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Gesundheit
Kliniken im Kreis Ludwigsburg und im Land weiter unter Druck

Lasereinsatz in der Urologie des Ludwigsburger Klinikums: Auch nach Corona stehen die Krankenhäuser vor großen Herausforderungen und fordern mehr Unterstützung. Foto: Holm Wolschendorf
Lasereinsatz in der Urologie des Ludwigsburger Klinikums: Auch nach Corona stehen die Krankenhäuser vor großen Herausforderungen und fordern mehr Unterstützung. Foto: Holm Wolschendorf
Die Krankenhäuser im Südwesten haben zweieinhalb Jahre Pandemie hinter sich: Jetzt richten Kliniken-Chefs wie der Ludwigsburger Jörg Martin einen Appell an die Politik. Sie fordern klare Vorgaben, wie Gesundheit in Zukunft organisiert werden soll.

Kreis Ludwigsburg. Die große Corona-Anspannung ist weg. Am vergangenen Freitag lagen 92 infizierte Patienten auf Intensivstationen im Land. Die Sieben-Tage-Hospitalisierungsinzidenz pendelt sich bei 3,5 ein. Die Tendenz: leicht steigend. „Wir haben Corona insgesamt gut überstanden“, sagt Jörg Martin, der Chef der Regionalen Kliniken-Holding RKH, zu der auch die Häuser im Landkreis gehören. Covid-Patienten hätten nicht abgewiesen werden müssen, allerdings sei es zu Verlegungen gekommen.

Die Krankenhauslandschaft im Südwesten sieht Martin dennoch in der Krise – und einen Schuldigen hat der habilitierte Anästhesist ebenfalls ausgemacht: die Politik. Statt klarer Vorgaben, wie Gesundheit in Zukunft organisiert werden soll, beobachtet Martin, dass sich Minister wie Karl Lauterbach (SPD) im Klein-Klein verirren. Drei Problemfelder haben der Krankenhausmanager und seine Kollegen des Klinikennetzwerks Qumik ausgemacht, dem 15 kommunale Krankenhausträger in Baden-Württemberg angehören.

Die Krankenhausfinanzierung

Sie folgt einem dualen Prinzip – und ist rund 50 Jahre alt. Die Betriebskosten, also alle Posten, die für die Behandlung der Patienten entstehen, werden von den Krankenkassen finanziert. Für die Investitionen ist das Land zuständig. Rund 440 Millionen pumpt es jedes Jahr in die Krankenhäuser. „Das ist nicht schlecht“, sagt Markus Heming, Geschäftsführer des Städtischen Klinikums in Karlsruhe. Baden-Württemberg liegt damit bundesweit auf einem Champions-League-Platz. Das Problem: Es ist bei Weitem nicht auskömmlich. Der Bedarf der Hospitäler liegt laut Heming fast doppelt so hoch, nämlich bei etwa 750 Millionen Euro.

Hoffnung macht den Gesundheitsexperten Martin und Heming, dass ein Bund-Länder-Pakt jetzt eine Reform anstoßen soll, die das 50 Jahre alte Prinzip ablöst. Heming wünscht sich einen Schulterschluss. Klar ist für ihn: „Aus den Betriebsergebnissen können die Kliniken nicht die Gewinne erwirtschaften, um die nötigen Investitionen anzuschieben.“

Das Pflegebudget

Vor zwei Jahren entscheidet der Gesetzgeber, dass die Kosten des Pflegepersonals nicht mehr über Fallpauschalen vergütet werden. Stattdessen erhalten die Krankenhäuser von den Kassen ein kostendeckendes Budget – so weit die Theorie. „Diese Neuregelung ist zwar gut gemeint“, sagt der ehemalige Ludwigsburger Krankenhausmanager Matthias Ziegler, der jetzt die Geschäfte des Klinikums in Esslingen führt. Allerdings attestiert er dem Gesetzgeber handwerkliche Fehler.

Der Alltag in den Krankenhäusern sehe nämlich so aus: Rund 75 Prozent der Qumik-Kliniken hätten mit den Kostenträgern noch keine Vereinbarung für das Jahr 2020 erzielt. Den Esslingern fehlen dadurch mehr als zehn Millionen Euro in der Bilanz. Die Krankenhäuser erhalten zwar Abschlagszahlungen – die aber längst nicht kostendeckend seien. Für 2021 hätten die Budgetverhandlungen laut Zieglers ehemaligem Vorgesetzten Martin noch nicht einmal begonnen. „An 2022 denken wir noch gar nicht“, sagt er.

Für die Missstände verantwortlich machen sie eine Überbürokratisierung, die der Branche Aufwand und Ärger beschere. Ziegler: „Das neue System bringt das Gesundheitswesen nicht weiter.“

Der Fachkräftemangel

Wartezeiten, verschobene OPs oder Patienten, die nicht rechtzeitig entlassen werden können: An Kliniken im Südwesten gehört das zum Alltag. „Wir können nicht auf das Personal zurückgreifen, das wir benötigen“, sagt Matthias Geiser, Chef des Schwarzwald-Baar-Klinikums Villingen-Schwenningen. Das gelte sowohl für Ärzte als auch Pfleger. Im Schnitt können an großen Krankenhäusern mit mehr als 600 Betten zwei Stationen nicht bedient werden. Statistiker haben zudem herausgefunden, dass durchschnittlich eine Station mit Leiharbeitskräften ausgestattet ist.

„Wir brauchen Rahmenbedingungen, die es uns möglich machen, als attraktiver Arbeitgeber aufzutreten“, sagt Geiser. Er denkt vor allem an bessere Gehälter, weniger Regulierung und wirtschaftliche Freiräume. „Auch ohne ausländische Pflegekräfte wird es nicht gehen“, prophezeit der Fachmann.

Der Ludwigsburger Krankenhausmanager Martin wünscht sich jetzt mehr Unterstützung der Politik. „Der Reformstau im Gesundheitssystem ist mittlerweile oft existenzbedrohend für die Krankenhäuser geworden“, sagt er. Martin will zudem weg vom Denken in Landkreisgrenzen und hin zu regionalen Netzwerken – so wie es seine RKH mit Standorten in den Kreisen Ludwigsburg, Enz und Karlsruhe tut.

Zahlen und Fakten

15 kommunale Krankenhausträger mit 44 Standorten in ganz Baden-Württemberg arbeiten im Qumik-Verbund zusammen. Sie kommen auf rund 13500 Betten und etwa 43000 Mitarbeiter. Das Kürzel Qumik steht für Qualität und Management im Krankenhaus und beschreibt den Sinn dieser Kooperation: Die kommunalen Häuser wollen Wissen und Daten austauschen, um so voneinander lernen zu können und sich in der Qualität der Patientenversorgung und in ihrer Wirtschaftlichkeit stetig zu verbessern. Die Qumik-Geschäftsstelle ist am Sitz der Regionalen Kliniken-Holding RKH in Ludwigsburg angesiedelt.