Logo

Wie klingender Seelenbalsam

Die Kantorei der Karlshöhe mit Bachs „Weihnachtsoratorium“ vor 400 Besuchern

Ernteten viel Beifall: Chor und Orchester beim Konzert.Foto: B. Stollenberg
Ernteten viel Beifall: Chor und Orchester beim Konzert. Foto: B. Stollenberg

Ludwigsburg. Sieht man von Weihnachtsliedern wie „O du fröhliche“ oder „Stille Nacht, Heilige Nacht“ mal ab, ist kein Musikstück enger mit der Weihnachtszeit verbunden als das „Weihnachtsoratorium“ von Johann Sebastian Bach. Nachdem die Kantorei der Karlshöhe zuletzt 2015 alle sechs Kantaten an den Festtagen aufführte, für die Bach sein Großwerk konzipiert hat – von den Weihnachtsfeiertagen bis zum 6. Januar –, verteilt auf mehrere Ludwigsburger Kirchen und eingebettet in den Gottesdienst, entschied man sich in diesem Jahr in Ermangelung passender Termine für die Aufführung der ersten drei Teile in der Vorweihnachtszeit.

Mit 400 Besuchern war die evangelische Kirche auf der Karlshöhe am Sonntagabend nahezu ausverkauft, als die rund 80.Chormitglieder der Kantorei im Altarraum Aufstellung bezogen. Weil aber am zweiten Advent noch nicht Weihnachten ist, hatte Nikolai Ott, seit April 2017 Leiter des von Siegfried Bauer gegründeten Chors, dem Programm Georg Philipp Telemanns geistliche Kantate „Machet die Tore weit“ vorangestellt, die ausdrücklich für die Adventszeit bestimmt war und sich auch im Hause Bach großer Beliebtheit erfreute, ist sie doch in einer Abschrift des Thomaskantors von 1734 überliefert, der sie am 28..November in Leipzig (anstelle einer Eigenkomposition) aufführte. Möglicherweise, um Zeit für die Vollendung des im selben Jahr uraufgeführten „Weihnachtsoratoriums“ zu gewinnen. Nicht nur die familiären Beziehungen der beiden Komponisten waren überaus eng – so hat Telemann die Patenschaft für Bachs Sohns Carl Philipp Emanuel übernommen –, auch die beiden Werke dieses Abends sind also innig miteinander verbunden. Dazu ist Ott das Wagnis eingegangen, das Adventskonzert in historisch informierter Aufführungspraxis zu gestalten.

Und so musizierten die 25 Mitglieder des Barockorchesters Consortium Consonans um den Cembalisten Peter Kranefoed auf Nachbauten historischer Instrumente, Bezirkskantor Martin Kaleschke auf der Truhenorgel der Stadtkirche. Dass die barocke Stimmung um einen Halbton tiefer ist, dürften die meisten Chormitglieder als Erleichterung erfahren haben.

Auch wenn im populären Eingangschor „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage“ in Sachen Transparenz noch Luft nach oben bestand, die empfindlichen Instrumente mit ihren Darmsaiten in dem durch die Besucher aufgewärmten Kirchenschiff einige Intonationsschwierigkeiten bereiteten und zwischen jeder Kantate nachgestimmt werden mussten, war es doch ein Erlebnis, diese Kompositionen in einer Annäherung an das barocke Klangideal zu hören. Wirkt diese Musik im Bemühen um eine authentische Ästhetik doch wesentlich weniger auftrumpfend, als man sie von vielen Aufnahmen und Aufführungen im Ohr hat, dafür inniger und auch demütiger. Insbesondere die Holzbläser sorgten für eine spirituelle Atmosphäre, gerade auch im Kontrast zu den Clarintrompeten.

Im anfänglich etwas sopranlastigen Chor stellte sich zunehmend wohltemperierte Balance ein, „Wie soll ich dich empfangen“ und andere Choräle wurden zu klingendem Seelenbalsam. Aus dem Solistenquartett ragten Julia Werners klangschöner und ausdrucksvoller Alt und Marcus Elsässers Tenor, vor allem in seinen Secco-Rezitativen als Evangelist mit klarer Artikulation, nochmals hervor. Gut harmonierten auch Ruth Dobers (Sopran) und Christoph Schweizer (Bass) in ihrem Duett „Herr, dein Mitleid, dein Erbarmen“. Minutenlanger Beifall und Bravo-Bekundungen für Chor und Orchester.

Autor: