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Interview

„Da wird zu viel hineininterpretiert“

Michael Ilk im Gespräch über die Stadtbahn und sein Anliegen, die Strecke von Markgröningen nach Ludwigsburg vorgezogen zu realisieren

Bürgermeister Michael Ilk stellt sich nicht erneut zur Wahl. Foto: Holm Wolschendorf
Bürgermeister Michael Ilk stellt sich nicht erneut zur Wahl. Foto: Holm Wolschendorf

Der Vorstoß aus Ludwigsburg hat zu Misstrauen an der Haltung Ludwigsburgs zur Stadtbahn geführt. Zu Unrecht?

Michael Ilk: Die Stadt Ludwigsburg steht zu allen Beschlüssen zur Stadtbahn. Wir wollen die Stadtbahn. Der Gemeinderat gibt uns den Weg vor, wir als Verwaltung stehen dahinter.

Die rasche Reaktivierung der Markgröninger Strecke und die Anbindung von Pattonville ist seit Langem unstrittig. Warum sind Sie als Kreisrat vorgeprescht?

Ich habe daran erinnert, was in der Kreistagsvorlage, in den Gemeinderatsvorlagen und im Verständigungspapier steht – und zwar, dass wir abschnittsweise vorgehen. Es ist ja eines der größten Infrastrukturprojekte, das wir in unserer Region haben. Da ist es vermessen zu glauben, dass wir dieses Projekt an einem Stück umsetzen können. Das werden die Finanzen nicht hergeben. Und wir können nicht über Jahre hinweg die Stadt Ludwigsburg an verschiedenen Ecken aufgraben. Um eine abschnittsweise Umsetzung kommen wir nicht herum. Und der erste Abschnitt, der sich aufdrängt, ist die Strecke von Markgröningen nach Ludwigsburg. Da liegen die Gleise schon. Dieser Abschnitt sollte schnellstmöglich reaktiviert werden.

Es wird inzwischen auf Reutlingen verwiesen, wo ebenfalls die Regional-Stadtbahn Neckar-Alb abschnittsweise umgesetzt wird, aber im Vertrauen darauf, dass über das Ziel Einigkeit besteht. In Ludwigsburg sieht es so aus, als ob noch immer Differenzen bestehen.

Nein, es gibt ganz eindeutige Beschlüsse, die mit großer Mehrheit gefasst wurden. Wir wollen das Ziel nicht aus den Augen verlieren, weshalb es wichtig ist, das Projekt Stadtbahn als Ganzes zu betrachten. Wir müssen aber die einzelnen Teile, wie gesagt, abschnittsweise umsetzen. Für mich steht das völlig außer Frage.

Von den Grünen sind Sie hart kritisiert worden, in der Befürchtung, dass die Stadtbahn möglicherweise ein Stückwerk bleibt.

Das kann sein, dass die Grünen hier misstrauisch sind. Aber ich verweise nochmals auf die Beschlüsse. Außerdem geht es um die 5000 Fahrgäste, die wir auf der Strecke zwischen Ludwigsburg und Markgröningen täglich haben könnten. Die sollten wir nicht noch jahrelang warten lassen.

Der Zweckverband wird gegründet, um die Stadtbahn „zu planen, zu bauen und zu betreiben“. Wie definieren Sie Ihre Position und die der Stadt?

Ludwigsburg wird eine zentrale und aktive Rolle in dem Zweckverband einnehmen. Der Kreistag hat die Satzung verabschiedet, ich gehe davon aus, dass sich heute auch der städtische Ausschuss Mobilität, Technik und Umwelt dafür mehrheitlich, wenn nicht gar einstimmig ausspricht. Nächste Woche wird dann der Gemeinderat entscheiden. Wir müssen übrigens schon deshalb eine aktive Rolle im Zweckverband spielen, weil Ludwigsburg die am stärksten betroffene Kommune ist. Ich erinnere an den Bereich zwischen Zentralem Busbahnhof und Schillerdurchlass – die größten baulichen Eingriffe sind in der Stadt Ludwigsburg.

In einer Stellungnahme von Ihnen und dem OB heißt es, dass die weitere Streckenplanung, die das Ludwigsburger Stadtgebiet hinaus nach Oßweil und Schlösslesfeld betrifft, „ergebnisoffen“ geprüft wird. Das kann man auch so verstehen, dass Ludwigsburg die Stadtbahn noch immer infrage stellt.

Da wird zu viel hineininterpretiert. Bisher haben wir für die Oststadt, für Oßweil und Schlösslesfeld, um es vereinfacht zu sagen, nur einen Plan mit ein paar Linien drauf. Wir wissen, dass bei einer konkreten Planung weitere Fragen auftauchen werden. Da braucht man eine gewisse Offenheit, etwa, was die Streckenführung angeht. Es kann sein, dass es Bereiche gibt, wo wir die Stadtbahn nicht durchbekommen und dann einen Schwenk nach links oder rechts machen müssen. Das verstehe ich unter ergebnisoffen. Wir sollten uns nicht sklavisch an die skizzierte Streckenführung halten.

Trotzdem: Kann „ergebnisoffen“ nicht auch ein Nein bedeuten?

Es geht um Details, die uns noch Kopfzerbrechen machen werden. Nehmen wir den Bereich vor dem Bahnhof. Da gibt es Pläne, die auf dem Papier gut aussehen. Wer die Situation kennt, weiß aber, dass die Strecke sehr knapp am Bahnhofsgebäude vorbeiführt. Das kann in der Realität nicht funktionieren. Also muss man überlegen, ob das Gebäude oder die Streckenführung verändert oder ob ein Tunnel benötigt wird.

Welche Vorteile hätte Ludwigsburg von einem Ast nach Oßweil und in die Oststadt? Krankenhaus oder der Sportpark könnten angebunden werden.

Wenn das Wohngebiet Fuchshof bebaut ist und das Sportareal weiter stark genutzt wird, wäre auch zu überlegen, ob die Stadtbahn dort fahren soll. Ob das sinnvoll ist, muss sich im Planungsprozess künftig zeigen. Ludwigsburg würde von einer Stadtbahn profitieren. Jeder, der mit der Bahn fährt, entlastet die Straßen vom Autoverkehr und sorgt dafür, dass die Luft besser wird – ein Aspekt, der auch für Busse gilt.

Sieht man einmal von der Anbindung anderer Kommunen an Ludwigsburg ab, rechnet sich eine Stadtbahn auch innerhalb des Stadtgebiets?

Das ist immer abhängig von der Personenzahl, die man auf einer Strecke hat. Je nach Fahrgastaufkommen muss man überlegen, welches das passende Beförderungsmittel ist. Was die Strecke Markgröningen und Ludwigsburg betrifft, da rechnet sich ein Zug in jedem Fall.

Das heißt, auch die Oststadt und Oßweil können damit rechnen, einen Stadtbahnanschluss zu bekommen?

Das ist der Beschlussstand, danach handeln wir.

Derzeit wird an einer Bus-Rad-Trasse gearbeitet. Kann der Komfort bei Bussen bei einer Stadtbahn mithalten? Was soll mit der Trasse erreicht werden?

Der Komfort der neuen Hybrid-Busse, die die Ludwigsburger Verkehrslinien angeschafft haben, hat sich stark verbessert. Mit der Trasse wollen wir den Bus beschleunigen, von Waldäcker am Rande der Weststadt, wo eine Stadtbahnhaltestelle entstehen soll, durch die Stadt hindurch bis zur Neuen Mitte in Remseck. Wenn der Bus zügig vorankommt, erhöht dies natürlich auch die Attraktivität des Busfahrens. Fahren die Busse schneller, pünktlicher und mit mehr Komfort, werden wir mehr Leute dazu bewegen können, Bus zu fahren.

Welche Kosten sind für die Trasse eingeplant?

Für die fünf Abschnitte sind rund 2,5 Millionen Euro an Planungskosten vorgesehen. Planungskosten machen in der Regel etwa zehn Prozent der Gesamtsumme aus. Welche Mittel wir dann jeweils für Baumaßnahmen bereitstellen können, hängt insgesamt von der Finanzlage ab, die sich seit Corona stark verändert hat. Ein Vorteil bei diesem Buspaket ist, dass einzelne Streckenabschnitte beschleunigt umgebaut und in Betrieb genommen werden können. Beispielsweise die Hoferstraße, die sich dafür anbietet und bei der die Busse deutlich Zeit einsparen würden, wenn sie nicht mehr den Umweg über die Schlachthofstraße fahren müssen. Später kann die Trasse auch regional bis Waiblingen weitergeführt werden. An den Baukosten wird sich der Landkreis beteiligen.

Wie sieht die Zeitschiene aus?

Wir wollen im September mit den Planungen starten. 2021 werden wir einen Förderantrag stellen, ab 2022 können erste Baumaßnahmen erfolgen. Für die Stadtbahn ist die Gründung des Zweckverbands dieses Jahr ein wichtiger Zwischenschritt. Unabhängig davon möchte ich eine rasche Reaktivierung der Markgröninger Strecke, idealerweise bis 2023. Alles, was unnötig Zeit kostet und mit Rechtsrisiken verbunden ist, sollten wir beiseitelassen.

Bei den Freien Wählern im Gemeinderat spürt man Zurückhaltung in Sachen Stadtbahn, Sie sprechen für die Freien Wähler im Kreistag. Welche Linie vertreten Sie als Bürgermeister, ist das nicht konfliktträchtig?

Ich sehe da keinen Konflikt. Wir sind im Kreistag auch nicht allein, die SPD hat ebenfalls eine rasche Reaktivierung der Markgröninger Strecke verlangt, die CDU und die Grünen gehen mit. Was den Ludwigsburger Gemeinderat angeht, so sprechen die Beschlüsse eine eindeutige Sprache. Sie sind auch einstimmig gefasst worden.

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