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Interview

Ein Gespräch mit zwei Landfrauen aus dem Landkreis Ludwigsburg: „Wir wollen Frauen zusammenbringen“

Marie-Luise Linckh kommt aus ihrem Hofladen geeilt, die Sonne steht hoch über Pulverdingen. Friedericke Nitsche parkt den Kinderwagen ihres Sohnes im Schatten, dann kann es losgehen. Ein Gespräch mit zwei von 53000 Landfrauen über die Vorzüge des Landlebens, eine Gemeinschaft, die füreinander da ist, und eine besondere Networkerin.

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Eberdingen/Pulverdingen. Was zeichnet Landfrauen aus?

Marie-Luise Linckh: Wir sind offen für alle Frauen, hören einander zu und sind füreinander da. Wir stehen für Lernen und Weiterbildung in Gemeinschaft. Das hebt uns Landfrauen von anderen Weiterbildungsinstituten ab.

Friedericke Nitsche: Wir sind aufgeschlossen und lieben unsere Gemeinschaft.

Was schätzen Sie am Landleben?

Nitsche: Für mich ist Landleben mein Leben. Ich brauche die Natur, die frische Luft, Regionalität und das Miteinander, gerade in einer Zeit, in der sich viele Menschen lieber abschirmen. Es ist mir wichtig, dass meine Kinder wissen, wo zum Beispiel ihre Lebensmittel herkommen. Ich war schon immer bei den Landfrauen dabei, zuerst mit meiner Oma in Enzweihingen, 2019 dann in Tamm, als mein erster Sohn auf die Welt kam. Ich finde es schön, dass Gäste bei uns immer willkommen sind.

Und darüber hinaus?

Nitsche: Als in Tamm ein Kurs zum Brotbacken im Backhäusle ausgeschrieben wurde, war ich sofort Feuer und Flamme. Ich finde, dass es sich lohnt, Traditionen, altes Wissen oder altes Handwerk zu bewahren, aber ohne dabei altbacken zu sein.

Stört es Sie nicht manchmal, dass Sie auf dem Land weniger Privatsphäre haben, als Menschen, die in der Stadt leben?

Linckh: Unser Vorteil ist, dass wir Platz haben. Mir kann kein Nachbar auf die Terrasse blicken. Andererseits freue ich mich, dass ich die meisten Leute bei uns im Ort kenne, wenn auch nicht mehr alle. Da hat sich schon etwas verändert.

Was ist der Ursprungsgedanke der Landfrauenbewegung?

Linckh: Die Wiege der Landfrauen steht in Unterriexingen. Von hier aus baute Marie-Luise Gräfin Leutrum von Ertingen nach dem Zweiten Weltkrieg den Deutschen Landfrauenverband auf. Ihr Ziel war es, Frauen zusammenzubringen und aus ihrem Alltagstrott herauszuholen – unabhängig von Alter, Herkunft oder Religion. Unter den ersten Landfrauen waren nicht nur Bäuerinnen, sondern auch Flüchtlingsfrauen und Witwen. Heute würden wir die Gräfin eine Networkerin nennen.

Wäre die Gräfin aus heutiger Sicht auch eine Feministin?

Linckh: Ja, das kann man so sehen. Sie wollte, dass Frauen sich durchsetzen und ihre eigenen Interessen bekunden. Frauen durften damals zwar schon wählen, aber keinen Führerschein machen oder selbstständig eine Arbeitsstelle antreten. Sie waren zuständig für die Familie. Wir Landfrauen sind deshalb auch als Interessenvertretung in politischer Hinsicht wichtig.

Welche Bedeutung haben Landfrauen heutzutage noch?

Linckh: Sie sind für ihren Flecken nach wie vor wichtig. Wenn Sie wissen wollen, ob oder wo etwas los ist im Ort, fragen Sie die Landfrauen. Es geht nicht nur ums Kuchenbacken, das können wir natürlich auch, sondern darum, dass Gemeinschaft gepflegt wird. Das halte ich immer noch für wichtig. Unser Leitthema ist seit einigen Jahren schon die Digitalisierung: Wir haben auf diesem Gebiet viel bewirkt und Frauen fit gemacht. Es gibt bei uns Kurse für Tablet-Computer oder Smartphones. Landfrauen waren schon immer am Puls der Zeit.

Nitsche: Vielleicht sind Landfrauen nach Corona sogar wichtiger denn je. Es waren gut zwei Jahre lang kaum Begegnungen möglich. Jetzt können wir wieder gemeinsam Veranstaltungen auf die Beine stellen.

Vor Weihnachten war eine Landfrauendelegation aus dem Kreis Ludwigsburg im Ahrtal, um Flutopfer zu unterstützen. Wie ist es dazu gekommen?

Linckh: Die Hilfs- und Spendenbereitschaft nach dieser Katastrophe war auch bei uns groß. Wir wollten aber nicht nur Geld einsammeln und verschicken. Es kam dann die Idee auf, für die betroffenen Landfrauen im Ahrtal Gutscheine für Einrichtungshäuser, Supermärkte, Buchhandlungen oder Einzelhandelsläden zu erstellen, die sie einlösen konnten. Wir haben fast 250 Geschenktüten mit Gutscheinen, Briefen und Schokolade weihnachtlich verpackt und direkt an die Landfrauen verteilt. Unter dem Strich kamen rund 26000 Euro zusammen.

Wie waren Ihre Eindrücke?

Linckh: Wir haben mehrere Ortschaften besucht, manche waren wie ausgestorben. Wir haben Menschen getroffen, die noch nicht wieder in ihre Häuser zurückkonnten und bei Verwandten untergekommen sind. Überall waren Schuttberge. Besonders bewegend war für mich die Geschichte einer Familie, die monatelang versucht hatte, ihre eigenen vier Wände wieder in Ordnung zu bringen – und dann doch die Verfügung bekam, dass das Haus abgerissen werden müsse.

Welche Rückmeldungen haben Sie erhalten?

Linckh: Wir haben 40 bis 50 Rückmeldungen bekommen. Teilweise setzen sich die Leute heute noch hin und schreiben uns Briefe, in denen sie sich bedanken. Eine etwa 80 Jahre alte Frau hat uns geschildert, wie sie mit ihrem Mann in letzter Sekunde dem Hochwasser entkommen ist. Die beiden müssen wieder bei null anfangen, ihr Haus ist weg.

Nitsche: Mich bewegen solche Schicksale. Sie zeigen aber auch den Geist der Landfrauen – nämlich für andere einzustehen und Solidarität zu zeigen.

Wie wollen Sie interessant für neue Mitglieder bleiben?

Linckh: Wir haben eine Zukunftsoffensive beim Verband ausgerufen. Das Ziel ist es, Mitglieder zu gewinnen, zu binden und Führungskräfte zu motivieren. Wir haben attraktive Angebote, aber kommen müssen die Frauen schon selbst.

Nitsche: Wir pflegen unsere Internetseite und machen Aushänge. In Tamm gibt es etwa die Landpartie, bei der auch die Kinder der Teilnehmerinnen ausdrücklich erwünscht sind. Wir machen Picknicks oder Betriebsführungen bei lokalen Landwirten.

Welche positiven Auswirkungen hat Ihre Tätigkeit bei den Landfrauen auf Ihr eigenes Leben?

Nitsche: Durch den Austausch in der Gemeinschaft bekomme ich wertvolle Inputs. Wir waren neulich bei einer Gärtnerei in Bissingen und haben gesehen, wie Obst und Gemüse angebaut, Wasser ressourcenschonend eingesetzt oder Nützlinge als Pflanzenschutz verwendet werden. Das war hochinteressant.

Linckh: Wir vermitteln den Frauen das Bewusstsein, dazuzugehören. Wir wollen ihnen Möglichkeiten aufzeigen, neue Menschen kennenzulernen und den Horizont zu erweitern. Das prägt den Alltag – und wo kommen sie als Privatperson sonst dazu?

Nitsche: Ich kenne bei uns im Ort jetzt deutlich mehr Leute, seit ich bei den Landfrauen bin. Ich weiß, dass jemand ein Auge darauf hat, wenn mein Sohn draußen spielt.

Weshalb sind neue Landfrauen wichtig?

Linckh: Wir wollen, dass unsere Ideale, das, was uns wichtig ist und wir schätzen, weitergetragen werden. Ich glaube, dass viele Frauen traurig wären, wenn es uns einmal nicht mehr geben sollte. Bürgermeister hätten ein Problem, wenn sie nicht mehr auf Landfrauen zurückgreifen könnten. Man braucht uns Landfrauen auch für die Erwachsenenbildung und als Interessenvertretung. Ich kenne keinen anderen Verein, der das alles auffangen könnte.

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