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Festival

Das große Ganze im Blick

Mitglieder des Orchesters der Schlossfestspiele filmen im Forum für die „Pixelsinfonie“

Und: Action! Geigerin Meike Brandenbusch bei den Filmarbeiten im Forum.Foto: Ramona Theiss
Und: Action! Geigerin Meike Brandenbusch bei den Filmarbeiten im Forum. Foto: Ramona Theiss

Ludwigsburg. Wenn Nancy spricht, kommt Bewegung ins karge, weiße Musikerzimmer. Meike Brandenbusch, Geigerin beim Orchester der Ludwigsburger Schlossfestspiele, nimmt ihr Instrument in die Hand, tritt vor, geht zur Seite, dreht sich, besucht ihre Zimmerpflanze in der Ecke, spielt Beethoven. Nancy ist nicht sichtbar und auch kein Mensch, sie ist eine künstliche Computerstimme, deren Anweisungen nur über einen Ohrhörer zu vernehmen ist. Sie ist die Chefin – wenn man mal vom künstlerischen Leiter Michael Rauter absieht, der bei den Dreharbeiten per Handy aus Berlin zugeschaltet ist, um zu sehen, was im Ballettsaal des Forums vor sich geht. Seine „Pixelsinfonie“, eine 100-minütige Musik-Performance, hätte eigentlich während der Saison der Schlossfestspiele im NH-Hotel am Bahnhof stattfinden sollen. 30 Musiker, davon 25 aus dem Festspielorchester, hätten in jeweils einem Zimmer gleichzeitig Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 6 („Pastorale“) gespielt, zerlegt in einzelne Abschnitte – daher auch der Name „Pixelsinfonie“.

Nun, nach der Absage der Saison in ihrer geplanten Form wegen der Coronakrise, wird im Forum eine digitale Version in Ton und Bild aufgenommen. Gedreht werden mit je einem Musiker drei Blöcke à maximal drei Stunden. Es ist dabei schon kurios und zugleich ein wenig bitter, dass dieses Format mit seiner Trennung von eigentlich zusammengehörigen Elementen nun, in leicht abgewandelter Form, wie für diese Krisenzeiten komponiert scheint. Doch während es ursprünglich um Begegnungen von einzelnen, scheinbar isolierten Musikern mit dem Publikum gegangen wäre, findet nun eine Verschmelzung von Einzelelementen statt.

In der Isolation, so scheint es hier, sind alle Menschen ein Stück weit gleich: Alle stecken in einem weißen, weit geschnittenen Einheitskostüm, das sie vom Michael Rauter aus Berlin per Post geschickt bekommen haben, versehen mit Anweisungen, wie diese zu individualisieren seien – etwa, indem Löcher hineingeschnitten und mit dem Feuerzeug ausgebrannt werden. Diverse Pflanzen, Stühle und Notenständer ermöglichen eine vermeintliche Individualisierung dieses durchaus akribisch geplanten Sets. Ansonsten gilt auf der trapezförmigen Fläche vor den beiden Kameras: Nahaufnahme, atmen, aufstehen, spielen, laufen – die verschiedenen Zutaten werden nur unterschiedlich angeordnet.

Als Profimusiker ist man in der Regel einiges gewohnt, doch hier kommt mit einem Schlag nun alles zusammen: solistisches Spiel, Orchesterklang, schauspielerische Elemente. Und dann wird das Ganze auch noch gefilmt. „Ich bin gespannt und aufgeregt“, sagt Meike Brandenbusch und lacht. „Ich weiß, was ich spiele – sonst nichts.“ Mit dem Kopfhörer könne sie sich, nur halb hören, das sei ungewohnt, erklärt die Geigerin. Außerdem fehle ihr der Austausch mit den Orchesterkollegen, also das menschliche Miteinander, aber vor allem auch die Möglichkeit zur Diskussion über die ideale Interpretation einzelner Stellen.

Damit das große Ganze am Ende auch zusammenpasst, spielen alle Musiker per Kopfhörer „auf Klick“, das gemeinsame Grundtempo ist also vorgegeben. Dazu ist auch eine Orchesteraufnahme zu hören, zu der die Musiker spielen. Das ist allerdings nicht ganz trivial, schließlich müssen die Musiker somit eine Stimme spielen, die sie gleichzeitig bereits hören – je nach Instrument und Partie ist auch das ungewohnt.

Die fertige „Pixelsinfonie“ soll ab dem 18..Juni um 19.30 Uhr auf einer eigens dafür entwickelten, interaktiven Internetseite zu sehen sein. Bis zu 30 einzelne Fenster lassen sich dann aktivieren, um beliebig viele Musiker zu sehen und zu hören. Bis zum Ende der Festspielsaison zehn Tage darauf wird das vergängliche Projekt online sein. Was hingegen bleiben wird, sind die Musiker, die als Orchester der Schlossfestspiele eines fernen Tages sicherlich wieder gemeinsam auftrumpfen dürften. Und natürlich Nancy.

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