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Kein Hinweis auf Sexualdelikt
Getötete 17-jährige Tabitha aus Asperg wurde nahe der Enz in Unterriexingen gefunden

Nahe der Enz im Markgröninger Stadtteil Unterriexingen hat die Polizei die tote Tabitha E. aus Asperg gefunden. Foto: Alfred Drossel
Nahe der Enz im Markgröninger Stadtteil Unterriexingen hat die Polizei die tote Tabitha E. aus Asperg gefunden. Foto: Alfred Drossel
Im Fall der getöteten Tabitha E. liegen laut Auskunft der Ermittler keine Hinweise auf ein Sexualdelikt vor. Im Bereich des Fundorts der Leiche wurde zudem die Spurensicherung abgeschlossen. Den Angaben nach hat die Polizei die junge Frau nahe der Enz im Markgröninger Teilort Unterriexingen entdeckt.

Asperg/Markgröningen. Die Ermittlungen, die zur Aufklärung des Verbrechens an der 17-Jährigen aus Asperg führen sollen, gestalten sich offenbar schwierig, zumal sich der 35-jährige Tatverdächtige weiterhin in Schweigen hüllt. „Wir sind da noch relativ am Anfang“, sagt Aniello Ambrosio, Erster Staatsanwalt und Sprecher der Staatsanwaltschaft Stuttgart. Um die Ermittlungen nicht zu gefährden, sei es sehr schwierig, Informationen herauszugeben. Der Fundort der Leiche war nahe der Enz in Unterriexingen. Damit haben sich die Informationen unserer Zeitung bestätigt. Detaillierter wollte ihn Ambrosio allerdings nicht beschreiben. Laut der am Montag durchgeführten Obduktion lägen derzeit keine Hinweise auf ein Sexualdelikt vor. Es gebe allerdings „Anhaltspunkte auf eine Gewalteinwirkung“. Ob es sich dabei um stumpfe Gewalt oder beispielsweise um Verletzungen, die durch ein Messer herbeigeführt wurden, handelt, konnte Ambrosio „aus ermittlungstaktischen Gründen“ nicht sagen. Auch eine Aussage über eine mögliche Tatwaffe vermochte er nicht zu treffen.

Der 35-jährige Tatverdächtige und das 17-jährige Opfer haben sich laut Mitteilung von Staatsanwaltschaft und Polizei bereits vor der Tat gekannt. In welcher Beziehung die beiden zueinander standen, sei derzeit noch Gegenstand der Ermittlungen. Auch zum Wohnort des Tatverdächtigen machte Ambrosio keine Angaben. Hinweise auf weitere Täter gibt es laut dem Staatsanwalt nicht. Nach wie vor sucht die Polizei Zeugen, die zwischen Dienstag, 12. Juli, und Samstag, 16. Juli, einen graubraunen BMW 320, Baujahr 2009, mit Ludwigsburger Kennzeichen gesehen haben. In dem Wagen könnte Tabitha E. mit einem Mann gesehen worden sein. Hinweise nimmt die Kriminalpolizei des Polizeipräsidiums Ludwigsburg unter Telefon (0800) 1100225 entgegen.

Große Bestürzung in Schule und beim TV Möglingen

Nach dem gewaltsamen Tod der 17-Jährigen aus Asperg ist die Bestürzung im Umfeld der jungen Frau groß. „Die Sinnlosigkeit und Fassungslosigkeit sind vorherrschend“, sagt Kai Rosum-Kunzelmann, Leiter der Mathilde-Planck-Schule in Ludwigsburg, wo Tabitha E. in die 11. Klasse ging und in zwei Jahren die allgemeine Hochschulreife erlangen wollte. Die Betroffenheit bei allen sei immens. Um über das Verbrechen an der 17-Jährigen, die fünf Tage lang als vermisst galt und dann tot gefunden wurde, zu sprechen, waren am Dienstagvormittag Vertreter der Kriminalpolizei, der schulpsychologischen Beratungsstelle und der Notfallseelsorge sowie Lehrkräfte der Schule in ihrer Klasse. Dabei hatten die knapp 30 Mitschüler die Gelegenheit, Fragen zu stellen. „Es gab einen großen Redebedarf“, bilanzierte Schulleiter Rosum-Kunzelmann. In einem weiteren Schritt wollte das schulinterne Krisenteam über einen eventuellen Trauergottesdienst an der Schule beraten. Zudem sei die Einrichtung eines Trauerraums mit Kondolenzbuch im Gespräch.

Große Betroffenheit herrscht auch beim Turnverein Möglingen, wo Tabitha E. seit 2008 in der Turnabteilung Sport trieb. Seit zwei Jahren war sie dort als Betreuerin tätig und beabsichtigte, ab September eine eigene Gruppe zu leiten. Bereits in der vergangenen Woche, als der Teenager noch als vermisst galt, habe man sich abends in der Sporthalle getroffen, um Gespräche mit den jungen Turnerinnen und Turnern zu führen. Das sei auch in dieser Woche so angedacht, wobei Vereinsvorsitzender Roger Bladek einräumte, nicht zu wissen, was ihn an diesem Dienstagabend erwarten sollte. „Die Bestürzung im Verein ist groß“, sagt er und ergänzt: „Deshalb werden wir bei Bedarf mit denen reden, die kommen.“ Die Vereinsmitglieder seien bereits ausgiebig über die sozialen Medien im Austausch. Er plädiere dafür, den Trainingsbetrieb aufrechtzuerhalten. „Sport ist eine gute Medizin und hilft dabei, den Kopf frei zu bekommen“, sagt der TVM-Vorsitzende. Weil die Anteilnahme im Verein sehr groß sei, gebe es Überlegungen, am Wochenende eine kleine Gedenkfeier zu veranstalten.

Gedenkminute statt Fassanstich

„Ich verspüre komplettes Unverständnis und eine tiefe Betroffenheit“, sagte der Asperger Bürgermeister Christian Eiberger auf Nachfrage unserer Zeitung. Es sei nicht nachvollziehbar, dass „so ein junges Mädel mit Gewalt aus dem Leben gerissen wird“. Deshalb werde zum Auftakt des Stadtfestes am kommenden Samstag um 16 Uhr auf dem Marktplatz kein Fassanstich, sondern eine Gedenkminute stattfinden. Die Musik werde erst nach einer gebührenden Pause spielen. Der Gottesdienst am Sonntag um 10 Uhr vor dem Rathaus werde im Zeichen der getöteten Tabitha stehen. Das Feuerwerk am Sonntagabend sei abgesagt. „Wir wollen nicht gänzlich auf das Fest verzichten, aber das Gedenken an Tabitha aufrechterhalten“, so Eiberger.

„Das ist ganz furchtbar, ich bin in Gedanken bei der Familie“, sagt der Markgröninger Bürgermeister Jens Hübner, der wie das Opfer Mitglied im TV Möglingen ist. Er hoffe, dass die Ermittlungen so weit fortschreiten, „dass man die Tat eindeutig jemandem zuordnen kann“.

Anteilnahme und Hass in den Sozialen Medien

Nach dem Tod der 17-jährigen Tabitha E. aus Asperg finden sich zahlreiche Beileidsbekundungen und Beiträge der Anteilnahme in den Social-Media-Kanälen der Ludwigsburger Kreiszeitung und der Polizei Ludwigsburg. Doch auch Hasskommentare, die sich auf die syrische Herkunft des Tatverdächtigen beziehen, mischen sich darunter.

„Der Schmerz muss kaum auszuhalten sein, mein tiefstes Beileid an alle Hinterbliebenen“, schreibt etwa Jase Blacha auf der Facebook-Plattform unserer Zeitung und reiht sich damit in die Vielzahl der Beiträge ein, die der Familie der Getöteten ihr Mitgefühl zum Ausdruck bringen. Andere sehen die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel als mitverantwortlich für die Tat und äußern sich in rassistischer Weise über den Migrationshintergrund des 35-jährigen Verdächtigen. Sogar von Selbstjustiz ist die Rede. Während die Online-Redakteurin unserer Zeitung nicht müde wird, auf die Kommunikationsregeln auf der Facebook-Plattform hinzuweisen, wirft auch die Polizei einen kritischen Blick auf die Hetzkommentare auf ihrem Social-Media-Kanal. Weil sich auch dort der Fremdenhass breitmachte, sperrte die Polizei bereits am Montagnachmittag die Kommentarfunktion zur Pressemitteilung über den Tod des Mädchens. „Wer Hasskommentare mit einem strafrechtlichen Hintergrund abgibt, wird verfolgt“, sagt eine Sprecherin des Polizeipräsidiums Ludwigsburg. Fällt ein Nutzer mehrfach durch seine hetzerischen Aussagen auf, wird er gesperrt, was in der Vergangenheit durchaus schon vorgekommen sei.