Ludwigsburg | 08. Dezember 2017

Integration ist Gemeinschaftssache

Wohngruppe mit Preis ausgezeichnet – Unternehmer stellt Appartement zur Verfügung – Hoffen auf Nachahmer

Die vier aus der Bietigheimer Wohngemeinschaft: (von links) Khidr Abdullhabib, Ammar Al Satef, Samuel Hayer und Florian Aldinger. Foto: Alfred Drossel
Die vier aus der Bietigheimer Wohngemeinschaft: (von links) Khidr Abdullhabib, Ammar Al Satef, Samuel Hayer und Florian Aldinger. Foto: Alfred Drossel

Auf den ersten Blick ist nichts Besonderes zu erkennen. Vielleicht, dass in der Küche mehr Ordnung herrscht, als sonst in einer Wohngemeinschaft üblich. Ein großer Esstisch, daneben ein paar bequeme Sessel, eine Couch und ein Beamer, der das Fernsehprogramm gegen die Wand strahlt. So sieht es also aus, das studentische Wohnen.

Auffallend ist allerdings die extreme Gastfreundschaft, sofort steht ein Glas Wasser auf dem Tisch und es wird gefragt, ob man etwas essen wolle. Das ist ungewöhnlich in einer Wohngemeinschaft, in der fünf junge Männer zusammenleben. Sieht man die Zusammensetzung der Gruppe, dann wird die Sache schon klarer.

Auf Gastfreundschaft wird Wert gelegt

Seit zwei Jahren wohnen in einem Bietigheimer Industriegebiet Flüchtlinge und deutsche Studenten zusammen, da bleibt es nicht aus, dass die jeweiligen Prioritäten im Zusammenleben ausgetauscht werden. „Ich konnte am Anfang nicht verstehen, warum die Deutschen so nett sind, aber auf Gastfreundschaft keinen Wert legen“, sagt Ammar Al Satef. Doch für ihn ist das WG-Leben ein Geben und Nehmen. So musste er auch lernen, das die deutschen Mitbewohner ein anderes Verständnis von Ordnung und Hygiene haben.

Seit zwei Jahren gibt es die Wohngemeinschaft und zu Beginn sah es wenig danach aus, dass sich das Projekt des gemeinsamen Zusammenlebens überhaupt umsetzen lässt. „Ich habe zuvor schon ehrenamtlich mit Flüchtlingen zusammengearbeitet. Dabei stellte ich fest, dass ich aus einem sehr privilegierten Umfeld kam und immer nur kurz in die Welt der Flüchtlinge eintauchte. Das wollte ich nicht und so entstand die Idee, eine WG zu gründen“, erzählt Samuel Hayer.

Er studiert soziale Arbeit in Ludwigsburg an der Evangelischen Hochschule auf der Karlshöhe. Er versteht es als christliche Aufgabe, für eine bessere Integration der Flüchtlinge zu sorgen. Und wie könnte dies besser funktionieren als beim Zusammenleben. Doch mit dieser Idee tat er sich schwer bei den Wohnungseigentümern nördlich von Stuttgart. Hayer: „Wir hatten rund 100 Wohnungsanfragen. Doch als wir sagten, dass es eine WG mit Flüchtlingen sein soll, winkten die Besitzer ab.“ Dann stellte er sein Projekt bei einer Freikirche in Bissingen vor und traf dort auf Martin Dürrstein. Der Vorstandsvorsitzende der Firma Dürr Dental fand die Idee gut und stellte eine Wohnung in Bietigheim zur Verfügung. „Er unterstützt unser Projekt und wir können uns auch sonst bei ihm melden, wenn es Probleme gibt“, sagt Mitbewohner Florian Aldinger.

Und so versuchen sie nun, ihre beiden sehr unterschiedlichen Kulturen unter einen WG-Hut zu bringen. Ammar Al Satef ist 18 Jahre alt und stammt aus Aleppo. Über die Balkan-Route kam er nach Deutschland. Anfangs war das Zusammenleben beschwerlich, er sprach kaum Deutsch und über seine Flucht wollte er schon gar nicht reden. Die Sprache und die Religion waren das verbindende Element.

Erfolgreicher Sprachunterricht

„Wir klebten auf alle Gegenstände die deutsche Bezeichnung und allmählich wurde das Eis gebrochen“, so Hayer. Inzwischen spricht Ammar Al Satef ein fast perfektes Deutsch und er besucht die Berufsfachschule in Bietigheim. Der Sprachunterricht war also erfolgreich. Und vor dem Essen wird stets gebetet, da ist man sich über die Kulturbarrieren einig.

Doch in der Wohngemeinschaft wird nicht nur Sprache oder Gastfreundschaft vermittelt. Alle zwei Wochen geht die Gemeinschaft auch gemeinsam aus. Mal wird Billard gespielt, gekegelt oder Gokart gefahren. „Es wäre schön, wenn die Wohngemeinschaft überdauern würde, auch wenn wir alle nicht mehr dabei sind. Denn die Idee ist gut und sollte Nachahmer finden“, sagt Florian Aldinger.

Andreas Feilhauer
Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige
Meine Freizeitwelt
UMFRAGE
Medien

Sitzt Ihr Grundschulkind zu lange vor dem Bildschirm?

Die schönsten Seiten des Kreises
Zeitschriftenvorteil