Logo

MusikFestival

Blonde Eminenz des Deutsch-Raps

„Live am Viadukt“ endet mit Auftritten von Dendemann, der Antilopen Gang, Fatoni, Yassin und Dexter

Bei „Live am Viadukt“ feuert Dendemann – der Star des Abends – einen Song nach dem anderen ab. Foto: Horst Ettensberger
Bei „Live am Viadukt“ feuert Dendemann – der Star des Abends – einen Song nach dem anderen ab. Foto: Horst Ettensberger

Bietigheim-Bissingen. Entspannt ist die Stimmung am dritten Tag von „Live am Viadukt“: Dendemann, Antilopen Gang, Fatoni, Yassin und Dexter heißen die Acts des Hip-Hop-Events des neuen Festivals am Fuß des Viadukts, lediglich rund 2.500 Besucher bevölkern das überaus einladende Open-Air-Gelände in den Enzauen. Beim Auftritt der Antilopen Gang liegt dessen größter Teil bereits im Schatten, lediglich den drei Rappern der 2009 gegründeten Formation, Kolja Podkowik, Tobias Pongratz, genannt Panik Panzer und seinem Bruder Daniel, scheint die Sonne noch immer ins Gesicht.

Zumindest auf der Bühne dauert die Hitzewelle an. In Bietigheim gebe es nicht nur die „größte Quote von Autotune-Rappern“ bundesweit, hat sich Sprachrohr Koljah informiert. Auch Rentner seien hier überproportional stark vertreten, weiß er. Denen widmet er „Enkeltrick“, wofür Podkowik ans Keyboard wechselt. Für „Liebe Grüße“ kommt Fatoni, der bereits am frühen Abend aufgetreten ist, nochmals auf die riesige Bühne – auch Cloudrap-Star Shindy, der wie Bausa in Bietigheim beheimatet ist, findet Erwähnung. Später dann auch „Max aus dem Schoß der Kolchose“.

Räumlich und zeitlich sind sie also gut orientiert, die Rapper aus Düsseldorf und Aachen, in Textzeilen wie „Die Nazis von heute sind sehr um Palästina besorgt“ scheint auch politisches Engagement auf. „Pizza“ könnte man auch als Werbung für einen der Essensstände am hinteren Rand des Areals halten. Größer indes ist die Nachfrage nach anderem, wie sich in der Pause zeigt: Öko-Fritten und Crêpes stehen ausweislich der entsprechenden Schlangen höher in der Gunst des mehrheitlich der Generation Ü-30 angehörenden Publikums.

Hipster und Hotpants – ein bunt gemischtes Spektrum vom Miami-Vice-T-Shirt bis zum Hawaiihemd bevölkert den Platz. Obwohl die Menge sich dann nahezu ausnahmslos vor dem mächtigen Bühnenhaus versammelt hat, bleibt die Resonanz auf den Gig der Antilopen Gang verhalten. Möglicherweise leidet ihre Formel – Hip-Hop trifft Funpunk, vor wenigen Jahren noch das große Ding – bereits unter Abnutzungserscheinungen.

Im Gras sind an diesem letzten Abend noch einige der bunten Stoffblumen der Dieter-Thomas-Kuhn-Fans vom Vortag zu entdecken. Pünktlich zur Dämmerung ist die Bühne für den sogenannten Headliner umgebaut: „Ich Dende, also bin ich – wer“ raspelt Daniel Ebel, den seit seiner Zeit bei Arme Ritter und Eins Zwo alle nur Dendemann oder kurz Dende nennen, seine rauen Zeilen in die Menge. Die reagiert auf den kleinsten Wink – viel muss der Hamburger Jung gar nicht tun, Interaktionsspiele hat er nicht nötig:

Bei Dendemann, der zwischen 2015 und 2016 auch als musikalischer Direktor des „Neo Magazin Royale“, der TV-Show von Jan Böhmermann fungierte, ist Inhalt Trumpf. „Polish Jazz“ steht auf seinem T-Shirt, begleitet wird er von einer fünfköpfigen Band, die erhöht über ihm thront, aber nahezu konstant im Dunkeln bleibt. Ebel steht sozusagen alleine für sich, silbermatte Wände hinter sich. Obwohl er sich gar nicht mal so viel bewegt, hat der Spotfahrer immer wieder Mühe, ihn komplett mit seinem Lichtkegel einzufangen. Wo andere Rapper über Bitches und Hoes referieren, taucht bei Dendemann das Grundgesetz auf: „Keine Prinzipien, kein Curriculum“ heißt es in „Keine Parolen“ – „Alles was ich will, ist die Regierung stürzen“ rappt der Verfassungspatriot.

Nahezu ohne eine Reaktion abzuwarten, feuert er einen Song nach dem anderen ab, die meisten entstammen seinem aktuellen Album „Da Nich Für!“. Manchmal, etwa beim famosen „Endlich Nichtschwimmer“ von seinem 2009er-Debüt „Die Pfütze des Eisbergs“, nutzt er auch die Vorbühne, angestrahlt im Rampenlicht kämpft er mit den Nachtfaltern, die ihn umschwirren. In „Alle Jubilare wieder“, der zweiten und letzten Zugabe, lässt der Blondschopf die Worte „graue Eminenz“ einfließen. Und da ist schon was dran: Sein Freestyle sucht seit Jahrzehnten seinesgleichen, kein anderer deutscher Rapper vermag das Format Hip-Hop so frei zu interpretieren wie Ebel. Kennzeichen D: D wie Delivery, D wie Dendemann.

Autor: