Ludwigsburg | 27. Oktober 2017

Die Begegnung steht im Mittelpunkt

Dass Englisch bei einer Vernissage im Freudentaler Rathaus gesprochen wird, kommt nicht allzu oft vor, doch gestern begrüßte Bürgermeister Alexander Fleig seine Gäste zweisprachig. Aus gutem Grund: Aus aller Welt waren die Nachfahren der Freudentaler Juden angereist, um in den nächsten Tagen die Orte kennenzulernen, an denen einst ihre Vorfahren gelebt haben. Viele von ihnen sind nicht zum ersten Mal in Freudental zu Gast – aber es ist das erste große Nachfahrentreffen dieser Art unter Federführung der Gemeinde.

Die Nachfahren der Freudentaler Juden beim Empfang im Rathaus mit Bürgermeister Alexander Fleig (hinten rechts) und Historiker Steffen Pross (rechts), der die Geschichte der Freudentaler Juden aufgearbeitet hat. Foto: Ramona Theiss
Die Nachfahren der Freudentaler Juden beim Empfang im Rathaus mit Bürgermeister Alexander Fleig (hinten rechts) und Historiker Steffen Pross (rechts), der die Geschichte der Freudentaler Juden aufgearbeitet hat. Foto: Ramona Theiss

Bis zum kommenden Montag erwartet die Gäste ein umfangreiches Programm, bei dem vor allem die persönliche Begegnung im Mittelpunkt steht. Untereinander, aber bei zahlreichen Gelegenheiten auch mit den Freudentaler Bürgern (siehe zweiter Text). „Ich freue mich auf spannende und interessante Begegnungen in den nächsten Tagen“, sagte Bürgermeister Fleig bei seiner Begrüßung im Rathaus. Dann werden auch noch weitere Nachfahren im Ort erwartet, denn nicht alle hatten es rechtzeitig zur Auftaktveranstaltung geschafft. Einige Teilnehmer mussten aus gesundheitlichen Gründen auch ihr Kommen absagen.

Kontakte zu den Nachfahren der Freudentaler Juden bestehen indes schon seit vielen Jahrzehnten, erinnerte Fleig. Vor über 30 Jahren sei mit dem Pädagogisch-Kulturellen Centrum Ehemalige Synagoge Freudental (PKC) eine Einrichtung geschaffen worden, die bis heute einen Ort der Begegnung, des Gedenkens und des Lernens biete. „Von Anfang an waren das PKC und die ehemalige Synagoge ein Anlaufpunkt für Personen, die nach den Wurzeln ihrer Familie in Freudental suchten.“ Viele Kinder, Enkel und Urenkel kämen gerne nach Freudental, das ihren Vorfahren Heimat gewesen sei, sagte Fleig und betonte, wie wichtig es sei, das Interesse der Freudentaler an ihrer Geschichte wachzuhalten. Dies habe sich der Arbeitskreis „Erinnern und Gedenken“ zur Aufgabe gemacht, der auch den Anstoß zum Nachfahrentreffen gegeben hatte. Ohne dieses ehrenamtliche Engagement wäre das Treffen nicht möglich gewesen.

„Unser Herz klopft noch immer für Freudental“, sagte Patrick Levi, dessen Urgroßeltern in Freudental gelebt haben. Auch sein Vater sei hier zur Welt gekommen, berichtete er und dankte der Gemeinde, dem PKC und allen Bürgern, „die uns hier immer herzlich empfangen haben, schon als ich ein kleiner Bub war“. Er würdigte die „enorme Arbeit“, die in der Gemeinde geleistet werde, um die eigene Geschichte aufzuarbeiten.

Offizieller Auftakt für das Nachfahrentreffen war die Vernissage von Evelyn Spatz, die nicht nur als Künstlerin, sondern auch als Nachfahrin einer Freudentaler Jüdin angereist war. Ihre Urgroßmutter Ernestine Spatz hat einst in Freudental gelebt. Unter dem Titel „Verwurzelt“ stellt Evelyn Spatz ihre farbenfrohen Bilder im Rathaus aus. Die Künstlerin, die in Los Angeles lebt, will so ihrer Verbindung nach Freudental Ausdruck verleihen. Im PKC sind weitere Bilder von ihr zu sehen – dort unter dem Titel „Vierte Dimension“.

Christina Kehl
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