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Pflege

Impfen zuhause noch nicht möglich

Der Mann ist 84 Jahre alt und nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt. Er wird zuhause gepflegt. Dort wird er aber nicht geimpft, sondern muss ins Impfzentrum gebracht werden. Auch in den Tagespflegen wird nicht geimpft. Sozialverbände kritisieren dies scharf. Werden die Menschen, die zu Hause gepflegt werden, vergessen?

Die Impfung älterer Menschen, die zuhuase gepflegt werden, gestaltet sich schwierig.Foto: dpa/Jana Bauch
Die Impfung älterer Menschen, die zuhuase gepflegt werden, gestaltet sich schwierig. Foto: dpa/Jana Bauch

Kreis Ludwigsburg. Menschen über 80 Jahre zählen zu den ersten, die sich gegen das Coronavirus impfen lassen können. Denn für sie besteht die größte Gefahr, an der Krankheit Covid-19 zu sterben. Doch wer zu Hause gepflegt wird und nicht mobil ist, geht bei der Impfung im Südwesten vorerst leer aus. Erklärtes Ziel des baden-württembergischen Sozialministeriums ist es, zunächst die Hochbetagten in den Alten- und Pflegeheimen zu impfen. Wer zuhause gepflegt wird, ist darauf angewiesen, dass ihn jemand ins Impfzentrum fährt. In der Regel übernehmen dies die Angehörigen. Was aber, wenn diese verhindert sind?

„Wir wissen um die Schwierigkeiten mancher älterer Menschen, in eines der Impfzentren zu gelangen“, versichert ein Sprecher des Sozialministeriums auf Nachfrage der LKZ. Dem Ministerium sei aber vielfach rückgemeldet worden, dass Angehörige oder Nachbarn dabei gerne einspringen. Außerdem gebe es auch schon Kommunen oder Kreise, die darüber nachdächten, eigenverantwortlich tätig zu werden und zum Beispiel überlegten, über Nachbarschaftshilfe oder andere Vereine die Senioren bei der Fahrt in ein Impfzentrum zu unterstützen. Diese Aufgabe könne das Land logistisch nicht übernehmen.

„Wir vergessen ältere Menschen zuhause nicht“, betont der Sprecher. Verweist aber auf das größte Problem, das das Land dabei zur Zeit habe: Besuche bei Senioren zuhause seien derzeit logistisch noch schwer möglich. Dies liege unter anderem auch an den komplizierten Kühlverhältnissen des Impfstoffes. Ist eine Ampulle mit fünf bis sechs Impfdosen erst einmal geöffnet, müssen diese sofort geimpft werden, ansonsten verfallen die anderen Dosen. Es sei deshalb unmöglich, mit angebrochenen Ampullen von Haus zu Haus zu fahren – ohne, dass Dosen am Ende weggeworfen werden müssten. Eine Sprecherin von Biontech hat dies auf Nachfrage der Deutschen Presseagentur auch bestätigt: Biontech-Impfstoff muss auf bis zu 70 Grad unter Null gekühlt werden.

Auch verweist der Sprecher darauf, dass Menschen in Alten- und Pflegeheimen mehr Kontaktpunkte mit anderen Menschen wie Besucher, Pfleger oder auch untereinander hätten als Pflegebedürftige, die zu Hause versorgt werden. „Deshalb legen wir die klare Priorität auf die Alten- und Pflegeheime“,so der Sprecher.

Für Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, ist die derzeitige Situation dennoch nicht haltbar. „Über 80-Jährige sind überall, wo sie leben, gleich gefährdet. Ob im Pflegeheim oder zu Hause“,sagte er der Deutschen Presseagentur. Auch den Verweis auf weniger Kontakte hält er für nicht angebracht. Viele ältere Menschen lebten zwar alleine. Doch auch sie brauchten soziale Kontakte, sagte Brysch. Ein weiterer Aspekt, der ihm missfällt: „Auch die Mitarbeiter von ambulanten Pflegediensten gehören zu den Menschen, die nun vorrangig geimpft werden. Warum dann nicht auch die über 80-Jährigen, die von ihnen versorgt werden?“ Für Brysch schieben Politiker organisatorische Probleme vor, um vom eigentlichen Problem abzulenken: dem mangelnden Impfstoff.

Aus Sicht des Sozialverbands VdK braucht es mit Blick auf die Corona-Impfung von älteren und gebrechlichen Menschen, die zu Hause betreut werden, nun einen konkreten Plan. „Wir dürfen die Pflegebedürftigen in ihrer Häuslichkeit nicht vernachlässigen“, mahnte Bentele. „Es muss deshalb eine Strategie entwickelt werden, wie gerade ältere und gebrechliche Menschen schnell und effektiv geimpft werden können.“ Notwendig sei ein Zeitplan für die kommenden Monate. Bentele sprach sich auch für Transporthilfen für die Fahrt zum Impfzentrum aus – etwa durch Freifahrtscheine für Taxis oder durch Rettungssanitäter.

Auch der Landtagsabgeordnete Fabian Gramling wandte sich an Sozialminister Manne Lucha mit der Anregung, dass sich die mobilen Impfteams neben den Impfungen in den Pflegeheimen auch um diesen Personenkreis kümmern. Wie in anderen Bundesländern sollte es zudem auch in Baden-Württemberg möglich sein, dass die Betroffenen im Vorfeld entsprechend per Brief informiert werden“, schreibt Fabian Gramling in einer Mitteilung. Ihm sei bewusst, dass alles mit der Verfügbarkeit des Impfstoffes zusammenhänge. Er habe angesichts der Zulassung neuer Impfstoffe und weiteren Lieferungen des Impfstoffs von Pfizer und Biontech jedoch die Hoffnung, dass die Kapazitäten in den kommenden Wochen erhöht werden können.

Da will der Sprecher des Sozialministeriums aber noch nichts versprechen: „Ob und in welcher Form Menschen, die immobil sind, zu einem späteren Zeitpunkt aufsuchend geimpft werden können, wird je nach Verfügbarkeit des Impfstoffs spätestens im Rahmen der Regelversorgung durch die Hausärzte erfolgen“, heißt es.

Auch ein Vorschlag aus der Praxis, alle Patienten die in einer Tagespflege betreut werden, dort in der Einrichtung an einem festgelegten Tag zu impfen, wird derzeit nicht weiter verfolgt. „Derzeit können wir die Einrichtungen der Tagespflege noch nicht anfahren“, sagt der Sprecher auf Nachfrage. Auch diese Patienten müssen – so lange kein anderer Impfstoff vorliegt – noch in die Impfzentren kommen.

Gesundheitsminister Manne Lucha bittet derweil die Bevölkerung beim Thema Impfen um Geduld. „Mit der derzeit vom Bund zur Verfügung gestellten Menge an Impfstoff können wir täglich in Baden-Württemberg 6500 Menschen impfen.“ Die Gruppe der über 80-Jährigen sowie ärztliches und pflegerisches Personal mache im Land rund 1 Million Menschen aus.

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