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GKN II

Kernkraft: Neue Rufe nach Sofortabschaltung

Der frühere Abteilungsleiter für Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium, Dieter Majer, wirft der baden-württembergischen Atomaufsicht schwere Fehler bei der Beurteilung von Sicherheitsrisiken im Atomkraftwerk Neckarwestheim II (GKN II) vor. In einem am Freitag veröffentlichten Gutachten fordert Majer die sofortige Abschaltung des Reaktors, der regulär Ende 2022 stillgelegt werden soll.

Die beiden Kuppeln von Neckarwestheim: GKN I (links) ist seit zehn Jahren abgeschaltet, bei GKN II reißen die Rufe nach einer sofortigen Stilllegung nicht ab. Es wird spätestens Ende 2022 vom Netz gehen.Archivfoto: Alfred Drossel
Die beiden Kuppeln von Neckarwestheim: GKN I (links) ist seit zehn Jahren abgeschaltet, bei GKN II reißen die Rufe nach einer sofortigen Stilllegung nicht ab. Es wird spätestens Ende 2022 vom Netz gehen. Foto: Alfred Drossel

Gemmrigheim/Neckarwestheim. Droht im GKN II wegen der seit 2017 immer wieder festgestellten Risse in den Heizrohren der Dampferzeuger eine Kernschmelze? Das sei zumindest nicht auszuschließen, lautet der Befund des früheren Atomaufsehers im Bundesumweltministerium. Das baden-württembergische Umweltministerium und die von ihm beauftragten Gutachter seien bei der Bewertung der Korrosionsschäden an der heiklen Schnittstelle zwischen hoch radioaktivem Primär- und nichtnuklearem Sekundärkreislauf teils von falschen Voraussetzungen ausgegangen, teils hätten sie die bestehenden Sicherheitsregeln falsch interpretiert, so Majer. Die Rohrschäden von 2018 seien vom Land unterschätzt worden und hätten einen Störfall von „besonderer sicherheitstechnischer Bedeutung, jedoch ohne tatsächliche Auswirkungen“ dargestellt. Ein unvorhergesehener Bruch der Heizrohre – und damit eine Freisetzung großer Mengen von Radioaktivität – sei nicht auszuschließen. In diesem Fall könne es zu nicht beherrschbaren Störfällen bis hin zur Kernschmelze kommen.

„Wir werden uns die Vorwürfe genau ansehen.“

Franz Untersteller
Umweltminister

Majers Fazit: GKN II dürfe „so nicht weiterbetrieben werden“, Baden-Württembergs Umweltminister Franz Untersteller (Grüne) müsse den Meiler abschalten lassen und der Betreiberin EnBW eine Beseitigung der Mängel vorschreiben. Damit stützt Majer Forderungen der Anti-Atom-Organisation „Ausgestrahlt“, die das Gutachten in Auftrag gegeben und es zunächst nur dem SWR zur Verfügung gestellt hatte (wir berichteten gestern).

„Ausgestrahlt“, der Bund der Bürgerinitiativen Mittlerer Neckar (BBMN) und der BUND hatten schon im Sommer 2020 unter Hinweis auf die Heizrohr-Problematik eine Abschaltung von GKN II bis zu einem Austausch der Dampferzeuger beantragt, der für die EnBW angesichts der Restlaufzeit aber unwirtschaftlich wäre. Sie beriefen sich damals auf den Reaktorsicherheitsexperten Manfred Mertins. Untersteller hatte dessen Gutachten durch weitere unabhängige und atomkritische Experten überprüfen lassen und den Antrag – gestützt auf Stellungnahmen von Mitgliedern der Reaktorsicherheitskommission und eine Bewertung der Gesellschaft für Reaktorsicherheit – abgelehnt. „Ausgestrahlt“ wiederum hat dagegen geklagt.

Wenn ein ausgewiesener Fachmann wie Majer Zweifel an der Sicherheit des letzten noch im Leistungsbetrieb laufenden Meilers im Südwesten habe, nehme er das „sehr ernst“, sagte Untersteller unserer Zeitung zu den neuen Vorwürfen. Die zuständige Fachabteilung werde sich Majers Gutachten genau ansehen. Zugleich zeigte sich der Minister verärgert darüber, dass sein Ressort bereits am Donnerstag sowohl Majer als auch den SWR mehrfach vergeblich um eine Zuleitung des Gutachtens gebeten habe und es am Freitagmorgen „aus dem Netz fischen“ musste, bevor es ihm offiziell zugestellt wurde.

So erging es offenbar auch der GKN-Betreiberin EnBW. „Der Verfasser hat uns das Papier nicht zur Verfügung gestellt“, sagte Jörg Michels, der Geschäftsführer der EnBW Kernkraft GmbH, gestern in Stuttgart während einer Online-Pressekonferenz. Für ihn steht „außer Frage, dass GKN II sicher betrieben wurde und werden wird“. Die Sicherheit der Dampferzeuger sei der EnBW von unabhängigen Stellen auf Landes- und Bundesebene bestätigt worden. Michels: „Die Heizrohre waren und sind dicht.“

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