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Wolf im Schwarzwald
Warum ein Wolfsabschuss das Land spaltet

Wolf
Der Wolf – derzeit vor allem der Wolf auf der Hornisgrinde – polarisiert, er begeistert und verängstigt. (Symbolbild) Foto: Arne Dedert
Der Hollywood-Mythos, die Angst vor dem Unbekannten, das politische Lager: Warum der Wolf mehr als nur ein Tier ist - und warum er ein ganzes Land in Aufruhr versetzen kann.

Stuttgart. In Petitionen werden Unterschriften von Unterstützern ebenso wie von Gegnern gesammelt, es gibt eine Mahnwache gegen den Abschuss und es wird vor Gericht geklagt. Sogar der Ministerpräsident äußert sich. Die große Emotionalität in der Debatte um den Wolf im Nordschwarzwald habe ihn überrascht, sagte Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne) in Stuttgart.

Denn der Wolf – derzeit vor allem der Wolf auf der Hornisgrinde – polarisiert, er begeistert und verängstigt. In Märchen, in der Bibel und in der Politik. Man bringt mit dem Thema den Schäfer ebenso wie den Tierschützer im Nullkommanichts auf die Palme.

«Der Wolf ist ein hochemotionales Thema»

Warum ist das so? Denn während das Verwaltungsgericht Stuttgart über den Abschuss des allzu neugierigen Hornisgrinde-Wolfs entscheidet, werden unzählige Wildschweine und Rehe erlegt und etliche Rinder, Hühne und Schweine geschlachtet.

«Der Wolf ist ein hochemotionales Thema», sagt Wolfsforscher Peter Christoph Sürth aus Seebach (Ortenaukreis), der das Verhalten der Tiere jahrelang in Rumänien und auf europaweiten Wanderungen erforscht hat. «Für die einen ist er aus vielen Gründen ein tolles und spannendes Wildtier. Anderen Menschen macht der Wolf wiederum Angst.» Das gelte vor allem für Konflikte bei der Weidetierhaltung. Die Perspektiven ließen sich durch die Mythologie verfolgen: Mal sei der Wolf ein Helfer, mal ein gefürchtetes, unberechenbares Wildtier.

Streit in Baden-Württemberg

So wird auch in Baden-Württemberg ein neuer und erbitterter Streit entfacht, sobald ein Tier gerissen wird oder sich ein Wolf auf seinen weiten Wegen zu sehr einer Gemeinde genähert hat. Dabei hat sich das Image des Wolfs nach Einschätzung Sürths verändert: «Die heutigen Dokumentationen über Wildtiere sind populär und zeigen, dass Wildtiere nicht einfach irgendwelche Viecher sind, die wir als Menschen nach Belieben abschaffen können, wenn sie stören.»

Diesen Imagewandel des Wolfs sieht auch Wolfgang Toth, Schafshalter aus Donaueschingen. «Das ist auch schon vor den ganzen Debatten ein Mythos gewesen – auf T-Shirts zum Beispiel oder im Hollywood-Film "Der mit dem Wolf tanzt"», sagt der 73-Jährige. «Für die Leute hat der Wolf heute auch etwas Positives und Besonderes.»

Petitionen und Perspektiven

Dennoch sammelt Toth in einer Petition Unterschriften für den Abschuss des Wolfs mit der Kennung GW2672m. Zum einen, um, wie er sagt, «der ganzen Bewegung etwas entgegenzusetzen». Zum anderen auch, weil das Tier aus seiner Sicht durch seine unnormale Nähe zum Menschen unberechenbar werden kann. «Diese Gefahr wird unterschätzt», meint Toth.

Ginge es nach dem 72-Jährigen, würde der andere sesshafte Wolf im Nordschwarzwald, der Rüde GW852m, sogar zuerst erlegt. Das Tier aus dem Murgtal habe schon mehr als 100 Schafe, Rinder und Ziegen gerissen. Allerdings waren seine Beutetiere entweder nicht eingezäunt oder die Wolfsschutzzäune waren laut Umweltministerium nicht korrekt aufgestellt. Zum Abschuss wird ein Wolf aber frühestens freigegeben, wenn es ihm gelingt, zweimal über Schutzzäune zu springen, die der Richtlinie entsprechen. 

«Das kann nicht sein, dass die Hürden für einen Abschuss so hoch sind, wenn ein Wolf so oft zuschlägt», ärgert sich Toth. Bislang sind seinem Aufruf allerdings nur rund 850 Menschen gefolgt. Auf den beiden Petitionsseiten gegen die Tötung des Hornisgrinde-Wolfs haben rund 45.000 Menschen abgestimmt.

Politischer Hintergrund

Eine politische Komponente sieht Carsten Nowak, Leiter der Wildtiergenetik am Senckenberg-Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt, im Streit um «Isegrim», wie der Wolf in Märchen und Fabeln auch genannt wird: Die Debatte werde zum überwiegenden Teil von Tierschützern, Jägern und Nutztierhaltern betrieben, meint er – und das von allen Seiten häufig hochgradig unsachlich.

«Diese Lager sind auch politisch knallhart voneinander getrennt in konservativ und links.» Die Konservativen wollten eher Ordnung in die Natur bringen und sie kontrollieren. Andere wollten die Prozesse in der Natur laufenlassen und den Menschen weitgehend aus der Natur heraushalten. Für Nowak ist klar: «Es wird beim Wolf etwas ausgefochten, das weitaus größer ist als nur ein Rudel oder ein Riss.»

Gerichtsentscheid steht bevor

Ob GW2672m tatsächlich geschossen werden darf, müssen jetzt Richter entscheiden. Über eine Klage von Naturschützern gegen die Abschussgenehmigung berät derzeit das Verwaltungsgericht Stuttgart. Mit einem Beschluss im Eilverfahren wird in den kommenden Tagen gerechnet. Bis dahin darf das Tier, das sich aus Sicht des Umweltministeriums zu häufig Menschen und Hunden genähert hatte, nicht getötet werden.

© dpa-infocom, dpa:260205-930-643962/1