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Museum

Die Urmenschfrau ist der neue Star

Die lebensechte Plastik des Homo steinheimensis ist gestern im Urmenschmuseum enthüllt worden – ein berührendes Antlitz der Steinzeit.

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Hilde Beyerbach, Elisabeth Daynès und Bürgermeister Thomas Winterhalter bestaunen die Urmenschfrau..Fotos: Ramona Theiss/ Archiv

Steinheim. Die Augen leuchten, der Blick strahlt Wärme aus und in ihrer Blöße hat diese Frau etwas Gütiges und Verletzliches. Das Urmenschmuseum verfügt seit dem gestrigen Sonntag über einen neuen Star.

Feierlich enthüllt wurde eine nach dem Steinheimer Schädelfund geschaffene Rekonstruktion, die Menschheitsgeschichte begreifbar macht.

Die Enthüllung des neuen Stars war ein Publikumsereignis. „Parkplatznot in Steinheim, das hat mich gefreut, die Urmenschfrau hat ihr erstes Ziel erreicht“, sagte die Vorsitzende des Fördervereins des Urmenschmuseums, Hilde Beyerbach bei der Begrüßung der zahlreichen Gäste.

Sie alle wollten die große Enthüllung im kleinen Museum erleben und drängten sich in den Ausstellungsräumen. „Die Künstlerin Elisabeth Daynès hat dem Urmenschschädel Gesicht, Körper und Charakter gegeben“, betonte die Vorsitzende und fügte hinzu: „Die Figur soll zum Nachdenken anregen und auch Debatten auslösen“.

Beyerbach zeigte sich ebenso vom Ergebnis angetan wie Bürgermeister Thomas Winterhalter. Er sprach von einem besonderen Ereignis und einem neuen Qualitätsniveau für die Museumslandschaft der Urmenschstadt. „Das Menschliche kommt rüber, es ist erstaunlich was die Kunst schaffen kann“, sagte Winterhalter im Gespräch mit unserer Zeitung. Gefertigt wurde die Plastik von der Pariser Künstlerin Elisabeth Daynès, die solche lebensechten Rekonstruktionen aus Silikon schon für viele große Museen in der Welt geschaffen hat und sich seit fast 30 Jahren mit dieser Materie beschäftigt.

Ihre Tätigkeit befinde sich im Grenzgebiet zwischen Kunst und Wissenschaft, sagte Daynès. Ausgehend vom Steinheimer Schädelfund und mit wissenschaftlicher Begleitung sei die Plastik entstanden. „Mir ist es wichtig, die Würde des Menschen, der damals gelebt hat, zu zeigen“, machte die Künstlerin deutlich. Ihr geht es nach eigenem Bekunden auch um das Erzeugen von Empathie und das scheint sie hier erreicht zu haben.

Denn die etwa 1,40 Meter große Gestalt wirkt bei all ihrer Nacktheit nicht banal, sondern macht Gefühle sichtbar. Sie trägt einen Faustkeil in der Hand, der wegen seiner vielseitigen Funktionsweise auch als Schweizer Taschenmesser der Steinzeit bezeichnet wird.

Nach Wunsch von Elisabeth Daynès ist die Urmenschfrau so positioniert, dass sie ins Licht blickt, das schließlich von ihren Augen reflektiert wird und der Figur Leben einhaucht. Im Gespräch mit unserer Zeitung nannte Daynès noch weitere Details: Die Körperbehaarung stammt vom Fell der Yaks, eine in Zentralasien verbreitete Rinderart. Sie sei bei der Fertigung von einer dunkelbraunen Hautfarbe ausgegangen, denn immerhin entwickelten sich in Afrika verschiedene Arten von Urmenschen und einige gelangten auch nach Europa.

Die Künstlerin geht davon aus, dass der Steinheimer Urmensch zwischen 30 und 40 Jahren alt war. Eine Frau mit Überlebenserfahrung also, was vor allem der Holstein-Warmzeit zu verdanken war.

Der Steinheimer Schädelfund ist nämlich deshalb so bedeutend und einzigartig, weil es nur während solcher Warmzeiten Vorstöße der Urmenschen gab, denn in den dazwischen liegenden Kaltzeiten war es unmöglich, nördlich der Alpen zu überleben. Das gelang erst viel später den Neandertalern. Da der Steinheimer Schädel sehr zierlich ist, wird angenommen, dass er von einer Frau stammt, beweisen lässt sich das aber nicht. Die Pariser Künstlerin räumt dabei auch mit dumpfen Klischees von Urmenschen auf.

Dass der Schädel nun Gesicht und Körper bekommen hat, ist hauptsächlich einer privaten Spende der Familie Wägerle in Höhe von 30 000 Euro zu verdanken. Die Stadt Steinheim gab außerdem einen Zuschuss von 10 000 Euro und 5000 Euro steuerte der Förderverein des Museums bei.

Die Künstlerin war ihren schwäbischen Auftraggebern außerdem finanziell auch noch entgegengekommen. Nur so war die Realisierung dieses einmaligen Exponats möglich.