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Industrie

Wenn der Porsche kommt

Der Stuttgarter Autobauer erklärt in sachlicher Atmosphäre, warum er ein neues Werk in Schwieberdingen errichten will, der Bürgermeister, warum er dafür einen Bürgerentscheid anstrebt. Die Fakten.

Großer Bahnhof in Schwieberdingen: Die Absicht des Sportwagenherstellers Porsche, in der Gemeinde ein Werk in Nachbarschaft zu Bosch aufzubauen, zieht rund 650 Menschen in die Turn- und Festhalle. Auf dem Areal könnten einmal Teile für den neuen E-Po
Großer Bahnhof in Schwieberdingen: Die Absicht des Sportwagenherstellers Porsche, in der Gemeinde ein Werk in Nachbarschaft zu Bosch aufzubauen, zieht rund 650 Menschen in die Turn- und Festhalle. Auf dem Areal könnten einmal Teile für den neuen E-Porsche Taycan angefertigt werden. Foto: Andreas Essig, Sebastian Gollnow/dpa, oH
Wo heute, zwischen Bosch-Gelände und der ICE-Strecke, Ackerflächen sind, könnte einmal Gewerbe sein, unter anderem Porsche. Archivfoto: privat
Wo heute, zwischen Bosch-Gelände und der ICE-Strecke, Ackerflächen sind, könnte einmal Gewerbe sein, unter anderem Porsche. Foto: privat
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Schwieberdingen. Um kurz vor 19 Uhr lässt Bürgermeister Nico Lauxmann am Donnerstagabend die Turn- und Festhalle schließen. Zu diesem Zeitpunkt sind rund 650 Menschen in der Schwieberdinger Halle – mehr geht nicht. „Das Interesse ist überwältigend“, sagt Lauxmann, während etliche Abgewiesene den Heimweg antreten müssen.

Die Leute sind gekommen, weil sie mehr über die Porschepläne erfahren wollen, wonach in Schwieberdingen auf einer Fläche von 15 Hektar neben dem Bosch-Firmengelände ein neues Werk entstehen soll.

Die Idee: Hier die Produktionsversorgung und die Montage einzelner Teile wie Cockpits für den ersten E-Porsche, den Taycan, anzusiedeln.

Der Bürgermeister würde nur allzu gerne neben Bosch einen zweiten Weltkonzern in seiner Gemeinde begrüßen. Dennoch hat er vorgeschlagen, die Bürger am 14. Juli entscheiden zu lassen, ob die Fläche, die als regionaler Gewerbeschwerpunkt markiert ist und insgesamt auf 23 Hektar kommt, prinzipiell aktiviert wird. Der Bürgerentscheid ist also nicht als Plebiszit über Porsche gedacht. Den Weg soll der Gemeinderat am 29. April freimachen. Das ist die Ausgangslage.

Was will Porsche?

Die Firma hat vor, den Taycan im Herbst auf den Markt zu bringen. Gefertigt wird der Stromer am Stammsitz in Zuffenhausen, doch dort ist der Platz endlich. Das bringt Schwieberdingen als Produktionsstätte ins Spiel. Hier will Porsche mit Partnerunternehmen knapp 700 tarifgebundene Arbeitsplätze schaffen. Aus internen Unterlagen des Rathauses, die unserer Zeitung vorliegen, geht hervor, dass es in Summe gar 1000 Jobs werden könnten.

Als Problem zeichnet sich der Verkehr ab. Nach unseren Informationen rechnen die Projektpartner mit bis zu 50 Lastwagenbewegungen in der Stunde. Ein Porschesprecher dazu am Donnerstagabend: „Wir würden diese Zahl gerne unterschreiten.“

Dass die Gemeinde die Bürger entscheiden lassen will, betrachtet Porsche nicht als hinderlich. „Wir finden demokratische Prozesse gut“, sagt eine Porsche-Managerin. Dennoch habe die Firma auch mit anderen Kommunen geredet. „Wir würden aber gerne nach Schwieberdingen kommen.“

Was sagt die Gemeinde?

Der Bürgermeister ist überzeugt, dass ein Porsche-Werk Schwieberdingen Rückenwind verleiht. „Es würde eine neue Einnahmesituation eröffnen, die wir dringend benötigen“, sagt Lauxmann. Gleichzeitig fordert er, Schwieberdingen an die Stadtbahn anzuschließen und die B.10 schnell vierspurig auszubauen, um einen Verkehrsinfarkt zu vermeiden. Skeptiker befürchten zudem, dass die Immobilienpreise weiter anziehen. „Die Anfrage der Porsche AG bietet Chancen für unsere Gemeinde. Sie bringt aber ebenso Herausforderungen für die Zukunft“, sagt Lauxmann.

Ein Bürgerentscheid ist für ihn der richtige Weg. „Eine moderne Kommunalpolitik wendet sich dann an die Bevölkerung, wenn große Entscheidungen anstehen.“

Welche Rolle spielt die Region?

Sie ist händeringend auf der Suche nach Gewerbeflächen. Laut des Planungsdirektors Thomas Kiwitt sei es etwa nur auf den letzten Drücker gelungen, Flächen für die Thales-Ansiedlung in Ditzingen zu finden. Gleichzeitig nimmt er die Kommunen in die Pflicht. „Dort liegt die Aufgabe, Baurecht zu schaffen.“

Von Schwieberdingen verlangt die Region, das Areal interkommunal zu entwickeln. Interesse haben Markgröningen, Möglingen und Hemmingen angemeldet. Die Fläche hält Kiwitt für ideal: Weil hier schon Gewerbe ist und Wohngebiete weit weg sind.

Wie ist die Stimmung bei den Bürgern?

Der Auflauf in Schwieberdingen geht in faktenorientierter Atmosphäre über die Bühne, so wie es sich Lauxmann gewünscht hatte. Ein Mitglied der Aktiven Bürgergemeinschaft attestiert den Porschevertretern „einen inhaltsleeren Vortrag“. Ein Landwirt hält dem Bürgermeister vor, den Schutz guter Böden zu vernachlässigen. Viel mehr Kritik ist nicht.

Wer sorgt für den Lacher des Abends?

Ein Schwieberdinger Bürger. Er schlägt Porsche vor, im Gegenzug für den Zuschlag das derzeit geschlossene Hallenbad zu sanieren. Doch die Porsche-Managerin winkt höflich, aber bestimmt ab: „Wir laufen nicht mit dem Scheckbuch durch die Gegend.“

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