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Im Gespräch mit der französischen Staatssekretärin Sarah El Hairy über Europa

Sarah El Hairy. Foto: Philippe Devernay
Sarah El Hairy. Foto: Philippe Devernay
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Ein Europa des Friedens, eine mutige Jugend – das sind für die 33-jährige Sarah El Hairy wichtige Koordinaten. Die französische Staatssekretärin für Jugend ist heute zu Gast in Ludwigsburg. Gefeiert wird anlässlich der Rede Charles de Gaulle vor 60 Jahren die deutsch-französische Freundschaft.

Ludwigsburg. Frau El Hairy, was sagt Ihnen persönlich die Rede von de Gaulle heute?

Sarah El Hairy: Sie ist ein historischer Meilenstein bei der Schaffung des gemeinsamen Schicksals unserer beider Länder und der Europäischen Union. Wenn eine Generation wie meine in einem friedlichen und wohlhabenden Europa aufwachsen konnte, so ist es dem Mut und der Entschlossenheit von Bundeskanzler Adenauer und General de Gaulle zu verdanken, dass Deutschland und Frankreich in der Lage waren, gemeinsam eine neue Ära für unseren Kontinent einzuläuten. Als Staatssekretärin für Jugend sehe ich in der Rede auch den großartigen Appell an die französische und die deutsche Jugend, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und sich entschieden für ein Europa des Friedenseinzusetzen. Diese Botschaft ist immer noch von mitreißender Aktualität.

Er hat sich an die Jugend gewendet, was muss man heute der Jugend sagen?

el Hairy: In erster Linie hat sie allen Grund, der Generation ihrer Eltern und Großeltern dankbar zu sein, die die Herausforderung gemeistert haben. Man muss ihr auch sagen, dass das Wunder, das Europa darstellt, uns dazu anregen muss, alles zu tun, um es zu bewahren und zu bereichern. Denn nichts ist selbstverständlich, Fehler der Vergangenheit können wiederholt werden: Die Rückkehr des Krieges auf unseren Kontinent, in der Ukraine, macht uns die Zerbrechlichkeit des Wunders Europa bewusst. Die neue Generation muss neue Herausforderungen bewältigen, allen voran den ökologischen Wandel. Diese Herausforderungen können ein Gefühl der Ohnmacht hervorrufen. Aber ich möchte dieser Generation sagen, dass Europa in Krisenzeiten aufgebaut wurde und dass der europäische Charakter in unserer kollektiven Fähigkeit geformt wurde, diese zu überwinden. Europa wird diese Herausforderungen meistern.

Klimaschutz, neue Mobilitätsformen – die Jugend hat wichtige Themen benannt. Muss die Politik umgekehrt mehr auf die Jugend hören?

El Hairy: Natürlich, die Regierungen müssen imstande sein, den Erwartungen der Jugend Gehör zu schenken und sie in Taten umzusetzen. In Frankreich und allgemein in Europa ist der Kampf gegen den Klimawandel eines der wichtigsten, wenn nicht gar das Hauptanliegen der Jugend. Das treibt sie auch dazu an, sich zu engagieren. Die Herausforderung des ökologischen Wandels kann nur durch eine ganzheitliche Mobilisierung bewältigt werden. Das bedeutet eine gesellschaftliche Revolution in allen Bereichen. Überall, wo ich in Frankreich und in Europa hinkomme, sehe ich die Energie der jungen Menschen, ihren Willen, diese Herausforderung zu bewältigen.

Der Schüleraustausch findet nicht mehr so wie früher statt. Muss man andere Formen des Kontakts suchen?

el Hairy: Das ist ein wichtiges Thema. Nach der Gesundheitskrise müssen wir für junge Menschen, und zwar für alle jungen Menschen, insbesondere für die am stärksten benachteiligten, in Europa wieder Raum für Austausch und Mobilität schaffen. Frankreich und Deutschland sind bestrebt, den Jugendaustausch wieder aufzunehmen und zu intensivieren, und ich möchte die großartige Arbeit des Deutsch-Französischen Jugendwerks würdigen, das jährlich fast 190000 Jugendlichen einen Schüleraustausch ermöglicht und 4000 Partnerschaften zwischen Schulen unterstützt. Die Unterstützung dieses Austauschs ist einer der Schwerpunkte des Vertrags von Aachen. Dazu gehört die Förderung des Erlernens unserer jeweiligen Sprachen. Dazu gehört auch die Entwicklung neuer Formen des Austauschs, um alle jungen Menschen zu erreichen: Auszubildende, junge Freiwillige des Europäischen Solidaritätskorps oder unserer Zivildienstprogramme, junge Künstlerinnen und Künstler.

In Frankreich gibt es europakritische Strömungen, Le Pen wendet sich auch gegen Deutschland. Ist die Freundschaft nur teils gewollt?

El Hairy: Der französische Staatspräsident hat bei der Unterzeichnung des Vertrags von Aachen daran erinnert, dass das deutsch-französische Fundament „in einem wankenden Europa unverzichtbar ist“. Ich glaube nicht, dass die deutsch-französische Freundschaft nur noch in Teilen besteht. Die letzten Jahre, in denen Europa mehrere Krisen durchlebt hat, haben gezeigt, dass Deutschland und Frankreich stets den Willen zur Zusammenarbeit besaßen. Natürlich ziehen es in Zeiten der Unsicherheit einige Parteien – wie die von Ihnen erwähnte Partei von Frau Le Pen – vor, diese Unstimmigkeiten aus Demagogie und Simplizität zu verschärfen und die Schwierigkeiten auf Brüssel oder Berlin abzuwälzen. Sie hoffen, damit ihre dürftigen Programme und die Gefährlichkeit ihrer Lösungen zu verbergen. Das ist eine Sackgasse, und ich glaube nicht, dass sich die Menschen grundsätzlich davon täuschen lassen.

Wie kann das Miteinander verbessert werden?

El Hairy: Ich glaube, dass es die gemeinsamen Erfahrungen sind, die dieses Gefühl verstärken. In dieser Hinsicht ist der Deutsch-Französische Bürgerfonds ein großartiges Instrument: Trotz der Pandemie wurden durch ihn 1000 Projekte unterstützt. Er macht diese Freundschaft ganz konkret auf lokaler Ebene, im Alltag der Menschen, erlebbar. Hier in Baden-Württemberg wurden so die Gründung neuer Städtepartnerschaften, eine Ausstellung über Frauenrechte, ein Austausch über nachhaltige Entwicklung zwischen Tübingen und Aix-en-Provence, über die Integration von Migranten und Flüchtlingen zwischen Karlsruhe und Straßburg sowie verschiedene Begegnungen ermöglicht. Das ist gelebte deutsch-französische Freundschaft.

Info: Die LKZ-Artikelserie zu „60 Jahre Rede Charles de Gaulle“, siehe www.lkz.de/Serien.

Festakt: Der Festakt zum Jubiläum findet am Freitag, 11. September 2022, mit geladenen Gästen im Residenzschloss statt. Unter anderem wird Ministerpräsident Winfried Kretschmann erwartet.