Ludwigsburg | 12. Oktober 2016

Vom Kampf mit der Hochliteratur

Christian Rottler und „Lenin Riefenstahl“ kommen in die Krone Alt-Hoheneck

Ohne Zugang zur Proust’schen Gedankenwelt: Christian Rottler.Foto: privat
Ohne Zugang zur Proust’schen Gedankenwelt: Christian Rottler.Foto: privat

Ludwigsburg. Wenn Christian Rottler mit Joe Bauer, Nicole Heidrich und seiner Band „Lenin Riefenstahl“ am morgigen Donnerstag die Krone Alt-Hoheneck unsicher macht, ist das – reduziert auf den innersten Kern – nicht mehr und nicht weniger als ein kunstvolles Eingeständnis von Schwäche. Rottler hat, einige Jahre ist das schon her, versucht, sich in das Werk des französischen Schriftstellers Marcel Proust einzulesen – vergeblich. Gehört ja zum Kanon der Weltliteratur, sagte er sich. „Ich war zunächst demütig und unterwürfig“, erzählt Rottler heute. „Dabei ist es belanglose Literatur – ich habe keinen Zugang gefunden und einfach nur gelitten.“

 

Als er in Weimar Mediengestaltung studierte, Mitte der 2000er Jahre, gründete Rottler die Band Galakomplex, die später um ein Haar einen großen Plattenvertrag bekommen hätte, und schöpfte in den Texten aus den Lebenserfahrungen der Gegenwart und Vergangenheit. „Proust ist mein Leben, doch es langweilt mich sehr“ lautete eine Zeile aus einem der Songs. Ein Literaturagent meldete sich bei Rottler, ob er für eine Publikation des berühmten Romanistik-Professors Albert Gier, Leiter der Marcel-Proust-Gesellschaft, einen Beitrag verfassen wolle. Er schrieb – allein, der Agent meldete sich nie wieder. Weil Rottler zunächst nicht locker ließ, kam es zu einem längeren E-Mail-Verkehr der unterhaltsameren Sorte mit ebenjenem hochdekorierten Professor – der später zur Basis für das musikalische Hörspiel „Proust ist mein Leben, doch es langweilt mich sehr“ wurde, das bereits im Radiosender SWR2 lief.

 

Der gebürtige Stuttgarter, 37 Jahre und in Ludwigsburg aufgewachsen, scheiterte in seinen eigenen Augen als Leser mit intellektuellen Ambitionen wie als Musiker – und macht sich nun mit großem Amüsement über sich selbst lustig. Die gewonnene kritische Distanz zur Hochliteratur macht es ihm einfach. „Meine These ist ja, dass viele Geisteswissenschaftler viele Bücher nur lesen, um andere Menschen und besonders Frauen damit zu beeindrucken“, sagt Rottler.

 

Schräges Gesamtkunstwerk

In der Lesung mit dem legendären Stuttgarter Kolumnisten Joe Bauer wird nun wie schon im Hörspiel aus diesem E-Mail-Verkehr zitiert, was dem ganzen ursprünglich überaus trockenen Thema seinen absurd-komischen Charakter verleiht. So entsteht ein schräges, zeitgenössisches Gesamtkunstwerk, das sich mit den Untiefen der Proust’schen Gedankengänge beschäftigt, aber auch mit munteren Querverweisen zu Karls Marx und anderen Philosophen aufwartet. Und das auf eine erstaunlich unterhaltsame Weise. „Mein Ziel war es“, erklärt er, „aus dem Scheitern heraus etwas Neues zu schaffen.“

 

INFO: „Proust ist mein Leben, doch es langweilt mich sehr“, musikalische Lesung, Donnerstag, 13. Oktober, 20.30 Uhr, Krone Alt-Hoheneck. Weitere Infos auf www.krone-alt-hoheneck.de.

Johannes Koch
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