Marbach. Die Schriftstellerin Helga Schubert hält am 8. November die diesjährige Schillerrede. Das teilte das Deutsche Literaturarchiv Marbach am Mittwoch mit. „Als nüchterne Chronistin des ostdeutschen Alltags versteht es Helga Schubert auf einzigartige Weise, von Widerstand und der Sehnsucht nach Freiheit, von Macht und Ohnmacht zu erzählen“, heißt es in einer Pressemitteilung. „Ihre Texte machen präzise, anschaulich und mit versöhnlichem Gestus eine heute versunkene Welt in Einzelschicksalen lebendig, beziehen aber auch zu Gegenwartsthemen kompromisslos Stellung.“
Mit der Schillerrede im November wird jährlich an den Geburtstag Friedrich Schillers erinnert. Helga Schubert hält die traditionelle Festrede nachunter anderem Eva Illouz, Michail Schischkin, Abdulrazak Gurnah, Daniel Kehlmann, Anne Weber, Christian Drosten, Cem Özdemir, Jan Philipp Reemtsma, Orhan Pamuk, Jan Assmann, Brigitte Kronauer und Richard von Weizsäcker.
Stasi sieht sie als „feindlich-negativ“
Helga Schubert wurde 1940 in Berlin geboren. Nach dem Abitur arbeitete sie als Montiererin am Band. Danach studierte sie Psychologie an der Humboldt-Universität in Berlin. Von 1963 war sie zuerst als klinische Psychologin, 1973 bis 77 im Bereich der Psychotherapieforschung an der Humboldt-Universität und insgesamt bis zum Jahr 1987 in der Erwachsenenpsychotherapie tätig. Ab 1960 schrieb sie erste literarische Texte, zunächst Lyrik, dann Kurzprosa, seit 1977 arbeitete sie in der DDR als freie Schriftstellerin. 1975 erschien ihr Erzähldebüt „Lauter Leben“.
Seit 1975 wurde sie von der Stasi als „feindlich-negativ“ betrachtet und bis 1989 beobachtet. 1990 veröffentlichte sie das Buch Judasfrauen mit Fallgeschichten von Denunziantinnen im Dritten Reich. Zuletzt erschien ihr Buch „Luft zum Leben“ (2025), eine neue Sammlung von Texten aus 60 Jahren. Schubert war Mitglied zunächst des Schriftstellerverbandes der DDR (ab 1975) und des PEN-Zentrums der DDR (ab 1987), seit 1991 war sie Mitglied des PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland, seit 2025 ist sie Mitglied des PEN Berlin. In den Jahren 1998/90 bereitete sie als parteilose Pressesprecherin des Zentralen Runden Tisches
in Ostberlin die ersten freien Wahlen vor.
Ingeborg-Bachmann-Preis 2020
Helga Schubert wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Heinrich-Mann-Preis
(1986) und dem Hans-Fallada-Preis (1993). Nachdem sie fast 20 Jahre nicht publiziert
hatte, erhielt sie 2020 den Ingeborg-Bachmann-Preis für ihren Text „Vom
Aufstehen“ – als älteste Teilnehmerin, die jemals am Wettbewerb teilnahm. 1980
war sie schon einmal nach Klagenfurt eingeladen worden, erhielt aber von den
DDR-Behörden keine Reisegenehmigung.
Info: Die Veranstaltung findet am 8. November um 11 Uhr im Tagungsbereich des Deutschen Literaturarchivs (Archivgebäude) statt.






