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DLA-Leiterin auf der News Couch
Sandra Richter und das Deutsche Literaturarchiv Marbach: Neubau, Digitalisierung und der Kampf ums Lesen

Sandra Richter auf der News Couch.
Sandra Richter auf der News Couch. Foto: Kevin Bitz
Sandra Richter leitet seit 2019 das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Im Podcast spricht sie über Neubaupläne, Rilke und die Zukunft des Lesens.

Ludwigsburg. Der Marbacher Hügel sei „unglaublich schön, wirklich zauberhaft“, sagt Sandra Richter – und doch kein Ort zum Stillstand. Seit 2019 leitet die Literaturwissenschaftlerin das Deutsche Literaturarchiv (DLA) Marbach und damit eine der wichtigsten kulturellen Institutionen Deutschlands. Im LKZ-Podcast „Newscouch“ spricht sie mit Ulrike Trampus und Stephan Wolf aus der LKZ-Chefredaktion darüber, wie sich Tradition und Erneuerung miteinander verbinden lassen und warum das Archiv heute mehr denn je ein lebendiger Ort der Literatur sein muss.

Großprojekte zwischen Beton und Büchern

Als Richter die Leitung übernahm, war die Aufgabenliste lang: Sanierung der Gebäude, Modernisierung der Ausstellungen, Neuaufstellung der Organisation und ein deutlicher Schub bei der Digitalisierung. Inzwischen ist vieles auf den Weg gebracht.

Besonders sichtbar wird das mit dem geplanten Neubau eines Forschungsarchivs. Bund und Land stellen dafür jeweils 70 Millionen Euro bereit, derzeit läuft ein Architekturwettbewerb. Der bestehende Bau des Stararchitekten David Chipperfield soll künftig durch ein weiteres Gebäude ergänzt werden.

Digitalisierung als Schlüssel zur Zukunft

Ein zentrales Arbeitsfeld ist die Digitalisierung. Richter spricht über neue Katalogsysteme, Social-Media-Angebote und den Umgang mit sogenannten „Born Digitals“, also literarischen Nachlässen, die direkt digital entstehen. Ziel ist es, Bestände schneller zu erschließen und weltweit zugänglich zu machen – auch wenn rechtliche Fragen und Persönlichkeitsrechte dabei klare Grenzen setzen. Perspektivisch sollen digitale Werkzeuge, möglicherweise auch KI-gestützte Verfahren, die Forschung zusätzlich unterstützen.

Vernetzt in Forschung und Wissenschaft

Das DLA versteht sich zunehmend als Teil einer internationalen Forschungsinfrastruktur. Kooperationen bestehen unter anderem mit Einrichtungen in Wolfenbüttel, Weimar, Frankfurt sowie mit Universitäten in Stuttgart, Tübingen, Hamburg und Oxford. Gemeinsame Tagungen, Stipendienprogramme und Forschungsprojekte stärken Marbachs Rolle als Knotenpunkt der Literatur- und Ideengeschichte.

Rilke, Schiller – und neue Perspektiven

Besonders begeistert zeigt sich Richter vom privaten Nachlass Rainer Maria Rilkes, der 2022 nach Marbach kam. Zum 150. Geburtstag des Dichters im vergangenen Jahr und anlässlich seines 100. Todestags 2026 widmet das Archiv ihm eine große Ausstellung. Auch Friedrich Schiller wird neu präsentiert – von der Kindheit bis zur späteren Verehrung. Künftig sollen zudem verstärkt Schriftstellerinnen in den Fokus rücken. Den Auftakt bildet eine Ausstellung zur internationalen Intellektuellen Susan Sontag.

Lesen lernen – und vorleben

Mit Sorge blickt Richter auf die Ergebnisse der Lesestudien: Noch immer werde vielen Kindern nie vorgelesen. Das DLA engagiert sich deshalb mit museumspädagogischen Angeboten, Verbindungslehrkräften für Schulen und speziellen Programmen für Jugendliche. Entscheidend sei aber auch das Vorbild der Eltern. Lesen bedeute Konzentration, Vertiefung und die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu verstehen – Fähigkeiten, die im digitalen Alltag leicht verloren gingen.

Erwartungen an Politik und Region

Von der Landespolitik wünscht sich Richter mehr Aufmerksamkeit für die Geisteswissenschaften und ihre Verbindung zu technischen Disziplinen. Regional setzt sie auf Projekte wie einen Literaturpark im Zuge einer geplanten Gartenschau rund um Marbach. Persönlich hofft sie auf etwas mehr Ruhe zum eigenen Lesen und Schreiben – und darauf, dass Marbach ein Ort intensiver Gespräche über Literatur bleibt, in einer Zeit globaler politischer Unsicherheiten.

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