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Naturschutz
Eidechsen verzögern Aldi-Neubau in Steinheim

Das zukünftige Areal von Aldi ist bereits mit den Eidechsenzäunen begrenzt. Foto: Holm Wolschendorf
Das zukünftige Areal von Aldi ist bereits mit den Eidechsenzäunen begrenzt. Foto: Holm Wolschendorf
„Sehr viele“ Mauereidechsen, um genau zu sein 36 Stück, haben die Baupläne von Aldi um knapp zwei Jahre verzögert. Wenn alles gut geht, könnte Aldi aber im September 2023 eröffnen. Im Obergeschoss wird eine Kindertagesstätte eröffnet.

Steinheim. Das Gelände an der Bahnhofstraße liegt schon viele Jahre brach, dementsprechend wohl fühlten sich auch die Tiere. Im Rahmen der Artenschutzprüfung wurden sie entdeckt und verzögerten so das Bauprojekt Aldi. „Viele haben sich gefragt, warum sich da unten nichts tut und ob Aldi sein Vorhaben aufgegeben hat, die Eidechsen sind der Grund“, sagte auch Bürgermeister Thomas Winterhalter in der Gemeinderatssitzung am Dienstagabend. Der Schutz der Mauereidechsen ist gesetzlich geregelt und vorgeschrieben. In unseren Gefilden kommen die Eidechsen noch häufig vor, europaweit jedoch nicht, weshalb sie hier geschützt werden müssen. Deshalb wohnen auch Eidechsen aus Stuttgart am Steinheimer Burgberg.

Zunächst war die Überlegung, sie in Richtung der Trasse der Bottwartalbahn zu vertreiben, doch diese muss freigehalten werden. Auch eine Umsiedlung auf passende Grünflächen im Aldi-Zentrallager in Murr scheiterte, da man dort wohl Zauneidechsen vermutet. Da es sich bei den Aldi-Eidechsen um eine Mischung aus deutschen und italienischen Tieren handelt, müssen sie vor Ort geschützt werden, um eine Durchmischung mit den urspünglichen Eidechsen zu verhindern.

Tiere werden in Richtung Süden verdrängt

Nach einer Ausnahmegenehmigung des Regierungspräsidiums Stuttgart wird deshalb etwas anders verfahren. „Es werden so viele Tiere gerettet wie möglich, der Rest bleibt sich selbst überlassen“, so Andreas Tiefau vom Ludwigsburger Planungsbüro KMB.

In einem ersten Schritt werden die Eidechsen nun mit schwarzen Folien, die die Tiere meiden, in Richtung Süden zu den dortigen Böschungen vergrämt. Das ganze Baugelände ist bereits umzäunt: Oben am Zaun befinden sich Jutesäcke mit deren Hilfe die durch die Folien vertriebenen Eidechsen über den Zaun klettern und in die neuen Gebiete auswandern können. Für den Rückweg gibt es diese Möglichkeit nicht, auch später soll ein Zaum rund um den Aldi-Parkplatz eine Rückeinwanderung verhindern. Alle Eidechsen, die partout nicht auswandern wollen, werden in einem zweiten Schritt eingesammelt und in zwei Habitate am zukünftigen Parkplatzeingang umgesiedelt. Es werden Steinhäufen, Sandlinsen und Totholz angelegt.

Die Verkaufsfläche von Aldi in Steinheim wird nicht wie geplant 1200 Quadratmeter betragen, sondern lediglich 1000, um keine Konkurrenz zu dem bestehenden Markt im Murr zu schaffen. Die Gesellschaft für Marktanalyse geht von rund zehn Prozent Umsatzverteilung bei Aldi und Lidl aus. Deutlich schlechter sieht es für den benachbarten Norma in Steinheim aus. Hier geht die GMA von 33 Prozent Umsatzverteilung aus und wegen der unattraktiven Rahmenbedingung auch von einer Schließung. Beim Kaufland in Steinheim rechnet die GMA mit sechs Prozent Umsatzverteilung.

Kindertagesstätte mit vier Gruppen

Im Obergeschoss des Gebäudes wird die Stadt eine Kindertagesstätte mit vier Gruppen einrichten. Das Gebäude soll 10,40 Meter hoch sein, das Dach begrünt werden. Bäume auf den Parkplätzen sorgen für weiteres Grün. Angefahren wird das Gebäude über die Bahnhofstraße, lediglich die Abholung von Müll erfolgt über die Industriestraße. Über die wohl schlechteste Straße in Marbach soll so wenig Verkehr wie möglich fließen. Aber auch hier zeichnet sich langsam Besserung ab. Im Rahmen des Starkregenmanagements müssen die Staukanäle und die Pumpen angepasst werden. „Das kostet uns aber noch viel Zeit, Nerven und Geld“, warnte Bürgermeister Thomas Winterhalter schon mal vor.

„Wir stehen zu dem Projekt Aldi“, betonte der Grünen-Fraktionsvorsitzende Rainer Breimaier. Mit der Ansiedlung von Aldi werde die Innenstadt belebt, was man mit dem Stadtentwicklungskonzept ISt 2030 und der Planung einer Langen Mitte immer zum Ziel gehabt habe. Und auch die vier Kitagruppen kämen wie gerufen.

Stichwort: Mauereidechse

Mauereidechsen sind Schnecken-, Insekten- und Spinnenjäger. Aus Wein machen sie sich vermutlich nichts. Dennoch deckt sich ihre Verbreitung laut Nabu in Deutschland weitgehend mit den Weinanbaugebieten. Die Mauereidechse ist EU-weit streng geschützt. Sie ist hierzulande nicht vom Aussterben bedroht, aber durch den zunehmenden Schwund ihrer Lebensräume gefährdet. Weinberge werden totgespritzt, Mauern verfugt, Ausweichstandorte wie alte Gleisanlagen überwuchert. Giftfrei arbeitende Ökowinzer und in der Biotoppflege aktive Naturschützer sind deshalb die besten Freunde der Mauereidechse. Perfekte Eidechsenbiotope sind Felsen, Mauern oder Schotter mit Brombeer- oder Efeuranken sowie Krautsäumen. Die Zauneidechse wurde übrigens bereits mehrmals zum Reptil des Jahres gekürt. (red)