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Industrie

Aufklärungsbedarf weiter groß

Bei einem Bürgerhearing für das interkommunale Gewerbegebiet in Schwieberdingen treffen Fakten auf Emotionen

Wie geht es mit Schwieberdingen weiter? Bei einem Bürgerhearing stellen sich im Ratssaal Entscheidungsträger den Fragen. Foto: Holm Wolschendorf
Wie geht es mit Schwieberdingen weiter? Bei einem Bürgerhearing stellen sich im Ratssaal Entscheidungsträger den Fragen. Foto: Holm Wolschendorf
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Schwieberdingen. Die Bürgerbeteiligung zum geplanten regionalen Gewerbeschwerpunkt in Schwieberdingen ist am Donnerstag in die nächste Runde gegangen. Vertreter der Gemeinde, des Verbands Region Stuttgart (VRS) und der IG Metall beantworteten Fragen von Bürgern. Vertreter von Umwelt- und Naturschutzverbänden hätten ihre Teilnahme abgesagt, sagte der Moderator der ganztägigen Veranstaltung gestern. Darüber hinaus fehlten Experten der Porsche AG. Der Sportwagenbauer hat bekanntlich ein Auge auf eine rund 15 Hektar große Fläche in Nachbarschaft zum Automobilzulieferer Bosch geworfen.

Nach der Bürgerversammlung in der Turn- und Festhalle mit mehr als 700 Besuchern lief das Bürgerhearing gestern Vormittag zunächst schleppend an. Später steigerten sich die Teilnehmerzahlen. Die Vertreter des Stuttgarter Regionalverbands warben dafür, die Region auf die Zukunft vorzubereiten. „In den kommenden fünf bis sieben Jahren stehen die entscheidenden Investitionen für zukünftige Arbeitsplätze an“, sagte der regionale Wirtschaftsförderer Walter Rogg. Man müsse heute die neuen, effizienteren Fabriken bauen; in einigen Jahren sei es wahrscheinlich zu spät. „Uns geht es nicht darum, die große Rendite zu erwirtschaften, es geht uns um Arbeits- und Ausbildungsplätze.“

Bürgermeister Nico Lauxmann will die Gemeinde nach eigenen Angaben „in einer Phase der Umwälzung zukunftsfähig aufstellen“. Er unterstrich, dass es beim Bürgerentscheid, der am 14. Juli stattfindet, nicht um die Frage gehe, ob Porsche nach Schwieberdingen kommt oder nicht – sondern ob eine 23 Hektar große Fläche, wie im Regionalplan festgesetzt, Gewerbestandort werden solle. An dem Projekt müsste sich auch ein Nachbar beteiligen. Im Topf sind Markgröningen, Möglingen und Hemmingen.

Trotzdem kreisten die Themen am Donnerstag um die Porsche AG und die Automobilsparte insgesamt. Ein Besucher fragte, ob die Zuffenhausener aufgrund ihrer Unternehmensstruktur überhaupt nennenswerte Gewerbesteuern zahlen würden – und ob es nicht ein Fehler sei, nur auf die Automobilbranche zu setzen angesichts des Umbruchs. Er vermisse eine Modellrechnung über die finanziellen Auswirkungen. Dazu sagte der Beigeordnete und Kämmerer Manfred Müller: „Eine Modellrechnung ist nicht möglich, weil es mir nicht erlaubt ist, die Gewerbesteuerzahlungen einzelner Unternehmen zu kommunizieren.“

Hinterfragt wurde darüber hinaus die von Porsche genannte Zahl von 700 tarifgebundenen Arbeitsplätzen. Einerseits klang die Hoffnung auf Erhalt von Jobs und Ausbildungsplätzen durch, andererseits die Kritik, ob und wo der nötige Wohnraum geschaffen werden soll. „Können Sie ausschließen, dass weitere Flächen für den Wohnungsbau versiegelt werden?“, fragte eine Frau den Bürgermeister. Man setze bewusst auf die Nachverdichtung, so Lauxmann.

Große Sorge besteht offenbar, dass sich weiter Logistiker in Schwieberdingen breitmachen könnten. Eine reine Logistik schloss Lauxmann aus, an erster Stelle stehe die Wertschöpfung, die natürlich auch, wie bei Porsche, Logistik mit sich bringe.

Susanne Thomas von der IG Metall hielt es für „positiv und mutig zu sagen: Jawohl, wir ziehen einen Bürgerentscheid durch“. Hierdurch entstehe die Möglichkeit, Konzepte überhaupt erst zu entwickeln und Ängste und Skepsis zu berücksichtigen. Sie appellierte, die Menschen mit ihren Emotionen mitzunehmen.

Wie es nach dem Entscheid am 14. Juli weitergehe, wollte eine Bürgerin wissen. Bei einem Ja werde Baurecht geschaffen und danach entschieden, welche Sparten sich ansiedeln dürfen, so Lauxmann. Außerdem schwebt ihm die Gründung eines interkommunalen Zweckverbandes vor. „Bei einem Nein wird es keine Realisation des Gewerbeschwerpunkts geben.“ Ob das Votum für alle Zeit gelte, konnte Lauxmann, solange er Bürgermeister sei, bejahen: „Ich würde keine Gegenaktivitäten unternehmen.“ Für nachfolgende Bürgermeister könne er aber nicht sprechen.

Ohne Tagesordnung sprangen die Themen gestern querbeet und blieben hängen, wo Fakten auf Emotionen trafen. Klar kommuniziert wurde, dass wichtige Fragen wie Verkehr erst nach dem Bürgerentscheid geklärt werden könnten. Als Ziele wurden der B.10-Ausbau, die Verlängerung der Strohgäubahn bis Stuttgart oder der Stadtbahn- anschluss genannt. „Diesbezüglich wäre ein positives Votum für den Gewerbeschwerpunkt ein starkes Signal und vorteilhaft für Verhandlungen mit dem Land“, so Lauxmann. Der VRS-Direktor Thomas Kiwitt wies auf das laufende Planfeststellungsverfahren für den Ausbau der B.10 hin. Er sagte: „Die Dinge dauern sehr lang. Aber wir haben Nachholbedarf, und der ist akzeptiert.“

Info: Eine weitere Gelegenheit, sich über den Gewerbeschwerpunkt zu informieren, ist bei der Bürgerversammlung am 27. Juni, 19 Uhr, in der Turn- und Festhalle.

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