Todtmoos/Bad Lippspringe. «Reisefreudig, tierlieb, Menschen liebend - vorbehaltlos, unvoreingenommen», so beschreibt Ralf Salice seine Tochter Scarlett. Offen und gesellig sei die junge Frau aus dem ostwestfälischen Bad Lippspringe gewesen, nicht der zurückhaltende Typ. «Sie wollte einfach glücklich sein.» Gleichzeitig habe sie ein sehr organisiertes Leben geführt: Auf einem Flipchart in ihrer Wohnung habe sie ihren Alltag strukturiert - feste Zeiten für Yoga, für Chinesisch-Lernen, fürs Aufräumen.
Scarlett Salice ist einer der bekanntesten Vermisstenfälle bundesweit. Die damals 26-Jährige verschwand vor rund sechs Jahren beim Wandern im Südschwarzwald. Ihr letzter bekannter Aufenthaltsort war ein Supermarkt in Todtmoos (Landkreis Waldshut) - dort nahm eine Überwachungskamera sie auf. Seitdem fehlt von ihr jede Spur. Doch wer ist die junge Frau hinter den zahlreichen Suchplakaten?
Schon als Kind sei sie eigenwillig gewesen, erinnert sich Salice. Mit fünf Jahren habe Scarlett unbedingt das Seepferdchen-Schwimmabzeichen machen wollen, obwohl sie eigentlich noch zu jung dafür war - und sie habe es geschafft. Später, beim Umbau ihres Kinderzimmers oder ihrer ersten Wohnung, habe sie stets genau gewusst, was sie wollte, und gleich mitgedacht, wie sich ihre Wünsche technisch umsetzen ließen. «Sie hat schon immer im Vorfeld genau überlegt, wie kann man Dinge lösen», erzählt ihr Vater.
Größte Leidenschaft war das Reisen
Ihre größte Leidenschaft aber sei das Reisen gewesen. Kurz vor Beginn der Corona-Pandemie brach sie zu einer mehrmonatigen Asienreise auf, lernte dort ihren Freund kennen, der aus China kam. Die Pandemie 2020 zwang beide zur Rückkehr in ihre Heimatländer, das geplante gemeinsame Auslandsjahr platzte, so Salice. Der Kontakt aber blieb demnach bestehen - noch am Tag ihres Verschwindens habe sie mit ihm telefoniert, im Kurpark von Todtmoos.

Am 10. September 2020 brach Scarlett zur letzten Etappe einer Wanderung auf dem Schluchtensteig im Südschwarzwald auf. Anschließend wollte sie zu einer Freundin fahren - kam dort aber nicht wie verabredet an. Daraufhin meldete ihre Familie sie als vermisst. Ein Todesermittlungsverfahren wurde rund zweieinhalb Jahre nach Scarlettes Verschwinden eingestellt, weil sich keine Hinweise auf eine Straftat fanden.
Der entscheidende Hinweis, der Klarheit über ihr Schicksal bringen könnte, fehlt laut Polizei bis heute. Erst kürzlich sorgte der Fund eines Reißverschlusses, der möglicherweise zu ihrem Rucksack gehört, erneut für Bewegung im Fall. Das Landeskriminalamt untersucht das Fundstück derzeit noch. Bis heute suchen ihr Vater und ein breites Netz an Freiwilligen am Schluchtensteig nach ihr.
«Sie war ein spontaner Mensch», sagte Scarletts Freundin Vanessa in einer Reportage des Fernsehsenders RTL. Sie war es, zu der Scarlett nach ihrer Wandertour fahren wollte. Eine Planänderung hätte Scarlett ihr mitgeteilt, ist sie sich sicher. «Ist sie irgendwo sitzen geblieben oder ist sie irgendwo eingestiegen oder doch weitergelaufen und gefallen?» Das seien die größten Fragen. «Was ist wirklich passiert?»
Ralf Salice: Etwas hat ihre Pläne durchkreuzt
Eine besondere Bindung verband Scarlett zudem mit ihrer Mutter, mit der sie zuvor gemeinsam den Jakobsweg gewandert war. Auf dieser Wanderung habe sie einen angeketteten Hund am Wegesrand entdeckt und schließlich einige Stunden damit verbracht, in den nächsten Ort zu laufen, um Futter und Wasser für das Tier zu kaufen, erzählt ihr Vater. «Das hätten auch nicht viele Leute gemacht.» Ein anderer Wanderer auf dem Jakobsweg habe Scarlett den Schluchtensteig empfohlen - dadurch sei sie überhaupt erst auf den Schwarzwald als nächstes Ziel gekommen.
Am Tag ihres Verschwindens war die junge Frau demnach bestens vorbereitet: Unnötiges Gepäck wie Handtasche oder Kosmetik habe sie im Auto gelassen, nur das Nötigste für die Wanderung mitgenommen. «Sie hatte eigentlich immer für alles einen Plan», so Salice. «Und irgendwas hat ihre Pläne durchkreuzt.»
Was genau, weiß bis heute niemand. Sechs Jahre nach ihrem Verschwinden bleibt für ihre Familie vor allem eines: die Erinnerung an einen Menschen voller Lebensfreude, der nie lange still saß. «Sie war immer so euphorisch, nie irgendwie groß niedergeschlagen», sagt ihr Vater. «Sie hatte noch so viel vor.» Er vermisse schlicht alles von ihr - vor allem ihre Stimme, von der er sich wünscht, sie noch einmal zu hören.
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