Logo

Interview

„Das Internet spielt eine enorme Rolle“

Der Schriftzug war fünf Meter breit: „Juden = fossiler Brennstoff“ schmierten Unbekannte an eine Marbacher Garage – unmittelbar nach dem rassistischen Mordanschlag von Hanau. Wir sprachen mit Dr. Michael Blume, dem Landesbeauftragten gegen Antisemitismus, über die neue Welle antisemitischer Angriffe und Verschwörungsmythen.

350_0008_2122705_350_0008_2119980_dpa_5F9EC800F07E3840

Kreis Ludwigsburg. In Krisenzeiten haben antisemitische Verschwörungsmythen Hochkonjunktur. Schon die Pestausbrüche im Mittelalter waren regelmäßig Anlass zu antijüdischen Propagandalügen – etwa zu jener der Brunnenvergiftung. Beobachten Sie jetzt im Zusammenhang mit dem Coronavirus Ähnliches?

Michael Blume: Ja, es ist eindeutig so, dass auch in dieser Krise antisemitische Verschwörungsmythen wieder hochschnellen. Ganz stark erleben wir den Anstieg von QAnon-Verschwörungsmythen, das heißt dem Glauben daran, dass wir uns in einer Endschlacht befinden, in der Donald Trump die jüdisch-teuflischen Weltverschwörer zerschlagen wird. Das hat in Deutschland vor allem der Rapper Xavier Naidoo befördert. Und es breitet sich massiv im Internet aus.

Sie haben schon vor dem Covid-19-Ausbruch auf das Zusammenfließen der Konstruktion einer sogenannten „Impfverschwörung“ von Ärzten mit klassisch antisemitischen Motiven hingewiesen. Hat Corona diesen Trend noch forciert?

Ich habe schon im Oktober in meinem ersten Antisemitismusbericht davor gewarnt, dass sich die verschiedenen Verschwörungsmythen im Netz miteinander verbinden. Sie erwähnten die Mythen von Juden als Brunnenvergiftern. Ein anderes historisches Beispiel sind die angeblichen jüdischen Ritualmorde an christlichen Kindern. Beide Legenden führten zu den Pestpogromen. Das erleben wir in gewisser Weise wieder. Schon im Januar wurde gesagt, das Coronavirus habe der amerikanisch-jüdische Milliardär George Soros in China als Biowaffe züchten lassen, um die Nichtjuden auszurotten. Das breitet sich seitdem massiv aus. Ich will aber auch positiv sagen, dass so etwas heute nur noch sehr wenige Leute glauben. Pestpogrome werden wir in Baden-Württemberg nicht mehr erleben. Es gibt zwar Einzelne, die sich radikalisieren lassen. Aber die übergroße Mehrheit der Menschen durchschaut diese Lügen.

Nicht alle Corona-Mythen sind so leicht durchschaubar. Bill Gates wird, weil er die Suche nach einem Impfstoff fördert, vorgeworfen, das Virus zur Beschleunigung der Digitalisierung in Auftrag gegeben zu haben. Auch an diese Behauptung heftet man, „zum Beweis“, mit Michael Bloomberg als angeblichem Mitverschwörer einen jüdischen Namen.

Was wir momentan am stärksten sehen, ist der sogenannte Rothschild-Verschwörungsmythos. Demnach kontrollieren die Rothschilds angeblich alle Banken und anderen reichen Leute, die alle gemeinsam vorgehen. In dieser Wahnwelt können alle möglichen Menschen – angefangen bei Milliardären wie Bill Gates über den US-Virologen Fauci und seinem deutschen Kollegen Drosten bis hin zu Politikerinnen wie Hillary Clinton und Angela Merkel – zu einer Verschwörung zusammen gedacht werden. Sie begegnen tatsächlich Leuten, die glauben, das Coronavirus wie auch das Regierungshandeln richteten sich gezielt gegen sie. Die meisten Menschen fallen darauf nicht herein, aber es gibt diese kleine, radikale und leider gefährliche Minderheit.

Es gibt klassische antisemitische Klischees, denen beachtliche Teile der Bevölkerung zumindest latent und beharrlich weiter Glauben schenken. Warum ist dieser Bodensatz – schon vor Corona – wieder so virulent geworden?

Der Dualismus macht die Welt ganz einfach. Wenn ich alles Böse – auch in mir selbst – abspalten und einer Gruppe zuschieben kann, dann kann ich mir vermeintlich die ganze Welt erklären. Der Antisemitismus war niemals weg. Es gab ihn rechts, es gab ihn links, jetzt gibt es ihn auch „libertär“. Aber der psychologische Mechanismus dahinter ist immer der gleiche: Alles wird auf eine Menschengruppe projiziert. Das ist sehr alt. Niemand glaubt an eine Weltverschwörung der Australier oder Brasilianer. Wenn man an eine Weltverschwörung glaubt, landet man immer beim Antisemitismus – auch in Ländern, wo es gar keine jüdischen Gemeinden gibt. Das wird sich leider wohl auch halten.

Was verstehen Sie unter „libertärem“ Antisemitismus?

Diese Variante behauptet, dass auch Adolf Hitler Teil der jüdischen Verschwörung gewesen sei. Der Holocaust sei inszeniert worden, um die Gründung des Staates Israel zu erzwingen. Diese Leute glauben, dass alle, egal ob Kommunisten oder Nationalsozialisten, Teil einer großen Verschwörung wären und dass nur sie selbst die Freiheit verteidigen würden. Diese Leute sagen dann auch allen Ernstes, dass sie gegen Demokraten, in Deutschland wie in den USA, Widerstand leisten müssten, denn auch die steckten mit Juden und Nazis unter einer Decke. Für libertäre Antisemiten sind alle anderen Teil der Verschwörung.

Welche Rolle spielt dabei das Internet?

Das Internet hat es enorm erleichtert, die verschiedenen antisemitischen Verschwörungsmythen miteinander zu kombinieren. Und die Leute können sich gegenseitig bestärken und in ihre digitalen Blasen zurückziehen. Die gute Nachricht für Baden-Württemberg ist: Nicht die Zahl der Antisemiten steigt plötzlich, es gibt nicht auf einmal mehr Antisemiten. Aber die Leute, die ohnehin in Richtung Antisemitismus tendieren, die radikalisieren sich jetzt im Internet. Die heizen sich auf. Das geschieht manchmal innerhalb weniger Wochen.

Auf antisemitischen Äußerungen lag ja, je bewusster sich diese Gesellschaft der Tatsache des Holocausts stellte, ein Tabu, das sozialer und politischer Konsens war. Weshalb ist dieser Konsens offenbar erodiert? Heute haben wir wieder offene Antisemiten in Parlamenten.

Auch da ist das Internet ganz entscheidend. In geschlossenen Blasen geht man immer weiter, sagt und schreibt Dinge, die man früher nicht geäußert hätte. Das erleben wir nicht nur in radikalen Gruppen, sondern auch an ganz vielen Schulen. Es gibt das Problem mit Schülergruppen, die bei WhatsApp damit beginnen, Witze zu machen, der Nächste setzt noch einen drauf – und plötzlich entgleist das Ganze. Da werden dann Dinge gepostet, die man sich ins Gesicht zu sagen früher niemals getraut hätte. In solchen Foren finden wir Mobbing, Kinderpornografie und eben auch Antisemitismus. Das Internet führt zur Verrohung, weil Leute meinen, sie könnten dort alles sagen – und sich dabei sogar noch als Freiheitskämpfer fühlen. Wir müssen als Gesellschaft noch einen Umgang damit entwickeln, in einer verrohten Gesellschaft gelingt keine demokratische Debatte.

Wie tritt man antisemitischen Mythen und Legenden denn entgegen, ohne sie „zu teilen“, also ohne sie zugleich zu kommunizieren?

Direkte Counterspeech hilft nicht. Man füttert damit nur die Trolle. Wenn Sie versuchen, auf Twitter und auf Facebook mit diesen Leuten zu diskutieren, machen Sie die nur stärker. Deswegen der Ansatz: Wir informieren, wir klären auf, etwa über meinen neuen Podcast „Verschwörungsfragen“. Teilen Sie gute Inhalte, geben Sie gute Inhalte weiter und sprechen Sie, wenn Sie die Möglichkeit haben, mit den Menschen von Angesicht zu Angesicht. Im Internet werden Sie keinen Antisemiten von seinem Verschwörungswahn herunterbekommen. Deswegen auch mein Plädoyer, die klassischen Medien – und übrigens gerade die Lokalmedien – wieder stärker wertzuschätzen, sie wiederzuentdecken.

Wie explizit sollen wir Journalisten mit antisemitischen Vorfällen umgehen? Vor wenigen Wochen, unmittelbar nach dem Terroranschlag von Hanau, schmierten Unbekannte den Schriftzug „Juden = fossiler Brennstoff“ an ein Garagentor in Marbach. Soll man solche Vorfälle als „antisemitische Schmiererei“ verbuchen und damit in ihrer Wucht letztlich bemänteln – oder in aller Drastik zitieren und Gefahr laufen, damit Trittbrettfahrer anzulocken?

Lokale Medien sind diejenigen Medien, die die Wirklichkeit abbilden. Das ist ganz wichtig. Wenn Menschen – wie in den USA – keine lokalen Medien mehr haben, dann erfahren sie nicht mehr: Was macht mein Gemeinderat, was macht mein Verein oder meine Kirchengemeinde. Menschen verlieren dann den Kontakt zur Realität und glauben wirklich, dass irgendwelche Mächte dort oben die Politik bestimmen. Lokale Medien werden in ihrer Bedeutung deutlich unterschätzt. Sie sind Grundstein für den demokratischen Diskurs. Und wenn in einer Region antisemitische Vorfälle passieren, dann bitte ich darum, dass man das auch konkret und in aller Deutlichkeit darstellt. Ansonsten wird man Ihnen vorwerfen, Sie wollten die unangenehmen Sachen verschweigen. Allgemeine Umschreibungen lösen lediglich Suchanfragen aus, die dann auf den falschen Seiten landen können. Ich gehe davon aus, dass Ihre Leserinnen und Leser sich dafür interessieren, was vor Ort wirklich vor sich geht, und dass sie das auch wissen wollen. Deshalb sind seriöse lokale Medien heute wichtiger denn je.

Podcast: https://verschwoerungsfragen.podigee.io/

Autor: