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Ein Horizont aus Maschendraht

Die Kornwestheimer Künstlerin Sibylle Möndel zeigt ab Sonntag in der Korntaler Galerie 4/1 ihre Bilder

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Organisch aus sich selbst heraus gewachsen: Die Werke von Sibylle Möndel – hier in der Ausstellung der Galerie 4/1.Foto: Karin Rebstock

Ludwigsburg. Korntal-Münchingen. Die schemenhafte Figur, es ist wohl eine Frau, sie scheint sich zu entfernen. Ihre Konturen verschwimmen im Licht, wobei es sich genau genommen auch um Schatten, ja um Dunkelheit handeln könnte. Wenn auch vieles in den 30 Bildern der Kornwestheimer Malerin Sibylle Möndel, die ab Sonntag in der Ausstellung „ausgewählt“ in der Galerie 4/1 gezeigt werden, im Ungewissen bleibt, lässt sich im obigen Beispiel dennoch festhalten: Sie – wer auch immer sie sein mag – ist auf dem Weg. „Wege“ heißt eine der drei Werkgruppen, die bis zum 13. Mai in der ehemaligen Hausmeisterwohnung auf zwei Etagen zu sehen sind. Woher? Wohin? Warum? Solche Fragen werfen die Bilder von Möndel auf, ohne sie zu beantworten. Oder besser gesagt: Sie stellen diese Fragen nicht, sondern lassen sie im Betrachter leise aufkeimen. Denn nichts an Möndels Kunst ist laut, plakativ oder gar grell.

„Talking loud, saying nothing“ geht eine englische Redewendung. Laut reden, aber nichts sagen? Hier verhält es sich gerade umgekehrt: Diese leise Stimme, so sehr sie der Offenheit, der Unklarheit und auch der Ambivalenz vor jeder Verkürzung einer direkten Aussage den Vorzug zu geben scheint, hat doch mehr als ausreichend Substanz zu bieten. Anders gesagt: Möndel kann es sich leisten, ihre Bilder für sich selbst sprechen zu lassen.

Verwischte Umrisse, vielfach in Schwarz-Weiß und Grauabstufungen, ansonsten in einer gedeckten Palette von fahler Farbigkeit kennzeichnen auch die Exponate von „Grenzland“ und „Waldstücke“, den beiden anderen Werkgruppen. Mit Ausnahme eines Tafelbilds aus dem Jahr 2000, eine souveräne Malerei von knorrigem Astwerk in Schwarz-Weiß, stammen alle Bilder der Korntaler Ausstellung aus den vergangenen drei Jahren. Seit 2014 beschäftigt sich die 1959 in Stuttgart geborene und an der dortigen Fachhochschule bei Prof. Hans K. Schlegel ausgebildete Künstlerin mit dem Siebdruck, nachdem sie 25 Jahre lang eine Vielzahl an Einzel- und Gruppenausstellungen mit wenn auch oft mit grafischen Elementen spielender, so doch vorwiegend abstrakter Malerei bestritten hat. Möndels Werke finden sich in den Sammlungen des Regierungspräsidiums Stuttgart und des Landkreises Ludwigsburg. Zum Siebdruck habe sie über die befreundete Künstlerin Angelika Flaig gefunden, die im Stuttgarter Künstlerhaus in der Lithografiewerkstatt arbeitete und mit der gemeinsam sie auch die Korntaler Schau kuratiert hat. Bei einem Besuch habe Flaig sie motiviert, es auszuprobieren. Weil der klassische Siebdruck auf Papier „nicht ihr Ding“ gewesen sei, habe sie angefangen, auf bemalte Leinwände zu drucken und damit Acrylmalerei und nicht kolorierten Siebdruck zu kombinieren. Gelegenheit macht Siebe.

So prozesshaft und intuitiv wie das Verfahren selbst ist, entstehen auch die Kompositionen: Vorzeichnungen, Skizzen oder Studien benötigt Möndel keine, die Vorlagen für die Druckschablonen seien eigene Fotografien oder Familienbilder, andere finde sie in den Medien. Die in dieser Mischtechnik entstehenden Unikate folgen keinem im Voraus festgelegten Bildplan, sondern wachsen gewissermaßen organisch aus sich selbst heraus.

Der Ausstellungstitel „ausgewählt“ spielt auch darauf an, dass keine der umfangreichen Werkgruppen hier in Gänze zu sehen ist: „Grenzland“ etwa ist mit nur einem Bild vertreten, allerdings dem durch sein etwas größeres Format ausgezeichneten Mittelstück einer als fortlaufendem Wandfries angelegten Komposition. Ein kleines Mädchen flüchtet aus der Bildmitte, in der Nato-Stacheldraht über einen Horizont aus Maschendraht ragt. Rote Schleier der an manchen Stellen durchscheinenden Caput-Mortem-Grundierung erinnern an lavierte Blutlachen. Einige ihrer Bilder grundiert Möndel mit Asche. Nicht selten bilden sie eine Art Triptychon. Manchmal bearbeitet sie den noch nassen Siebdruck weiter, mit dem Zahnspachtel, mit dem Pinsel, mit einem Tuch. Weniger Naturschönheit als vielmehr die Bedrohung einer lebensnotwendigen Ressource scheinen die „Waldstücke“ zu thematisieren. Dass sie eine Grenzgängerin zwischen den Disziplinen ist, könnte man fast übersehen, so wenig Lärm macht sie darum. Genau das verleiht ihrem Werk die Stimmigkeit: Dass es beim Grenzübertritt gilt, sich still zu verhalten, gehört zum globalen Erfahrungsschatz aller Migranten. Eine überaus sehenswerte Ausstellung einer bemerkenswerten Künstlerin.

Info: Die Ausstellung von Sibylle Möndel wird am Sonntag, 22. April, um 11.30 Uhr eröffnet und ist bei freiem Eintritt bis 13. Mai in der Galerie 4/1 des Kunstvereins Korntal-Münchingen in Korntal-Münchingen in der Hans-Sachs-Straße 4/1 zu sehen.