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Millionen-Belohnung ausgelobt
Hinweise zu Cyberangriffen - Gesuchter auf EU-Fahndungsliste

Cybercrime-Zentrum Baden-Württemberg
Das Cybercrime-Zentrum Baden-Württemberg ermittelt. (Symbolbild) Foto: Uli Deck
Er gilt als wichtiger Kopf der Hacker-Szene und verfügt über hohe kriminelle Energie. Weltweit suchen Ermittler nach einem Kriminellen, der auch in Baden-Württemberg Schaden angerichtet haben soll.

Karlsruhe. Jahre nach Cyber-Angriffen unter anderem auf den Medizin Campus Bodensee und die Elektronikmarktkette MediaMarktSaturn steht der mutmaßliche Kopf der Kriminellen wieder weit oben auf der europäischen Fahndungsliste. Mit Blick auf die Bedeutung des Falles habe man einen freien Platz auf der Übersichtsliste der «EU most wanted» erhalten, erklärte ein Sprecher des Cybercrime-Zentrums (CCZ) Baden-Württemberg in Karlsruhe. Es gebe schon aktuelle Hinweise, denen die Behörden nachgingen.

Der gesuchte Ukrainer und seine mutmaßlichen Komplizen werden laut dem Fahndungsaufruf verdächtigt, von weltweit mehr als 300 Unternehmen mit Hilfe von Schadsoftware (Ransomware) in erpresserischer Absicht sensible Daten entwendet und verschlüsselt zu haben. Für die Entschlüsselung und Nichtveröffentlichung hätten sie hohe Lösegelder gefordert. Der Schaden wird auf einen hohen dreistelligen Millionenbetrag geschätzt.

Keine ethischen Skrupel

In Deutschland beläuft sich der wirtschaftliche Gesamtschaden laut dem CCZ-Sprecher auf mehr als 50 Millionen Euro. Im Haftbefehl werfen die Ermittler dem Ukrainer vor, an neun Ransomware-Angriffen in Deutschland beteiligt gewesen zu sein. In einem Fall seien rund 380.000 Euro gezahlt worden.

Cybercrime-Zentrum Baden-Württemberg
Es geht um den Einsatz von Schadsoftware. (Symbolbild) Foto: Uli Deck

Unter den Opfern befinden sich demzufolge mehrere Unternehmen aus Baden-Württemberg. Der Klinikverbund Medizin Campus Bodensee war den Angaben nach Anfang 2022 mit der Schadsoftware der Ransomware-Gruppierung Hive infiltriert worden. Weil Daten verschlüsselt wurden, konnten an den Standorten in Friedrichshafen und Tettnang laut dem Haftbefehl vorübergehend keine Patienten aufgenommen und Untersuchungen mit computergestützten Aufnahmen vorgenommen werden. 

Die Gruppe habe ein Lösegeld in Höhe von 100.000 US-Dollar in Bitcoin gefordert, teilte der Sprecher mit. «Zahlungen erfolgten jedoch nicht.» Der wirtschaftliche Schaden für diesen Fall werde auf 600.000 Euro beziffert.

Laut Chatverläufen tauaschten sich Mitglieder der Gruppierung Hive dazu aus, ob es vertretbar sei, medizinische Einrichtungen anzugreifen, wie der CCZ-Sprecher mitteilte. «Nach einer Diskussion hat man sich ausweislich dessen darauf geeinigt, dass solche Angriffe erfolgen können.» In der Folge habe die Gruppe zahlreiche medizinische Einrichtungen angegriffen.

Zehn Millionen US-Dollar als Belohnung

Das Polizeipräsidium Reutlingen hat für das gesamte Bundesgebiet die zentralen Ermittlungen gegen die Gruppe übernommen. 2023 habe das Netzwerk von Cyberkriminellen zerschlagen werden können, hieß es damals. Die Webauftritte im Darknet seien gesperrt worden. Monate später wurden in der Ukraine mehrere Tatverdächtige festgenommen. 

Im vergangenen Jahr erklärten die Polizei und das bei der Karlsruher Generalstaatsanwaltschaft angesiedelte CCZ, dass ein europäischer Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Hauptdrahtzieher einer der aggressivsten und erfolgreichsten Affiliate-Gruppierungen erlassen worden sei. Zur Identifizierung des Mannes hätten internationale Ermittlungen der Kriminalpolizei Esslingen unter anderem mit der US-Bundespolizei FBI geführt. 

Der Gesuchte stand auch schon auf Betreiben von französischen Ermittlern auf der Liste der «EU most wanted» - dort stellen EU-Mitgliedstaaten ihre meistgesuchten flüchtigen potenziellen Straftäter ein. Die Plätze auf der Liste pro Land sind begrenzt.

Der Beschuldigte soll auch in anderen kriminellen Netzwerken tätig sein oder gewesen sein, die das Verfahren der baden-württembergischen Behörden nicht betreffen. Dabei geht es den Angaben nach um andere Ransomware-Varianten. 

In Bezug darauf und aufgrund des dringenden Verdachts, dass der Mann eine bedeutsame Rolle in der Hacker-Szene hat und über hohe kriminelle Energie verfügt, hat die amerikanische Regierung zehn Millionen US-Dollar für seine Ergreifung ausgelobt. 

Für Hinweise, die zur Festnahme oder zur Verurteilung weiterer führender Köpfe führen, kann es eine Belohnung von bis zu einer Million US-Dollar geben, wie es unter anderem beim FBI heißt.

© dpa-infocom, dpa:260801-930-469463/1