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Festakt
Mikrokosmos des jüdischen Volkes

Feierstunde: Die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Freudental ist vor 250 Jahren erbaut worden. Foto: Alfred Drossel
Feierstunde: Die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Freudental ist vor 250 Jahren erbaut worden. Foto: Alfred Drossel
Festrednerin Sara Soussan.
Festrednerin Sara Soussan.
Im Jahr 1770, also vor 252 Jahren, ist die Synagoge von der Freudentaler jüdischen Gemeinde erbaut worden. In einem wegen Corona verspäteten Festakt ist am Sonntag das 250er-Jubiläum gewürdigt worden.

Freudental. „Dies ist das Tor zum Herrn, die Gerechten treten hier ein“: Dieses Zitat aus dem Psalm118 steht über der Eingangstür des Gebetsraums der Freudentaler Synagoge, die wie alle deutschen Synagogen eine wechselvolle Vergangenheit hat. Im Juli 1770 hatten die Freudentaler Juden den württembergischen Herzog Carl Eugen um Unterstützung für den Bau ihres Gotteshauses gebeten, und tatsächlich stellte der Herzog sechs Eichen aus seinen Wäldern und ein Darlehen in Höhe von 1000 Gulden zur Verfügung.

Noch im gleichen Jahr wurde die Synagoge eingeweiht und bildete lange das Zentrum des jüdischen Lebens in Freudental, bis das Gebäude während der Novemberpogrome 1938 geschändet wurde. Die Bausubstanz blieb zwar erhalten – Nachbarn hatten ein bereits gelegtes Feuer gelöscht, um ein Übergreifen der Flammen auf ihre eigenen Wohnhäuser zu verhindern. Doch die NS-Schergen zerstörten die Kultgegenstände und verwüsteten die komplette Inneneinrichtung – mit diesem Anschlag fand das jüdische Leben in Freudental ein jähes Ende.

Nach dem Krieg verfiel die Synagoge immer weiter, bis sich engagierte Bürger Anfang der 1980er Jahre in einem Förderverein zusammenschlossen und das Gebäude vor dem Abriss bewahrten. Heute ist in dem ehemaligen Gotteshaus das Pädagogisch-Kulturelle Centrum (PKC) untergebracht, das insbesondere bei jungen Menschen das Verständnis für Toleranz und demokratische Werte fördert. „Das PKC ist ein Ort des Gedenkens, des Lernens, der Begegnung und des Dialogs“, sagte Landrat und stellvertretender PKC-Vorsitzender Dietmar Allgaier am Sonntagnachmittag bei einer Feierstunde, die anlässlich der Einweihung vor 250 Jahren stattfand.

Die Architektur des Gebäudes orientierte sich – so wie bei vielen Synagogen, die damals bei in Deutschland gebaut wurden –an hugenottischen Kirchen. Das Aufgreifen solcher Einflüsse aus dem alltäglichen Umfeld war im Synagogenbau seit jeher üblich, wie Sara Soussan, Kuratorin im Jüdischen Museum Frankfurt, in ihrem Festvortrag erläuterte. Denn im Talmud finden sich so gut wie keine Gestaltungsvorgaben – abgesehen davon, dass eine Synagoge Fenster haben und größer als alle anderen Gebäude in der Umgebung sein muss.

Letzteres Gebot ließ sich nach der Zerstörung des zweiten Jerusalemer Tempels im Jahr 70 nach unserer Zeitrechnung und dem sich daran anschließenden jüdischen Leben in der Diaspora ohnehin nicht einhalten. Manche Juden verschlug es auf der Flucht vor den römischen Besatzern bis nach China, dort lehnten sie sich an die traditionelle Architektur im Reich der Mitte an. Im Mittelalter wurden, etwa in Prag oder Bukarest, gotische Elemente integriert. Und im 19. Jahrhunderts fand in Deutschland – ganz im Stil des in der Architektur dominanten Historismus – ein orientalisierender Stil Verbreitung, der sich stets harmonisch in die Umgebungsbebauung eingliederte. In der jüdischen Diaspora habe das gemeinsame Gebet an Bedeutung gewonnen, erklärte Soussan. In einer Synagoge werde aber nicht nur gebetet. Vielmehr handele es sich bei jüdischen Gotteshäusern um multifunktionale Räume. Um einen Ort der Versammlung, des Studierens und des Lernens, auch des Handels sowie der Verwaltung und der Gerichtsbarkeit. Gerade die Funktion als Versammlungsstätte sei von großer Bedeutung, denn die Zusammenkunft mit anderen Menschen schärfe das Bewusstsein dafür, nicht nur die eigenen Interessen zu verfolgen, sondern auch das Allgemeinwohl zu fördern. Soussan: „In einer Synagoge spiegelt sich das gesamte jüdische Volk wie in einem Mikrokosmos.“

Für den musikalischen Rahmen sorgte Hironobu Fuchiwaki am Klavier. Nach einem Ständerling hatten die Festgäste die Möglichkeit, mit den Architekten den Neubau zu besichtigen.