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Vom Fußballprofi zum Pinsabäcker

Tobias Weis spielte in der Fußball-Bundesliga und der deutschen Nationalmannschaft. Ende 2017 hat er in Ludwigsburg sein eigenes Restaurant aufgemacht und schnürt auch wieder die Fußballschuhe – auch weil Bissingens Sportvorstand scheinbar besser verhandelt hat als Uli Hoeneß Jahre zuvor.

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Tobias Weis: Der frühere deutsche Fußball-Nationalspieler hat eine Pinseria in Ludwigsburg eröffnet.

Ludwigsburg. Philipp Lahm reißt fragend seine Hände in die Luft, Bayern Münchens Trainer Jürgen Klinsmann steht wie versteinert an der Außenlinie und starrt in Richtung einer blau-weißen Jubeltraube nur wenige Meter von ihm entfernt. Inmitten dieser Traube verschwindet auch Tobias Weis. Kurz zuvor hat er spielend leicht den späteren Fußball-Weltmeister Lahm stehenlassen und Vedad Ibisevic bedient, der dann mit dem 1:0 für die TSG Hoffenheim rund 70 000 Zuschauer in der Münchner Allianz Arena verstummen lässt. Es ist der vorläufige Höhepunkt einer atemberaubenden Hinrunde, an deren Ende die TSG als Aufsteiger die Herbstmeisterschaft 2008 feiert – auch wenn das Spiel gegen die Bayern am Ende noch mit 1:2 verloren geht.

Heute, fast zehn Jahre nach seinem großen Auftritt in München, steht jener Tobias Weis mit einem breiten Lächeln in der Küche der La Pinseria in der Ludwigsburger Solitudestraße. Dort belegt er den länglich geformten Teig aus Soja- und Reismehl mit Tomatensoße, Büffelmozarella und scharfer Salami. „Das ist meine Lieblingspinsa“, sagt Weis später und erzählt, dass ein Kollege, Savas Eroglu, diese als Überraschung zur Eröffnung mit auf die Karte genommen hat. Dort steht nun an der Stelle 17 – der früheren Rückennummer des einstigen Fußballprofis – die „Pinsa Tobias Weis“. „Er meinte, die Salami ist scharf, wie ich auf dem Fußballplatz, schön aggressiv“, schmunzelt Weis.

Ende 2017 hat der Ex-Profi nahe dem Ludwigsburger Bahnhof sein eigenes Restaurant eröffnet. Dort serviert er mit der Spezialität Pinsa ein Gericht, das aus der Zeit des Römischen Reiches stammt. „Man vergleicht das oft mit einer Pizza, eine Pinsa ist aber qualitativ hochwertiger, alleine von den Zutaten“, schwärmt Weis von seinem Produkt, „der Teig braucht 72 Stunden im Gärschrank. Bis der Gast seine Pinsa genießen darf, sind drei Tage Arbeit angesagt.“

Heute plant Weis bereits weitere Stationen seiner gastronomischen Reise: Das nächste Ziel sei es, nach der Eröffnung eines Restaurants in Würzburg auch in Stuttgart einen Standort zu finden. In Stuttgart, also in der Stadt, in der Weis’ Fußballkarriere Fahrt aufnahm, soll nun seine Pinsa durchstarten.

Mit elf Jahren wechselte der gebürtige Schwäbisch Haller in die VfB-Jugend, mit 21 ging er nach Hoffenheim, wurde dort Herbstmeister und Nationalspieler. Es folgten Stationen bei Eintracht Frankfurt und dem VfL Bochum, 2016 war Schluss mit Profifußball.

Mit strahlenden Augen erzählt Weis heute von seiner Profizeit. „Ich glaube, das kann man nicht beschreiben oder nachempfinden, wenn man es nicht selbst erlebt hat. Spiele vor 80 000 Zuschauern im Stadion zu gewinnen, das vermisst man schon“, wird der heute 32-Jährige beim Rückblick auf seine Karriere sogar sentimental. „Ich habe, denke ich, vieles richtig gemacht“, zieht Weis ein positives Fazit – auch wenn er sich doch den einen oder anderen Vorwurf macht. „Ich bereue vielleicht, dass ich ab und zu meine Meinung kundgegeben habe, dass ich mich auch mal für die Mannschaft oder Spieler eingesetzt habe und ich dann alleine dastand und mir niemand den Rücken gestärkt hat“, übt Weis Kritik am Profifußball.

„Vereine und Trainer wollen nur noch die Spieler, die einfach die Klappe halten“, sagt Weis, aus dessen Augen das Strahlen bei diesem Thema langsam entweicht.

Als dann die berüchtigte „Trainingsgruppe zwei“, in die Weis im Jahr 2013 bei der TSG Hoffenheim verbannt wurde, zur Sprache kommt, verzieht sich seine Miene gänzlich. „Ich habe keinen Bock mehr, darüber zu reden“, sagt der sonst lockere Weis mit ernstem Blick, schildert nach kurzem Zögern aber doch, was ihm offenbar auf der Seele brennt. „Da sind viele Karrieren wirklich komplett kaputt gegangen“, geht er mit der Maßnahme des damaligen Trainers in Hoffenheim, Markus Gisdol, hart ins Gericht. Dabei wurden Spieler wie Weis oder der ehemalige Nationaltorhüter Tim Wiese in einem B-Team „geparkt“, das zwar bei der TSG unter Vertrag stand, jedoch trotz der laufenden Bundesligasaison nicht am Training der ersten Mannschaft teilnehmen durfte. „Wir mussten uns auf dem Schulgelände den Platz mit Schülern teilen, hatten ab und zu keine Bälle. Als wir nur drei Spieler im Training waren, wurden von der Geschäftsstelle drei Mitarbeiter, die mit Turnschuhen mit uns trainieren durften, zu uns geschickt.“

Sein Lächeln gewinnt Weis in seiner Pinseria erst wieder zurück, als er kurz darauf über seinen Auftritt in der Nationalmannschaft spricht. „Das war der größte Moment“, berichtet er stolz von der Asienreise mit der Elf von Joachim Löw, auf der er 2009, vier Jahre vor seiner Degradierung in Hoffenheim, sein erstes und einziges Länderspiel machen durfte. Beim 7:2-Sieg gegen die Vereinigten Arabischen Emirate wurde Weis in der 66. Minute für Thomas Hitzlsperger eingewechselt. „Was ich da erlebt habe, war gigantisch. Das ist eine ganz andere Welt als bei den Bundesligavereinen“, kehrt bei Weis in kürzester Zeit die gute Laune zurück.

Eigentlich wollte er dem Fußball ganz fernbleiben, nachdem seine Profi-Karriere im Sommer 2016 ausgeklungen war. Dass er nun aber doch noch einmal die Fußballschuhe schnürt, ist einem Zufall zu verdanken. Als er hinter der Bar Cocktails mixte, sprach ihn Monika Vahldiek, die Frau des Sportvorstandes des FSV 08 Bissingen, an.

„Das war ganz witzig, Steffen Vahldieks Frau kam mit ein paar Bekannten herein. Sie haben mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, hier Fußball zu spielen.“ Nach einer ersten Absage von Weis kam Steffen Vahldiek persönlich in die Pinseria, „wir haben uns auf einen Kaffee getroffen und auf Anhieb super verstanden.“ Ob Vahldieks Gattin bereits mit dem Plan, Weis vom Fußball-Oberligisten zu überzeugen, in die Pinseria kam? „Das glaube ich nicht“, gibt Weis mit einem Lachen zu verstehen.

Ohnehin können Vahldieks Überredungskünste nicht hoch genug eingeschätzt werden – schließlich hat Weis in seiner Karriere großen Namen eine Absage erteilt. „Eins vergesse ich sicher nicht: Das mit Bayern München“, blickt er noch einmal zurück und berichtet mit ein wenig Wehmut von einem konkreten Angebot des Rekordmeisters unter Trainer Louis van Gaal und Manager Uli Hoeneß. „Ich habe mich dann aber wegen Ralf Rangnick und meinem Manager doch für Hoffenheim entschieden. Das ist das Einzige, wozu ich heute sage, dass ich den Schritt hätte machen sollen.“

Jahre später heißt es für Weis nun Oberliga statt Nationalmannschaft, Sportgelände am Bruchwald statt Allianz Arena. „Es ist natürlich ein Unterschied, ob man Bundesliga oder Oberliga spielt, aber im Endeffekt geht es um das Gleiche. Es geht um Fußball und darum, Spaß zu haben“, freut sich Weis auf die Bissinger, mit denen er in die Regionalliga aufsteigen will. „Wir haben super Jungs. Man merkt, wie die Mannschaft zusammenhält und sich versteht – im Gegensatz zu einer Bundesligamannschaft gibt es auch nicht die einen oder anderen Grüppchen“, weiß der Mittelfeldmann, der wegen einer Sehnenentzündung noch nicht eingreifen konnte, unterklassigen Fußball zu schätzen.

Ein Problem hat Weis allerdings noch in Bissingen: Die Nummer 17 – seine Nummer, nach der auch seine Lieblingspinsa benannt ist – ist bereits vergeben. „An einen jungen Spieler, da wollte ich nicht mit der Tür ins Haus fallen. Aber ich denke, zur neuen Saison muss ich den bestechen, dann gibt er mir die Nummer.“ Dass es sich beim möglichen Bestechungsmittel um Pinsa-Gutscheine handelt, will Weis nicht ausschließen. „Wahrscheinlich wird es das“, scherzt er.