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Mit Kreativität geht es gegen den inneren Kobold

Das Tourette-Syndrom ist immer noch mit vielen Klischees beladen. Dagegen geht Jean-Marc Lorber aktiv an. Der aus Freudental stammende Sänger hat vor kurzem sein erstes Hörbuch auf den Markt gebracht. In „Tourette in my head – von der Kunst, anders zu leben und zu denken“ geht er in die Offensive und bringt den Menschen seine Krankheit näher.

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Jean-Marc Lorber. Foto: Tobias Bumm

Ludwigsburg. Ob es eine Hirnhautenzündung im Kindesalter war oder ein anderer Auslöser, weiß er nicht. Jean-Marc Lorber musste dennoch früh die Tatsache akzeptieren, dass er anders ist als die anderen Kinder. Von klein auf verfolgte ihn das Tourette-Syndrom, das er als Kobold im Kopf bezeichnet. Die Erkrankung besteht nicht, wie so oft kolportiert, aus dem Schreien von Schimpfwörtern. „Das ist nur ein geringer Prozentsatz an Leuten, bei denen sich das so äußert“, sagt der 38-Jährige. Der aus Freudental stammende Sänger hat vielmehr schwerwiegende Ticks. Diese bestehen aus Knacklauten beim Sprechen sowie Zuckungen. Ein Teil davon sind Übersprungshandlungen, wenn er nervös ist. Sie lösen sich, sobald er sich vollkommen sicher fühlt. Meistens ist das beim Singen der Fall.

Kein Wunder also, dass Lorber seit vielen Jahren in Chören mitmischt. Beim jungen Chor „da capo“ der Concordia in Bönnigheim ist er seit zehn Jahren aktiv. Eine weitere Herzensangelegenheit sind seine Soloprojekte. Dort firmiert er unter „Spellfire Jamal“. Ein bisschen Pop, viel Elektro und auch Hip-Hop prägen seinen Stil. Seit seinem Umzug nach Stuttgart vor drei Jahren ist Lorber allerdings noch stärker damit beschäftigt, die Menschen aufzuklären. Er geht als Botschafter der Tourette Gesellschaft Deutschland und für andere Organisationen in Schulen und zu Betroffenen, um über seine Erfahrungen zu berichten. Da er nicht an allen Orten gleichzeitig sein kann, kam ihm die Idee, dass er die Geschichte seines Lebens als Hörbuch einsprechen könnte. Entstanden ist „Tourette in my head – von der Kunst, anders zu leben und zu denken“, das seit letzten Dezember im Internet erworben und heruntergeladen werden kann. Zu Werbezwecken war er damit kürzlich ein gefragter Interviewpartner im Radio und Fernsehen. „Das machte schon viel Spaß“, erinnert er sich.

Erstaunlich ist vor allem die Offenheit, mit der er in seinem Hörbuch agiert. Ganz authentisch erzählt er von den Höhen und Tiefen, die er erlebt hat. So war seine Mutter empfindsamer für die Krankheit als sein Vater. Von seiner älteren Schwester erhielt er ebenfalls viel Unterstützung. Trotz allem war er in der Lage, eine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann zu absolvieren, da ihm der Arbeitgeber eine faire Chance gab. Aber schnell stellte sich heraus, dass seine große Stärke in seiner Stimme liegt, und er sattelte um zum Ernährungsberater. Im Zwiegespräch mit einzelnen Kunden hielt sich das Tourette in Grenzen. In der Öffentlichkeit nutzte ihm dies jedoch wenig „Eine Zeit lang habe ich es mit Alkohol probiert“, so Lorber. Die notwendige Erhöhung der Dosis wollte er jedoch nicht mitmachen. Seine Selbstironie und sein Humor halfen ihm, selbst ohne Rauschmittel mit seinem Tourette klarzukommen und gleichzeitig das Leben der Menschen in seinem Umfeld zu bereichern.