfeld einige Diskussionen ausgelöst. Man gebe einer Partei, die in Baden-Württemberg vom Verfassungsschutz als rechtsextremistischer Verdachtsfall eingestuft wird, damit eine große Bühne, lautet die Kritik. Am Abend ist sogar eine Gegendemonstration angekündigt, unter anderem von der Gewerkschaft Verdi. Fakt ist: Es ist extrem unwahrscheinlich, dass Frohnmaier den Ministerpräsidenten stellt. Keine der anderen Fraktionen im Landtag will mit der AfD zusammenarbeiten.
Die FDP wiederum fühlt sich benachteiligt, wollte sich in das Format einklagen. Die Liberalen hätten aber keinen Anspruch auf Teilnahme am Triell, entschied das Verwaltungsgericht Stuttgart. Denn: Die drei geladenen Parteien hätten nach den jüngsten Umfragen eine reale Chance, ein Wahlergebnis von über 20 Prozent zu erzielen - und wiesen damit einen derart großen Abstand zur FDP auf, «dass es offensichtlich gerechtfertigt erscheint, den Spitzenkandidaten der FDP in diesem Sendeformat nicht zu berücksichtigen».
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