Ludwigsburg | 10. Juli 2018

Zwei Tüftlern sei Dank: Ein Bild fängt an zu leben

Es ist die Sensation des Jahres 1845: Durchs Neckartal zwischen Cannstatt und Untertürkheim dampft ein Zug, der erste in Württemberg. Und in Ludwigsburg geht ein Konditor nach der Arbeit in den Keller und bannt diese Szene in ein sich bewegendes, dreidimensionales Bild, gesehen vom Dorf Rotenberg aus. Zugverkehr im Neckartal ist 175 Jahre später keine Sensation mehr, das kinetische Musikbild des Ludwigsburgers Wilhelm Seitter ist es umso mehr. Ein Besuch bei einem Wunderwerk der Mechanik – neu zum Leben erweckt von einem schwäbischen Tüftler in Rotenberg.

„Kinesis“ ist griechisch und heißt Bewegung: Über einen Meter breit ist das kinetische Musikbild eines Ludwigsburger Tüftlers; dreht man an einem Schlüssel, bewegen sich alle Figuren, und ein Zug fährt durchs Neckartal.
„Kinesis“ ist griechisch und heißt Bewegung: Über einen Meter breit ist das kinetische Musikbild eines Ludwigsburger Tüftlers; dreht man an einem Schlüssel, bewegen sich alle Figuren, und ein Zug fährt durchs Neckartal.
> zur Bildergalerie
Im Leierkastenmann hat sich Wilhelm Seitter selbst abgebildet.
Im Leierkastenmann hat sich Wilhelm Seitter selbst abgebildet.
> zur Bildergalerie
Wer bewegt was? Am Anfang stand die gründliche Bestandsaufnahme.
Wer bewegt was? Am Anfang stand die gründliche Bestandsaufnahme.
> zur Bildergalerie
So sieht die Rückseite des Bildes aus.
So sieht die Rückseite des Bildes aus.
> zur Bildergalerie
Wolfgang Otto-Merk hat das Musikbild wieder zum Laufen gebracht.
Wolfgang Otto-Merk hat das Musikbild wieder zum Laufen gebracht.
> zur Bildergalerie

Ausflug ins Biedermeier: Das Weingärtnerdorf Rotenberg mit seiner Grabkapelle auf dem Wirtemberg war damals ein beliebtes Ausflugsziel und mit der neu eröffneten Zugstrecke gut zu erreichen. Schon im Oktober 1846 konnte man von Ludwigsburg nach Untertürkheim fahren. Es ist anzunehmen, dass sich der eisenbahnverrückte Wilhelm Seitter diesen Ausflug nicht hat entgehen lassen. Was er beobachtete – Handwerker, Liebespaare, eine Familie, einen Leierkastenmann, die Kirche, die Kapelle und in der Ferne den Zug, der mal in die eine und mal in die andere Richtung fuhr – beeindruckte den künstlerisch begabten Mann so sehr, dass er die Szene in einem großen Bild festhalten wollte – und bewegen sollte sich die menschliche, tierische und technische Staffage auch noch.

Ein singender Konditor: Wilhelm Seitter hatte Konditor gelernt und entstammte einer umtriebigen Ludwigsburger Familie: Sein Onkel, Jakob Friedrich Kammerer, handelte mit vielerlei Dingen, erfand das Phosphor-Reibzündholz, hatte Kontakt zu einem revolutionären Zirkel, war deshalb auf dem Hohenasperg eingekerkert, konnte aber in die Schweiz fliehen. Seine Fabrik „J.F. Kammerer Schuhwichse u. 1. Hersteller der Zündhölzer“ übernahm sein Neffe Wilhelm Seitter. Ob er gern mit Schuhwichse und Zündhölzern handelte? In seiner Freizeit jedenfalls ging der handwerklich geschickte und künstlerisch begabte Mann in seinen Keller im Eckhaus Lindenstraße/Hospitalstraße. Bei Kerzenlicht baute er Marionettentheater und große Figuren, mit denen Wilhelm Seitter vor den Nachbarn Mozart-Opern aufführte; die Gesangsrollen übernahm er selbst. In diesem Keller entstanden in der Zeit um 1880 (genau weiß man es nicht) mehrere Musikbilder, eines davon ist die Dorfszene aus Rotenberg. Das Faszinierende: Über 40 Szenen des Bildes sind beweglich, sie werden angetrieben von der Walze einer Spieluhr, die das Bild fünf Minuten lang leben lässt und in dieser Zeit sechs unterschiedliche Melodien spielt – Hightech aus dem Biedermeier.

Und es bewegt sich doch: Wilhelm Seitter selbst hat sich – wie bildende Künstler es oft tun – in dem Leierkastenmann verewigt, der die Kurbel dreht, während eine Familie der Musik lauscht, die Frau ihr Baby eher schüttelt als wiegt, ein Mädchen mit dem Fuß im Takt wippt und das Äffchen auf dem Leierkasten die Trompete bläst. Auf dem Dach eines Hauses hämmert ein Zimmermann, die Katze bewegt Kopf und Schwanz, drei Tauben fliegen in einen Baum, Hühner scharren und picken, ein Mann führt die Pfeife zum Mund, unaufhörlich fließt der Wasserstrahl in den Brunnentrog, Dörfler gehen die Straße auf und ab – wie funktioniert das alles nur? Das hat sich Wolfgang Otto-Merk auch gefragt, als er das Musikbild halb kaputt zum ersten Mal zu Gesicht bekam. Das war im November 2017 im kleinen Ortsmuseum in Rotenberg.

Die verschlungenen Wege eines Bildes: Wie das Musikbild aus Ludwigsburg ins Ortsmuseum nach Rotenberg gekommen ist, das ist eine Geschichte für sich. In wenigen Sätzen erzählt geht sie so: Auf verschlungenen Wegen war das Bild in den Besitz der Ur-Ur-Enkelin von Wilhelm Seitter und nach München gelangt. Dort hing es im Wohnzimmer und die mittlerweile betagte Dame fasste einen Entschluss: Das Bild soll nach ihrem Tod zückkehren in das Dorf, das es abbildet, es soll fachmännisch restauriert werden, und es muss öffentlich zugänglich sein. Ein Brief mit diesen Forderungen erreichte 2012 Klaus Enslin, den Vorsitzenden des Untertürkheimer Bürgervereins und gleichzeitig Kurator des Ortsmuseums der beiden Stuttgarter Stadtteile. Enslin war ebenso überrascht wie erfreut und revanchierte sich fortan jedes Jahr mit einem Gebinde des lokalen Weins. Als die Dame schließlich in ein Pflegeheim umzog, kam das Bild 2017 nach Rotenberg. Eingepackt in viel Styropor und Schaumstoff, holte Klaus Enslin es von München „nach Hause“. „Es hat gerade so ins Auto gepasst“, erinnert er sich. Fast die Hälfte aller Funktionen war kaputt. Was tun? Uhrmacher lehnten die Reparatur reihenweise ab. Da kam der Zufall zu Hilfe.

Ein Tüftler und Therapeut verliebt sich: In der Nachbarschaft des Museums lebt Wolfgang Otto-Merk. Der Mann mit der weißen Haarmähne und dem markanten Schnauzbart hat ein Handwerk gelernt, hat Sozialpädagogik und Bildhauerei studiert und arbeitet jetzt im Ruhestand als Familientherapeut. Er sah das Bild und verliebte sich. Was folgte, waren fünf Monate feinster Bastelarbeit, unterbrochen von Phasen des Zweifels, ob er sich nicht übernommen hätte und wachsende Hochachtung vor Wilhelm Seitter: „Er war ein Amateur der Unglaubliches geschaffen hat!“

Ein Mann mit zwei linken Armen: Am Anfang der Reparatur stand die Bestandsaufnahme: Welcher Draht, welche Feder, welches Gummi verursacht welche Bewegung? Die Schwierigkeit: Steht man hinter dem Bild, sieht man nicht, was sich vorne tut. Und: Man kann nicht hinter die gestaffelten Kulissen aus bemaltem Karton schauen. Otto-Merk fand eine Lösung. Mit einer Endoskopkamera, gekoppelt an einen Laptop, konnte der Tüftler selbst in feinste Zwischenräume sehen. So kam er dem Geheimnis des Mannes mit den zwei linken Armen auf die Spur. Während die kleine Figur fleißig sägt, führt der zweite linke Arme immer mal wieder einen Mostkrug zum Mund. Die Kamera entdeckte das winzige Teil hinterm Sägebock; es war heruntergefallen.

Generalprobe und ein Schreck: Über 60 Arbeitsstunden, zahllose neue Federspiralen und Gummibänder später – endlich die Generalprobe und ein Schreck: Nichts bewegte sich! War alle Mühe umsonst? Erst als die Spinnerin von der Hauptwelle abgehängt war, begann das Bild zu leben, wie vor 140 Jahren.

von Andrea Nicht-Roth mit Fotos von Klaus Enslin und Wolfgang Otto-Merk
Weitere Artikel aus diesem Ressort
Anzeige
UMFRAGE
Handy im Auto

Wie halten Sie es mit der Handy-Nutzung im Auto? In meinem Auto benutze ich mein Handy....

Die schönsten Seiten des Kreises
Zeitschriftenvorteil