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Prozess

Bietigheimer Handballverein SG BBM macht Kindesmissbrauch öffentlich

Ein ehemaliger Jugendtrainer aus Fellbach muss sich derzeit vor Gericht verantworten. In dem Zusammenhang wird auch bekannt, dass einige der hunderte Fälle an Jungen ab 13 Jahren auch einen Jugendlichen des Bietigheimer Handballvereins betreffen, wo der Angeklagte ebenfalls als Trainer aktiv war. Wie geht die SG BBM nun damit um?

Der angeklagte ehemalige Jugendtrainer vor dem Stuttgarter Landgericht.
Der angeklagte ehemalige Jugendtrainer vor dem Stuttgarter Landgericht.

Bietigheim-Bissingen/Fellbach/Stuttgart. Seit Ende April muss sich ein Sporttrainer aus Fellbach wegen des jahrelangen schweren sexuellen Missbrauchs vor dem Landgericht Stuttgart verantworten – nun wird bekannt, dass neben etlichen jungen Handballern aus seinem Wohnort auch ein Jugendspieler der SG BBM unter den Opfern ist. Kurz vor der für kommenden Donnerstag geplanten Urteilsverkündung gegen den geständigen Mann machte der Verein den Fall öffentlich. Dieser war seit 2020 bis zu seiner Verhaftung 2021 in dem Verein aktiv und hat auch die Tat in Bietigheim gestanden.

Dort wusste zunächst niemand, dass und warum der heute 53-Jährige Ende November 2021 verhaftet wurde. In Fellbach hatte er seine Tätigkeit aufgrund von „sportlichen Differenzen“ beendet, wie der dortige Sportverein mitteilte. Erst durch die Mutter des Opfers erfuhren die Verantwortlichen beri der SG BBM von den Vorwürfen, so Jens Rith. Und waren schockiert: „Als ich das gehört habe, dachte ich, ich bin im falschen Film. Das hätte ich ihm nie zugetraut“, sagt der Teammanager bei den SG Männern über den „hoch kompetenten und allseits beliebten“ Jugendtrainer.

Schulungen zum Kinderschutz bereits absolviert

Dabei war man zu dem Zeitpunkt schon sensibilisiert, was das Thema angeht. Als einer der ersten Vereine im Kreis ließen sich drei Trainer der SG BBM schulen, um das Kinderschutzsiegel des Landkreises zu bekommen, hatte die Beauftragte und Mini-Trainerin Michaela Weller im August 2021 gegenüber der LKZ berichtet. Denn alleine die Vorlage eines erweiterten polizeilichen Führungszeugnisses – Vorschrift alle fünf Jahre für diejenigen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten – reiche „als Schutz nicht aus“, heißt es vonseiten der zuständigen Arbeitsgruppe aus Vertretern des Kreisjugendrings, des Kreisjugendamtes und des Polizeipräsidiums. Und ein Führungszeugnis – ehrenamtliche Trainer der SG hatten bis Ende 2021 Zeit zur Vorlage – hätte wohl ohnehin nichts gebracht, so Jens Rith, denn seines Wissens nach habe es bei dem 53-Jährigen keine Eintragung gegeben.

Nie hatte es in all den Jahren seit 2006 in Fellbach wohl einen Verdacht gegeben oder sich einer der Betroffenen den Eltern oder anderen Trainern anvertraut – erst im Juli 2021 kam alles ans Licht, als einer Mutter aufgrund einer Schulung das Verhalten ihres Sohnes seltsam vorkam, der zwischenzeitlich erwachsene junge Mann offenbarte sich dann der Polizei. Die durchsuchte in den folgenden Monaten auch die Wohnung des 53-Jährigen und konnte weitere Geschädigte bei „mehreren hundert Taten“ ermitteln.

Dass sich lange niemand offenbarte, sei nicht ungewöhnlich, wird der Anwalt von sechs der acht Betroffenen zitiert, die zu Beginn des Missbrauchs zumeist etwa 13 Jahre alt waren. Zudem soll der Angeklagte diejenigen, bei denen irgendwann die Scham oder Furcht, sportlich fallengelassen zu werden, nicht mehr groß genug war und die sich widersetzen wollten, unter Druck gesetzt haben. Immerhin: Durch sein frühes Geständnis wurde einigen Geschädigten eine Aussage vor Gericht erspart.

Bei der SG BBM geht man den Weg weiter wie geplant

Damit kann der Prozess früher als geplant zu Ende gehen. Doch wie geht es nun bei der SG BBM weiter? Nach Bekanntwerden der Vorwürfe wurden die anderen Trainer – und vom Betroffenen selbst seine Mannschaftskameraden – informiert, die daraufhin „mit viel mehr Nachdruck geschult wurden“, als geplant war. Ansonsten aber werde man am ursprünglichen Konzept festhalten, dazu gehört auch eine Online-Schulung des Vereins Silberdistel für alle Eltern. „Wir machen nun nicht mehr oder nicht weniger als eh geplant. Wir waren ja schon auf der Schiene und fahren einfach weiter darauf“, so Rith. „Aber wir sind nun halt noch sensibler.“

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