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Bietigheim: Bunker mit seltener Glocke freigelegt

Bauwerk als Teil der Neckar-Enz-Stellung fast in Vergessenheit geraten – Bunker wird jetzt überbaut

Der jetzt freigelegte Bunker an der Großingersheimer Straße. Weil er unter Denkmalschutz steht, bleibt er erhalten. Fotos: Alfred Drossel
Der jetzt freigelegte Bunker an der Großingersheimer Straße. Weil er unter Denkmalschutz steht, bleibt er erhalten. Foto: Alfred Drossel
Die Glocke mit den Sehschlitzen.
Die Glocke mit den Sehschlitzen.

Bietigheim-Bissingen. An der Großingersheimer Straße in Bietigheim ist ein kleiner Beobachtungsbunker der Neckar-Enz-Stellung, der dritten Linie des Westwalls, freigelegt worden. Der Bunker konnte nach Kriegsende nicht gesprengt werden, weil er zu nah an den Wohnhäusern war. Jetzt ist eine große Baugrube an der Großingersheimer Straße entstanden, nachdem dort ein Wohnhaus abgerissen wurde. Dabei kam der völlig frei stehende Bunker zum Vorschein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Grundstück mit dem Bunker in Privatbesitz gekommen. Nachdem die damaligen Besitzer ausgezogen waren, wechselte das Grundstück mindestens ein weiteres Mal den Besitzer und ist heute im Eigentum einer Immobilienfirma.

Experten: „Sehr gut erhalten“

Dem Arbeitskreis Bunkerforschung ist das Relikt des letzten Krieges bekannt. Es handelt sich um das Bauwerk 323 der Neckar-Enz-Stellung. Der Unterstand ist mit einer Kleinstglocke aus Stahl ausgerüstet, die für den Beobachter aus dem Boden ragte. Außerdem befindet sich noch eine Eingangspanzertür im Bauwerk. Der Erhaltungszustand sei sehr gut, sagen die Forscher. Seit einigen Jahren laufen die Bemühungen um die Neubebauung der Fläche, die unter anderem den Abriss eines Wohn- und Geschäftshauses beinhalten. Die Forschungsgruppe befürchtete den Abbruch des Bunkers.

Da es sich um ein geschütztes Objekt handelt, wurden die Denkmalschützer aktiv. Das Landesdenkmalamt hat die Empfehlung ausgesprochen, das Bauwerk zu erhalten. Der Planer des Mehrfamilienhauses zieht mit. Der Bunker bleibt stehen und wird fachmännisch überbaut – später ist er nicht mehr zu sehen.

Zu den Bunkern, die für die Neckar-Enz-Stellung von 1935 an in Bietigheim errichtet wurden, gehörten zwei Unterstände zwischen innerer Bahnhofstraße und dem Eisenbahnviadukt. Der näher am Viadukt liegende Bunker war ein Schartenstand, der mit einem Maschinengewehr bestückt war. Der zweite, etwas weiter nördlich gelegene, war ein Mannschaftsunterstand.

Dieser war für eine Besatzung von 14 Soldaten vorgesehen, die im Falle eines Angriffs aus Richtung Weststadt Stellung im hinter dem Bunker liegenden Garten beziehen. Eine weitere Aufgabe wäre die Verhinderung von feindlichen Übersetzversuchen zwischen Viadukt, Fußgängersteg und Stadtbrücke gewesen. Die Stellungen waren für den Mobilisierungsfall zwar geplant, jedoch nie angelegt worden.

Der jetzt frei gelegte Bunker war ausschließlich zur Beobachtung. Dazu bekam er eine stählerne Glocke mit kleinen Sehschlitzen. Die Erkenntnisse der Beobachter wurden über Kabel an die anderen Stellungen weitergeleitet. Diese Glocke sei eine Besonderheit, sagen die Bunkerforscher. Im Land gebe es keine zweite. Bunker mit einer Kampfbesatzung hatten einen weitaus größeren Schartenturm.

Einer der ersten Bautypen

Der erhaltene Bunker 323 ist einer der ersten Bautypen der Neckar-Enz-Stellung. Die Verteidigungslinie wurde von den Machthabern unter höchster Priorität und der Ausnutzung aller Ressourcen vorangetrieben. 17,3 Millionen Tonnen Beton und fünf Prozent der Jahresstahlproduktion von 1,2 Millionen Tonnen wurden am Westwall verbaut – Kosten: 3,5 Milliarden Reichmark, bei zivilen Ausgaben von 6,2 Milliarden Reichsmark. Da bereits Rohstoffknappheit herrschte und sehr viele Bauarbeiter am Westwall benötigt wurden, kam insbesondere die öffentliche und private Bauwirtschaft völlig zum Erliegen.

Auswirkungen hatte der Bau auch auf die Landwirtschaft. So mussten für den Westwallbau von 1937 bis 1939 mehr als 30000 Bauern mit ihren Familien die eigenen rund 5600 Betriebe mit einer Fläche von 120000 Hektar verlassen. Eingesetzt waren beim Bunkerbau in Bissingen und Bietigheim neben Privatfirmen auch der Reichsarbeitsdienst.

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