Immer mehr Menschen entscheiden sich gegen eine Erdbestattung. Auch, weil sie in Sachen Grabpflege den unter Umständen weit entfernt lebenden Angehörigen „nicht zur Last fallen wollen“. Andere wünschen sich eine individuellere Form der Erinnerung, als viele traditionelle Friedhofsordnungen dies zulassen. Die Friedhofskultur ist deshalb seit einiger Zeit im Umbruch, man sieht es an den zunehmend freibleibenden Flächen.
Einen Ort der Trauer finden
Neue Ansätze bieten etwa Bestattungs- oder Memoriam-Gärten – pflegefreie Gemeinschaftsgrabanlagen, bei denen es sich um von Fachbetrieben aufwendig gestaltete und bepflanzte Themenflächen handelt, die fast schon kleine blühende Parkanlagen sind. Sie bieten je nach Konzept Platz für Sargbestattungen und Urnen und erfreuen sich als Alternative zu herkömmlichen Einzelgräbern immer größerer Beliebtheit. Die Grenzen der einzelnen Gräber sind nicht sichtbar, Hinterbliebene haben aber einen Ort der Trauer – ohne sich um ein Grab kümmern zu müssen.
Experimentierfeld
Frische Ideen gibt es seit 2023 auch mit dem „Campus Vivorum“ in Süßen. Das Gelände der Kunstgießerei Strassacker bezeichnet sich als „weltweit erstes Experimentierfeld zum Friedhof der Zukunft“ und erprobt neue Konzepte „des heilsamen Trauerns“. Hier lernt man neue Formen der Grabgestaltung und der Erinnerung kennen. Initiator Günter Czasny hatte zuvor eine widersprüchliche Entdeckung gemacht: Obwohl sich Hinterbliebene für eine pflegefreie Grabstätte entschieden hatten, stellten sie Blumen, kleine Engel oder Grablichter auf. Und zwar dort, wo sie die Urne vermuten und nicht, wo es laut Friedhofssatzung erlaubt wäre. Er schloss daraus, dass sie einen Ort brauchen, an dem sie sich den Verstorbenen nahe fühlen können.
Entsprechend macht Campus Vivorum nun Vorschläge, wie Friedhofsbetreiber diesen Bedürfnissen besser gerecht werden können: Mit Gemeinschaftsgrabfeldern, die Raum für ein persönliches Erinnern schaffen, ohne gleichzeitig zur Grabpflege zu verpflichten. Und mit Ansätzen, die den freibleibenden Flächen auf den Friedhöfen eine neue Bestimmung geben, etwa über eine naturnahe Gestaltung, die es erlaubt, den tröstlichen Kreis von Wachsen, Entfalten und Vergehen zu beobachten. Infos: raum-fuer-trauer.de
Garten der Erinnerung
Neue Wege geht man auch im Kreis Ludwigsburg, etwa mit dem sogenannten „Garten der Erinnerung“ auf dem Ditzinger Friedhof. Die Ehrenamtlichen von „Ewig anders Ditzingen“ gestalten hier einen zentralen Trauerort, der zum Verweilen einlädt: Mit einer Kerzenandacht aus geschichteten Grabsteinen, einem Hügelbeet, auf dem im Andenken an liebe Menschen gepflanzt werden darf. Außerdem ist aus einem vormaligen Grabmal ein bildhauerisch gestalteter Quellstein entstanden, der das Verfließen der Zeit symbolisiert. Infos: ewig-anders-ditzingen.de
Ein Ort für die Lebenden
All diese Projekte zeigen: Der Friedhof ist nicht nur letzte Ruhestatt für die Verstorbenen, er muss vor allem anderen auch den Hinterbliebenen einen Ort für ihre Trauer bieten. Damit sie danach gestärkt hinausgehen und in ihrem Alltag weiterleben können. Vollzieht man diesen Wandel in der Trauerkultur richtig, werden aus Friedhöfen tatsächlich Orte für die Lebenden. (sm)
