Kreis Ludwigsburg. Der Friedhof verändert sich. Wo früher das klassische Familiengrab über Jahrzehnte hinweg selbstverständlich war, wünschen sich heute viele Menschen eine Bestattungsform, um die sich Kinder, Partner oder andere Angehörige später nicht kümmern müssen. Dahinter steckt häufig ein Gedanke, der weit über organisatorische Fragen hinausgeht: Niemand möchte nach seinem Tod den Hinterbliebenen zur Last fallen. In der Folge ergab sich eine schrittweise Abkehr von der klassischen Erdbestattung hin zu Urnengräbern. Das aber führt dazu, dass immer mehr Platz auf den Friedhöfen ungenutzt bleibt.
Pflegefrei, aber dennoch individuell?
Gleichzeitig zeichnet sich auch ein Trend zu pflegefreien Formen der Beisetzung ab, etwa in Baumgräbern oder in Friedwäldern. Die Angehörigen, die sich in den wenigen Tagen zwischen Eintritt des Todes bis zur Beisetzung oft im emotionalen Ausnahmezustand befinden, kommen diesem letzten Wunsch meist gerne nach. In den folgenden Wochen wird der Verlust dann aber oft erst so richtig spürbar. Um dem Verstorbenen nahe zu sein, wächst dann der Wunsch, Blumen oder kleine Erinnerungsstücke abzulegen, übrigens eine ganz natürliche Reaktion der Trauerarbeit. Allerdings untersagen die Friedhofsordnungen in aller Regel genau das. Werden dann doch Dinge auf den Baumgräbern abgeräumt.
Genau diese Diskrepanz zwischen den Vorgaben für die eigene Beisetzung und dem Bedürfnis der Hinterbliebenen in Ruhe zu trauern, bemerkte auch Günter Czasny und er rief deshalb die Initiative „Raum für Trauer“ ins Leben. Ziel ist es, neue Gestaltungsformen für Gräber und Erinnerungsorte zu erproben, die gleichzeitig auf lange Sicht auch dazu beitragen könnten, dass Friedhöfe als Erinnerungs- und Kulturraum erhalten bleiben. Seit 2023 gibt es deshalb den Campus Vivorum in Süßen, der sich als weltweit erstes Experimentierfeld in Sachen Bestattungskultur versteht.
Ein Ort für die Lebenden
Das rund 6000 Quadratmeter große, zur Kunstgießerei Strassacker gehörige Areal ist in seiner Ausrichtung ein „Ort für die Lebenden“ und beschäftigt sich mit der Frage, wie Friedhöfe und Beisetzungsorte künftig aussehen können, wenn sie stärker von den Bedürfnissen Trauernder her gedacht werden. Verschiedene Fachrichtungen von der Psychologie und Trauerforschung bis zur Landschaftsarchitektur sind in die Entwicklung eingeflossen. Erprobt wird hier, was Menschen in ihrer Trauer gut tut und wie ein schrittweiser Übergang auf den freibleibenden Flächen der Friedhöfe stattfinden kann.
Das Team um den Campus Vivorum zeigt unter anderem auf, dass Gemeinschaftsgrabanlagen eine Antwort auf das Dilemma der pflegefreien Bestattungsformen sein können. Diese schön gestalteten Flächen werden vom Friedhofsgärtner betreut, so dass die Angehörigen von der Grabpflege befreit sind. Ein kleiner, individuell gestalteter Stein markiert das Grab und charakterisiert im Idealfall die Verstorbenen, auch hierzu gibt der Rundgang zahlreiche Anregungen.
Gleichzeitig gibt es über Beisetzungsort der einzelnen Urne einen individuell zu gestaltenden kleinen Bereich: Hier finden Erinnerungsstücke ihren Platz oder es können Blumen gepflanzt werden. Ist dies nicht möglich, altershalber oder weil die Hinterbliebenen weit entfernt leben, lässt sich dieser Individualbereich durch eine Bepflanzung mit Bodendeckern oder durch eine Steinabdeckung pflegefrei halten. Beides passt sich perfekt in die gemeinschaftliche Anlage ein.
Das verändert den Blick auf pflegefreie Gräber. Pflegefrei muss nicht bedeuten, dass anonym bestattet werden muss. Andererseits muss Entlastung nicht heißen, dass Angehörige auf persönliche Erinnerungsrituale oder auf eine individuelle Gestaltung verzichten müssen. Für die Entscheidungsträger in den Stadtverwaltungen zeigt das Team rund um Vordenker Günter Czasny außerdem bei speziellen Seminaren auf, wie freibleibende Friedhofsflächen auch um Bestandsgräber herum zu Gemeinschaftsanlagen gestaltet werden können, so dass ein schrittweiser Übergang zwischen den Bestattungsformen gegeben ist.
Trauern und weiterleben
Noch etwas wird in unserer mobilen Gesellschaft immer wichtiger: Für alle Trauernden, die die Gräber ihrer Angehörigen nicht regelmäßig besuchen können, macht der Campus Vivorum überdies eine Reihe von Vorschlägen für allgemeine Erinnerungsorte auf dem heimischen Friedhof, die unabhängig vom Grab sind. So können Hinterbliebene etwa eigens aus diesem Grund angelegte Hochbeete bepflanzen oder in schön gestalteten Rückzugsbereiche Zwiesprache mit den Verstorbenen halten. Denn auch dies zeigt der Rundgang: Auch wenn immer mehr Fläche auf den Friedhöfen leer bleibt, das Bedürfnis nach einem Ort der Ruhe und der Erinnerung ist ungebrochen.
Der Campus Vivorum versteht sich dabei nicht als fertige Blaupause, sondern als Experimentier- und Erfahrungsraum für neue Lösungen. Das Entscheidende an diesem Ansatz ist vielleicht weniger die einzelne Grabform als der Perspektivwechsel dahinter: Der Friedhof ist nicht allein der Ort der Toten. Er ist ebenso ein Ort für die Menschen, die mit dem Verlust weiterleben müssen.
