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Kinderbetreuung

Alarmstufe rot

Landauf, landab fehlen Erzieher – und deshalb hat die Gemeinde Schwieberdingen in einer Kita jetzt die Öffnungszeiten gekürzt. Was bedeutet das für die Eltern?

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Schwieberdingen. Die Kita in den Herrenwiesen hat ein Alleinstellungsmerkmal in Schwieberdingen. Als einzige kommunale Einrichtung betreut sie Kinder den ganzen Tag – von 7 bis 17 Uhr, zehn Stunden lang, falls gewünscht. Besonders Alleinerziehende und Familien mit doppeltem Einkommen wissen diesen Service zu schätzen.

Doch damit ist es jetzt bis auf weiteres vorbei. Seit Monatsanfang macht die Kita, die mehr als 100 Kinder aufnimmt, schon um 16 Uhr zu. Der Grund: Eine Reihe von Erzieherinnen hat die Einrichtung in den vergangenen Wochen verlassen – und Nachfolgerinnen sind auf dem leergefegten Stellenmarkt nicht in Sicht. Der Schwieberdinger Bürgermeister Nico Lauxmann räumt ein: „Ich kann nicht versprechen, wann wir die freigewordenen Stellen wieder besetzen können.“

Der Ärger bei den Eltern ist groß. „Bereits jetzt haben einige durch die Regelung ernsthafte Probleme, ihre arbeitsvertraglichen Pflichten zu erfüllen“, sagt der Elternbeiratsvorsitzende Daniel Knapp im Gespräch mit unserer Zeitung. „Viele trifft die Reduzierung sehr hart“, sagt Susan Liedtke, die auch dem Gesamtelternbeirat angehört. Liedtke arbeitet am Stuttgarter Feuersee und hat keine Verwandten in Schwieberdingen, die einspringen könnten. Wenn die Kita um 16 Uhr dichtmacht, müsste sie ihren Arbeitsplätze in Stuttgart schon um 15 Uhr verlassen. Das ist nicht drin – und eine Tagesmutter ist für eine zusätzliche Stunde nicht zu bekommen. „Deshalb werden gerade händeringend Babysitter in Schwieberdingen gesucht“, sagt Knapps Co-Vorsitzender Tobias König.

Ihrem Unmut haben die Eltern bereits Luft gemacht – und sind zu Dutzenden in die Bürgerfragestunde des Gemeinderats gelaufen. „Bei einigen geht es um die Existenz“, sagt König. „Wir müssen uns auf die gebuchten Öffnungszeiten verlassen können.“

Das Vertrauen ist auch deshalb weg, weil Schwieberdingen bereits die zweite Eskalationsstufe ausgerufen hat. Zum 1. Juni sind je nach gebuchtem Stundenkontingent feste Abholzeiten um 15 Uhr oder um 16 Uhr eingeführt worden – vorher konnte jeder sein Kontingent flexibel zwischen 7 und 17 Uhr nutzen. Nur die Zehnstündler waren zunächst nicht betroffen. Von Salamitaktik ist die Rede.

„Wir sind nicht weltfremd“, sagt Markus Schönleber vom Förderverein der Kita. „Wir wissen, dass der Personalmarkt angespannt ist.“ Die Eltern erwarten aber trotzdem, dass versucht wird, Härtefälle auszugleichen und Konzepte vorzulegen, wie die Lage in den Griff zu bekommen ist. „Die sehen wir aber nicht“, so Schönleber weiter.

Die Eltern sind deshalb selbst aktiv geworden – einige sind Personaler und kennen sich mit dem Fachkräftemangel in der Region aus. Sie fordern, dass Stellenanzeigen ansprechender gestaltet, Verträge flexibler formuliert, Erzieherinnern wertgeschätzt und bei der Wohnungssuche unterstützt werden. Außerdem hat der Elternbeirat einen Flyer aus Kindersicht entworfen, in dem der Nachwuchs um Personal wirbt, eine Facebookseite aufgestellt und eine Bedarfsabfrage gestartet. „Das hat die Gemeinde zur Kenntnis genommen, mehr nicht“, sagt Liedtke. Was sie im Rathaus vermisst: die Dialogbereitschaft. Immerhin ist in der nächsten Woche ein gemeinsames Treffen angesetzt. „Wir wollen mit den Eltern ins Gespräch kommen“, sagt der Bürgermeister.

Seine Gemeinde sei bereits dabei, neue Wege zu gehen. Absolventinnen werden mit dem Bus durch Schwieberdingen gefahren und durch die Kitas geführt. „Das haben wir noch nie gemacht“, so Lauxmann. Die Personalangelegenheiten an der Kita Herrenwiesenweg will er nicht öffentlich diskutieren. „Wir hinterfragen aber jede Kündigung.“ Offenbar sieht es so aus, dass in erster Linie persönliche Angelegenheiten wie Wohnortwechsel den Ausschlag gegeben haben. Lauxmann und die Eltern bestätigen unabhängig voneinander, dass die Arbeitsatmosphäre an der Kita gut sei.

Trotzdem wird sich die Lage nach den Sommerferien mutmaßlich verschärfen, weil mindestens eine weitere Kraft die Kita wohl verlassen wird. „Unser Ziel ist es, freigewordene Stellen so schnell wie möglich zu besetzen“, sagt der Bürgermeister. Doch dem Elternbeirat Knapp ist mulmig zumute. Er sagt: „Wie das werden soll, wenn es zu weiteren Einschränkungen kommt, mag sich noch keiner vorstellen.“

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