Ludwigsburg | 23. April 2018

Ziel: Frieden und Versöhnung

Die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in Kinderheimen der Evangelischen Brüdergemeinde Korntal hat immer wieder Rückschläge erfahren. Der weltliche Vorsteher Klaus Andersen sieht den Prozess nun aber weit fortgeschritten. Und rechnet mit einem baldigen Abschluss.

Klaus Andersen: Der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde in Korntal. Foto: Holm Wolschendorf
Klaus Andersen: Der weltliche Vorsteher der Brüdergemeinde in Korntal. Foto: Holm Wolschendorf

Herr Andersen, seit wenigen Tagen steht die Vergabekommission, die über Entschädigungen an ehemalige Heimkinder entscheiden soll. Viele haben lange darauf gewartet – und die Brüdergemeinde kritisiert, weil das ganze Verfahren schon sehr lange dauert. Wann können die ersten Betroffenen mit einer Auszahlung rechnen?

Klaus Andersen: Was ausbezahlt wird, ist in der Terminologie keine Entschädigung, sondern eine Anerkennungsleistung. Kein Geldbetrag, den man bei sexuellem Missbrauch zahlt, wird das Leid je wieder aufwiegen können. Was die Dauer angeht: Auf der einen Seite wird gefordert, dass gründlich, aber auch zügig gearbeitet wird. Dann wird uns vorgeworfen, einen Schnellwaschgang vorzunehmen. Ich glaube, dass es gut ist, wenn wir in Aussicht stellen können, dass in den nächsten Monaten erste Anerkennungsleistungen gezahlt werden. Und ich glaube, dass die kompetenten Aufklärer gründlich gearbeitet haben.

 

Die Brüdergemeinde hatte bereits zugestimmt, dass es Zahlungen von jeweils bis zu 5000 Euro gibt, in Einzelfällen sogar bis zu 20 000 Euro. Doch wie lässt sich erlittenes Unrecht abstufen und bewerten?

Wir sind davon überzeugt, dass die Mitglieder in der Vergabekommission in der Lage sind, dieses Leid unterschiedlich einzuordnen und auch zu unterschiedlichen Beträgen zu kommen. Das ist etwas, wo wir weder Einfluss nehmen wollen noch am Ende des Tages wissen werden, welcher Betroffene welchen Geldbetrag bekommen hat.

 

Im Fokus stand vor allem das Thema sexueller Missbrauch. Wird es auch Anerkennungsleistungen für Opfer psychischer und physischer Gewalt geben?

Wir werden alle Formen von Gewalt mit Anerkennungsleistungen bedenken. Das ist uns wichtig.

 

Einer der beiden Aufklärer, Professor Hafeneger, hat gesagt, alle Kinder, die in einem Gewaltsystem aufwachsen, seien geschädigt. Das würde in letzter Konsequenz bedeuten, dass Sie allen ehemaligen Heimkindern Geld zahlen müssten?

Was Herr Hafeneger in seiner Bewertung schreiben wird, wissen wir noch nicht. Die Gewaltformen, die aufgezählt werden, sollen Grundlage sein für die Anerkennungsleistungen.

 

Mit wie vielen Anträgen auf Entschädigung rechnen Sie?

Wenn wir davon ausgehen, dass es am Ende etwa 100 Gespräche sein werden, die Frau Dr. Baums-Stammberger mit Betroffenen geführt haben wird, müssen wir annehmen, dass ähnlich viele Anträge gestellt werden. Das Vertrauen, das sie bei den Betroffenen gewonnen hat, ist wertvoll für die ganzheitliche Aufarbeitung. Wir werden uns am Ende aber nicht über die Anzahl der Anträge unterhalten, sondern das, was unabhängig aufgearbeitet worden ist, akzeptieren.

 

Schon früh hat es heftige Diskussionen gegeben, wenn es um Anerkennungsleistungen ging. Mittlerweile ist es ruhiger geworden. Fürchten Sie, dass alte Wunden aufbrechen, sobald es um konkrete Beträge geht?

Dass Betroffene miteinander darüber diskutieren oder auch uneins sind und unterschiedliche Einschätzungen haben, das können wir nicht ausschließen. Ich glaube aber, dass die Vergabekommission nach klaren Regeln arbeiten und am Ende einen Beitrag zur Befriedung bringen wird. Das ist, wozu auch wir beitragen können.

 

Zum Start der ersten Aufklärungsphase sind auch Sie mit dem Ziel angetreten, dass es eine große wissenschaftliche, mit Drittmitteln finanzierte Arbeit geben wird. Nun wird Professor Hafeneger nach nur einem Jahr einen Abschluss vorlegen. Da ist der wissenschaftliche Anspruch doch bescheidener...

Das Ziel als solches ist gleich geblieben, allerdings mit unterschiedlichen Herangehensweisen. Wir sind überzeugt, dass sowohl Professor Hafeneger als auch Frau Dr. Baums wissenschaftlich arbeiten, gestützt auf die Auswertung der Interviews. Ein fundiertes Ergebnis trauen wir beiden zu. Vom Aufarbeitungsbericht erwarten wir, dass er übersichtlich, klar und verständlich ist und Akzeptanz findet bei allen Anspruchsgruppen. Nichts weniger wird uns zufriedenstellen.

 

Lässt sich bereits einschätzen, inwieweit Korntal ein typisches Phänomen war? Vorwürfe etwa der gezielten Fehlmedikation, um Kinder ruhigzustellen, oder personelle Kontinuitäten seit der Nazizeit gab es ja häufiger in Heimen der Nachkriegszeit.

Die zeitgeschichtlichen sozialen und gesellschaftlichen Umstände werden nicht ausgeblendet sein, Professor Hafeneger hat auch den Anspruch, die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erziehungswissenschaftlich zu beschreiben. Wir sind davon überzeugt, dass wir Erklärungen brauchen, wie und unter welchen auch schwierigen Bedingungen damals gearbeitet worden ist. Und die Erkenntnis, dass eine Professionalisierung der Erziehung erst in den 1970er Jahren dazugekommen ist. Es sind Fehler gemacht worden. Aber auf der anderen Seite waren auch damals viele Mitarbeiter mit Herzblut dabei und wollten nur das Wohl der Kinder.

 

Was bedeutet der Aufklärungsprozess für Ihr Gemeindeleben, was hat sich verändert?

Wenn sexueller Missbrauch in seiner schlimmsten Form vorgeworfen wird und sich auch bestätigt, dann ist das immer auch ein Schockerlebnis. Wir haben – auch mit sieben Infoveranstaltungen in den vergangenen zwei Jahren – versucht, die Interessierten auf dem Laufenden zu halten und mit den Gemeindegliedern und Mitarbeitern im Gespräch zu sein. Wir haben diese Veranstaltungen regelmäßig nach dem Gottesdienst durchgeführt, um möglichst viele zu erreichen, und können von jeweils 150 bis 200 Teilnehmern berichten. Wir werden jetzt weitere Schritte gehen, bis hin zum Aufarbeitungsbericht. Es braucht gute Informationen, damit jeder für sich die Situation verarbeiten kann und sprachfähig ist.

 

Welche Reaktionen haben Sie erlebt, als Sie das erste Mal das Wort Täterorganisation in den Mund genommen haben?

Täterorganisation ist ein juristischer Begriff. Dass es anfangs eine Ablehnung des Aufarbeitungsprozesses gab, ist für mich absolut nachvollziehbar. Auch wir mussten schrittweise erkennen, wie wir uns zu diesen Vorwürfen stellen. Das war und ist immer wieder ein Lernprozess, wie wir diesen Weg gehen. Oft sind diese Wege im Gehen entstanden. Dass Kritik von außen wie innen kommt, ist eigentlich das Charakteristische an einem solchen Aufarbeitungsprozess. Ich habe noch von keinem Prozess gelesen, der wie eine Veranstaltungsreihe durch das Jahr läuft und am Ende ist das Ergebnis da.

 

Nicht nur bei den Betroffenen, auch bei Gemeindegliedern hat der Prozess tiefe Wunden gerissen. Wie gehen Sie damit um?

Ich stehe als Verantwortlicher für den Aufarbeitungsprozess und bin in einem sehr persönlichen Kontakt mit unseren ehemaligen Mitarbeitern. Das Leid, das auch dort ausgelöst wurde, gilt es aufzunehmen, um im Gespräch zu sein und zu bleiben. Bis der Bericht da ist, gilt aber die Unschuldsvermutung. Es ist schwierig zu erleben, wie ehemalige Mitarbeiter unter Generalverdacht gestellt worden sind und wie Vorwürfe teils fragmentiert und konfrontativ geäußert wurden.

 

Sie sprechen jetzt viel von Aufklärungswillen. Doch in der Außensicht hat die Brüdergemeinde vor allem Abwehrverhalten an den Tag gelegt. Detlev Zander wurde diskreditiert, nachdem er als Erster Vorwürfe geäußert hatte, dann verhinderte die Gemeinde den Kriminologen Pfeiffer als Aufklärer und installierte stattdessen Mechthild Wolff, die den Anforderungen nicht gewachsen war. Das danach eingesetzte Moderatorenduo spaltete, statt zusammenzuführen, der Regensburger Aufklärer Ulrich Weber wurde verhindert. Nun gibt es ein Aufklärerduo, das zwar unbestritten kompetent ist, aber aus dem Umfeld der Moderatoren kommt.

Da habe ich eine gänzlich andere Sicht. Von Anfang an war unser Anliegen, die Betroffenen mit einzubeziehen. Und uns war ebenfalls wichtig, die Aufarbeitung in unabhängige und kompetente Hände geben. Ja, Äußerungen von Herrn Zander haben wir durchaus kritisch hinterfragt. Aber es ist mir dennoch gelungen, den Kontakt zu ihm auf einer persönlichen Ebene beizubehalten. Personalentscheidungen waren in unserem Aufarbeitungsprozess stets eine Gratwanderung. Dem Vorschlag, Frau Professor Wolff als Aufklärerin zu beauftragen, hatten auch die Betroffenen zugestimmt. Der Auftrag der Moderatoren war es, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen. Dies ist Anfang 2017 auch gelungen. Nach der Entscheidung gegen Weber wurden fachlich kompetente und persönlich integre Personen gefunden, die den Aufklärungsprozess betroffenenorientiert und professionell durchführen. Auch hier war es von Anfang an die Auftraggebergruppe mit Vertretern von Betroffenen, die sich partizipativ für die Aufklärer entschieden hat.

 

Nun gab es ein einstimmiges Votum für die Besetzung der Vergabekommission, viele Interviews sind inzwischen geführt. Bedeutet das, dass der Aufklärungsprozess dieses Jahr abgeschlossen wird?

Wir haben die berechtigte Hoffnung, dass wir vielleicht sogar schon über die nächsten sechs Monate zu einem organisierten und dokumentierten Abschluss kommen. Ich will ausdrücklich betonen: Nur weil dann der Aufarbeitungsbericht auf dem Tisch liegt, wird unsere moralische Verantwortung nicht enden, ebenso wenig die Kontakte zu den Betroffenen. Wir tun, was immer in der Nacharbeit an Erinnerungskultur und am Umgang miteinander notwendig ist, um Frieden und Versöhnung über diesen Aufarbeitungsprozess zu ermöglichen und anzubieten.

 

Es gibt ja den Verdacht, der Prozess solle schnell beendet werden, um 2019, im Jubiläumsjahr 200 Jahre Korntal, das Thema vom Tisch zu haben?

Der Verlauf des Prozesses hat nichts mit der Planung für 2019 zu tun. Andererseits hat unser Jubiläum mit unserer Geschichte und damit auch mit unseren Fehlern zu tun. Wir sind von Herzen als Gemeinde Gott dankbar, was in diesen 200 Jahren Großartiges geschehen konnte, etwa die Rettungsanstaltbewegung und das soziale Engagement. Zu den Fehlern, die gemacht wurden, stehen wir. Dazu stehen wir auch im Jubiläumsjahr, das ist ein Teil unserer Geschichte.

 

In der ersten Aufklärungsphase ging es auch um die Erinnerungskultur, dass ein Ort des Gedenkens geschaffen wird. Wann gibt es dazu Ergebnisse?

Wir haben Betroffene dazu ermutigt, uns zurück zu spiegeln, was für sie eine angemessene Entschuldigung und ein angemessener Umgang nach dem Prozess sein kann. Wir sind gespannt auf die Antworten.

Fragen von Julia Schweizer und Steffen Pross
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