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Ein Buch bringt Licht ins Dunkel

Bastian Loibl hat die Geschichte des Kinderheims von 1944 bis zum Jahr 1975 anhand von Akten und Interviews aufgearbeitet. Er will Einblicke in das Alltagsleben der damaligen Zeit bieten und Licht ins Dunkel dieser Jahre bringen. Claudia Obele, Vorstandsvorsitzende der Evangelischen Jugendhilfe Hochdorf, ist es wichtig, die dunklen Seiten nicht auszuklammern. „Ich wollte nie mit dem Vorwurf konfrontiert werden, nicht nachgefragt zu haben“, sagte sie wohl auch mit Blick auf die Vorgänge in anderen Einrichtungen. Von ihr war deshalb auch der Initiative ausgegangen, die Akten erforschen.

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Claudia Obele und Günter Baumgärtner mit dem neuen Buch über die Hochdorfer Heimkinder.Foto: Andreas Essig
Ludwigsburg. „Große Skandale von Missbrauch und Gewalt haben nicht stattgefunden“, lautete gestern das Fazit von Claudia Obele, die seit 25 Jahren in der Einrichtung in Hochdorf tätig ist. Allerdings machte sie keinen Hehl daraus, dass das Leben im Heim alles andere als ideal war. „Der Aufenthalt hat den Kindern nicht unbedingt gutgetan, sie wurden eher verwahrt als erzogen“, sagte sie. Im Kinderheim sollten Zucht und Ordnung herrschen, wozu es angesichts der personellen Ausstattung wohl keine andere Alternative gab: Zeitweise waren drei Diakonissen rund um die Uhr für die Betreuung von 60 Kindern zuständig. An die individuelle Förderung von Talenten war nicht zu denken. Die Schulnoten der Heimkinder waren nicht die besten und entsprechend schwierig gestaltete sich die Berufsausbildung. Uwe Breitling, der als Krankenpfleger sein Geld verdient, verheiratet ist und drei Kinder hat, gehört wohl zu den positiven Ausnahmen.

Geschlagen wurden die Kinder ebenso wie ihre Altersgenossen, die in Familien aufwuchsen. Nicht aktenkundig, aber mündlich überliefert, ist sexueller Missbrauch. So soll sich eine Erzieherin Anfang der 70er Jahre einen oder mehrere kleine Jungen zu sich in ihr Zimmer geholt haben. Uwe Breitling, Jahrgang 1960, lebte von 1963 bis 1976 im Hochdorfer Heim. „Die Erzieherin wurde vom Dienst suspendiert, aber später Leiterin einer Einrichtung im Rems-Murr-Kreis“, erzählte er bei dem gestrigen Pressegespräch.

Um ein Heimkind zu werden, bedurfte es vor einigen Jahrzehnten noch nicht viel. „Den Familien wurden die Kinder relativ schnell weggenommen, so Claudia Obele. Allein der Umstand, dass eine Frau alleinerziehend und berufstätig war, reichte aus. Das war auch bei Uwe Breitling der Fall, dessen Mutter alleine für vier Kinder sorgen musste. Anders als andere Kinder, die im Heim groß geworden sind, hadert er nicht mit seinem Schicksal. Er war es auch, der vor acht Jahren das erste Ehemaligentreffen initiierte. Gestern fand es zum fünften Mal statt. Als er damals mit den Nachforschungen begann und die Adressen zusammensuchte, sei er schockiert gewesen. „Etwa 20 ehemalige Heimkinder aus meinem Jahrgang leben nicht mehr“, berichtete er von einer signifikant hohen Sterberate. Viele seien an den Folgen von Alkohol und anderen Drogen gestorben oder hätten ihrem Leben selbst ein Ende gesetzt. Ein Heimkind zu sein, das war ein Stigma, erst recht in einem so kleinen Ort wie in Hochdorf. Schon rein äußerlich fielen die Mädchen und Jungen auf. „Wir mussten die Kleidung der anderen Kinder auftragen und hatten alle den gleichen Haarschnitt“, so Breitling.

Für viele Kinder, so berichtete Obele von Gesprächen mit Ehemaligen, sei das Kinderheim aber durchaus ein Ort der Geborgenheit gewesen, der ihnen ein besseres Aufwachsen als in der Herkunftsfamilie ermöglichte. „Einige wollen das Heim nie mehr betreten, für andere war der Aufenthalt hier ein Glücksfall, beschreibt sie die Ambivalenz. „Natürlich kommen zu den Ehemaligentreffen vor allem diejenigen, die gute Erfahrungen haben“, betonte sie. Trotzdem werde bei dieser Gelegenheit durchaus offen auch über das geredet, was nicht gut war. Diese Gespräche sieht Claudia Obele als wichtige Form der Aufarbeitung. „Ich bin entsetzt“, sagte Günter Baumgärtner, Vorsitzender des Trägervereins. Es sei ihm nicht bewusst gewesen, dass aufgrund des ökonomischen Zwangs die Menschenwürde im Kinderheim Hochdorf mit Füßen getreten worden sei.

Qualitätskontrollen und natürlich ein viel besserer Personalschlüssel verhindern heutzutage, dass so etwas geschehen kann. Die Evangelische Jugendhilfe Hochberg betreut aktuell 20 Kinder stationär, die in kleinen Wohngruppen leben.