feinstaub
Ludwigsburg | 30. Oktober 2017

„Das Fahrverbot muss kommen“

Chef der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, fordert dauerhafte Sperrungen für Dieselautos – Klage gegen Ludwigsburg

„Ludwigsburg sieht nur auf der Postkarte schön aus.“ Einen unrühmlichen sechsten Platz belege die Stadt Ludwigsburg im bundesweiten Vergleich der höchsten Stickoxide, auch bei den Feinstaubwerten gehöre Ludwigsburg zu den Top Ten, sagte der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, am Freitagabend.

„Das Märchen vom sauberen Auto“ lautete sein Vortrag auf Einladung des Umweltbündnisses im Staatsarchiv. Er bekräftigte die Klage der Umwelthilfe gegen 45 Städte, darunter Ludwigsburg, wegen Überschreitung der Nox-Werte, die Auskunft über den Stickoxidgehalt geben. Im Vorjahr lag dieser Jahresmittelwert für Stickoxide bei 53 Mikrogramm pro Kubikmeter, der Grenzwert liegt bei 40.

Dieselfahrzeuge verantwortlich für 94 Prozent von Stickoxiden

94 Prozent der Stickoxide, so Resch, würden von Dieselfahrzeugen produziert. Den Löwenanteil an der Verschmutzung tragen Pkw (67 Prozent), gefolgt von Nutzfahrzeugen (22) und Bussen (fünf Prozent). Für ihn führt kein Weg an Diesel-Fahrverboten vorbei, um diese Werte in Ludwigsburg auf Dauer zu reduzieren: „Das Fahrverbot muss kommen.“ Temporäre Fahrverbote machen für ihn nur in den 92 Städten Sinn, in denen der Grenzwert nur knapp überschritten werde.

Trotz anders definierter Ziele seien die CO2-Emmissionen in Deutschland seit 1990 um rund 35 Prozent gestiegen. Resch macht dafür den Fahrzeugverkehr verantwortlich. Er berichtete von einem „dreisten Betrug mit falschen CO2-Angaben“. Seitdem die Höhe der Kfz-Steuer von den CO2-Emmissionen abhängig sei, gebe es Abweichungen um rund 45 Prozent.

Die Auswirkungen von Feinstaub und Stickoxid auf die Gesundheit sind fatal: Feinstaub schädigt die Lunge, kann Grund für chronische Bronchitis, Infekte, Heuschnupfen und Auswurf sein. „Kinder, alte Leute und Asthmatiker sind besonders gefährdet“ so Resch. Hohe Feinstaubwerte können die Ursache für Lungenkrebs, Herzinfarkt, Schlaganfall und Demenz sein und senken die Lebenserwartung.

Stickoxide lösen ebenfalls Atemwegs- und Kreislauferkrankungen sowie Krebs aus. „Dieselruß gehört zu der Kategorie eins der krebserzeugenden Stoffe“, so der Experte. Die Kombination von hohen Stickoxidwerten und kalter Luft ist besonders schlimm. Betroffen sei der Bereich 50 Meter rechts und links einer Straße. Experten gehen davon aus, dass es pro Jahr knapp 13 000 vorzeitige Todesfälle durch Stickoxide gibt, das sind viermal mehr als es Tote bei Verkehrsunfällen gibt.

„Die Deutsche Umwelthilfe hat seit dem Jahr 2011 auf die Überschreitung der Grenzwerte und das unerlaubte Abschalten der Abgasreinigung in Dieselfahrzeugen hingewiesen“, sagte Resch. „Auf der Prüfstrecke sind die Autos sauber, auf der Straße schmutzig“, beschrieb er das Ergebnis von eigenen Messungen in der Schweiz. „Seit 22 Monaten haben wir viel Spaß mit den Rechtsabteilungen von Autokonzernen“, so Resch.

Es gibt keine Behörde zur

Überprüfung der Abgaswerte

So habe er sieben Monate nicht sagen dürfen, dass Volkswagen mit der Verwendung von Software gegen EU-Recht verstoße. „Es fehlen Hinweise darauf, dass es ein Dieselfahrzeug gibt, bei dem nicht betrogen worden ist“, drückte er sich entsprechend vorsichtig aus. Messungen hätten ergeben, dass der Audi A 8, das Lieblingsauto der Spitzenpolitiker, besonders schlechte Werte aufweist. „Politiker fahren mit schlechtem Beispiel voran.“. Die Umwelthilfe fordert die Politiker auf, ihre „devote Haltung“ gegenüber der Automobilindustrie aufzugeben sowie Gruppen- und Sammelklagen zu ermöglichen. Außerdem kritisiert die Umwelthilfe, dass es keine behördliche Überprüfung der von den Autoherstellern angegebenen CO2-Werte gibt. „Wir brauchen eine offizielle Stelle, an die sich Autofahrer wenden können.“

Die Deutsche Umwelthilfe belässt es bekanntlich nicht bei der Kritik. Aktuell laufen 45 Rechtsverfahren, unter anderem in Ludwigsburg, wegen der Überschreitung der Nox-Werte. „Wir hoffen auf die Einsicht der Städte“, beschrieb er das Ziel. Den Kommunen empfiehlt er die Reduzierung des Individualverkehrs, den Ausbau des ÖPNV, Stärkung von Radverkehr und ÖPNV und den Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor. Auch an der Steuerschraube für Diesel-PKW sollte gedreht werden.

„Wie kann ich als Bürger meine Gesundheit schützen“, wollte einer der zahlreichen Zuhörer wissen. Wenn man Rad fahre oder an der Bushaltestelle warte, atme man die verschmutzte Luft ein. „Unterschätzen Sie nicht, was Sie erreichen können, wenn sie Abgeordnete nerven oder Leserbriefe schreiben“, riet ihm Resch.

Für ihn führt kein Weg daran vorbei, Autos sauberer zu machen anstatt Mooswände in den ‚Städten aufzustellen. Er sieht die Autokonzerne in der Pflicht, die Kosten für die Nachrüstung der Dieselmotoren zu zahlen. „Erst dauerhafte Fahrverbote zwingen die Autoindustrie dazu, Autos so auszustatten, dass die Grenzwerte auch im Winter eingehalten werden“, so der Chef der Umwelthilfe.

von marion blum
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