1. Startseite
  2. Überregionales
  3. Stuttgart & Südwest
Logo

Festakt in Stuttgart
«Eine Gnade»: Kretschmann verabschiedet sich nach 15 Jahren

Festakt zur Verabschiedung von Ministerpräsident Kretschmann
Winfried Kretschmann verabschiedet sich nach 15 Jahren im Amt. Foto: Marijan Murat
Manche Jugendliche können sich an gar keinen anderen Ministerpräsidenten erinnern - nun hat Winfried Kretschmann nach 15 Jahren im Amt seinen Abschied genommen. Was sagen die Weggefährten dazu?

Stuttgart. Promis, Ballett und viele warme Worte: Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat sich mit einem Festakt von politischen Weggefährten aus vielen Jahrzehnten politischer Arbeit verabschiedet. Zur Zeremonie ins Neue Schloss in Stuttgart kamen zahlreiche prominente Gäste, die Kretschmann in den 15 Jahren seiner Amtszeit begleitet haben, darunter Altbundespräsident Joachim Gauck.

Zudem kamen einige ehemalige Ministerpräsidenten, Ex-Freiburg-Trainer Christian Streich, auch der Unternehmer Wolfgang Grupp. Auch viele Grünen-Politiker der ersten Stunde zeigten sich - und natürlich Cem Özdemir (Grüne) und Manuel Hagel (CDU), die derzeit eine Neuauflage der grün-schwarzen Koalition verhandeln.

Kretschmanns langjähriger Vize, Innenminister Thomas Strobl (CDU), bezeichnete Kretschmanns Abschied als historisch. Es gehe eine Ära zu Ende. Kein anderer sei in Baden-Württemberg so lange Regierungschef gewesen wie Kretschmann. «Das ist historisch».

Strobl: Kretschmann war kein skurriler Einfall der Geschichte

«Freilich hat das Gründe, das ist ja kein Zufall, das passiert ja nicht einfach mal so», sagte Strobl. Er habe schon im Jahr 2011 in seiner Partei gemahnt, dass die Wahl Kretschmanns nicht als skurriler Einfall der Geschichte abgetan werden dürfe. Wer Winfried Kretschmann kannte, der habe gewusst: «Kretschmann kam ins Amt, um zu bleiben», so Strobl. Schnell sei es Kretschmann gelungen, den Menschen im Land zu vermitteln, dass er ein aufrichtiger und ehrlicher Schaffer sei. «Winfried Kretschmann war in seiner Amtszeit das, was man sich unter einem Landesvater vorstellt.» Kretschmann sei ein Unikat, eine Type.

Altbundespräsident Joachim Gauck nannte Kretschmanns Wahl zum Ministerpräsidenten «kulturprägend». «Ein Mensch, der sich selbst als wertkonservativ verstand, übernahm die Führung eines Landes, dessen politische Traditionen ihm rein äußerlich betrachtet nicht hätten ferner liegen können», sagte Gauck.

Kretschmann habe einen Stil mitgebracht, der das Zuhören, das Vertrauen und die Bürgerbeteiligung als Regierungsinstrument verstanden habe. Ein konservativ geprägtes Land habe einen grünen Ministerpräsidenten angenommen, «weil es in Ihnen einen guten Menschen erkannte, der zusammenführte», sagte Gauck.

Kretschmann reagiert gerührt

Kretschmann habe das Land und das Leben von vielen verändert, wie nur wenige vor ihm, sagte Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne). «Es werden unzählige Menschen deine Art, Politik zu machen im Gedächtnis haben. Sie wird Maßstab bleiben für lange Zeit.»

Kretschmann zeigte sich gerührt nach den Abschiedsreden. Seine freche Ansage, er gehe ohne Wehmut aus dem Amt, könne er nun nicht mehr so ohne Weiteres sagen. 

Er sei dankbar, dass er 15 Jahre Ministerpräsident habe sein dürfen. «Das ist – bei aller eigenen Anstrengung – schon auch eine Gnade», sagte Kretschmann. «Und deshalb bin ich meinem Schöpfer auch sehr dankbar, dass er mich all die Jahre mit guter Gesundheit und einigen Fähigkeiten ausgestattet hat, um dieses Amt auszufüllen.»

Festakt zur Verabschiedung von Ministerpräsident Kretschmann
Firstlady Gerlinde Kretschmann dürfte ihren Mann jetzt wieder etwas häufiger sehen. Foto: Marijan Murat

Kretschmann ist seit 2011 Regierungschef in Baden-Württemberg. Der Mann mit dem ikonischen Bürstenhaarschnitt ist der erste (und bislang noch einzige) Grünen-Politiker, der dieses Amt in einem deutschen Bundesland übernommen hat. Der Konflikt um Stuttgart 21, die Atomkatastrophe in Fukushima und das umstrittene Image von Vorgänger Stefan Mappus (CDU) hatten ihn damals an die Macht geführt. 

In seiner ersten Amtszeit regierte Kretschmann in einer grün-roten Koalition mit der SPD, ab 2016 dann mit der CDU. Der Mann mit der trocken-humorigen Art verstand es stets, auch konservative Wählerschichten zu überzeugen - dafür hatte er umso häufiger Ärger mit der eigenen Partei. 

Özdemir soll am 13. Mai zum Nachfolger gewählt werden

Bei der Landtagswahl am 8. März war der 77-Jährige nach drei Amtszeiten nicht mehr angetreten. Nachdem es lange danach ausgesehen hatte, als könnte die CDU in Baden-Württemberg nach 15 Jahren die Macht zurückerobern, gewannen die Grünen mit Cem Özdemir nach einer Aufholjagd die Wahl am Ende mit 30,2 Prozent der Zweitstimmen knapp vor der CDU mit 29,7 Prozent. 

Özdemir soll, wenn die Koalitionsverhandlungen zwischen Grünen und CDU wie erwartet erfolgreich abgeschlossen werden, nach derzeitigem Stand am 13. Mai zum Nachfolger von Kretschmann gewählt werden - und wäre dann der bundesweit erste Ministerpräsident mit türkischen Wurzeln. 

Festakt zur Verabschiedung von Ministerpräsident Winfried Kretsc
Geht alles glatt, wird Cem Özdemir (Grüne) in wenigen Tagen zum Nachfolger von Kretschmann gewählt. Foto: Bernd Weißbrod

Nach dem Festakt im Neuen Schloss wird Kretschmann mit einem Empfang geehrt. Abschließend sollen sich die Gäste im Ehrenhof des Neuen Schlosses versammeln, um einer Serenade des Heeresmusikkorps Ulm zu lauschen. 

Die Militärmusiker spielen den Choral «Nun danket alle Gott», den Marsch «Herzog von Braunschweig» und ein Medley bekannter Titel von Frank Sinatra. Zum Schluss erklingen mehrere Hymnen: zuerst das Hohenzollernlied, dann die Europahymne und am Ende die Nationalhymne. Kretschmann durfte die Stücke selbst mit aussuchen.

© dpa-infocom, dpa:260429-930-9101/3