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Projekt

Der Baum spielt Sitzbank

„Public Parks“ erkundet das Spannungsfeld zwischen urbanem und grünem Raum

Unter Bäumen: Der Ludwigsburger Bassist Kurt Holzkämper (links) und der Stepptänzer und Fotograf Thomas Marek.Foto: Andreas Becker
Unter Bäumen: Der Ludwigsburger Bassist Kurt Holzkämper (links) und der Stepptänzer und Fotograf Thomas Marek. Foto: Andreas Becker

Ludwigsburg. Wie für viele Musiker führte die Pandemie auch für den Ludwigsburger Bassisten Kurt Holzkämper zunächst zu einem Vakuum. Gemeinsam mit dem Stepptänzer und Fotografen Thomas Marek entstand im September vergangenen Jahres die Idee, die Kräfte zu bündeln und die Herausforderung kreativ anzunehmen. „Eigentlich wollten wir eine CD aufnehmen, mit Tap, elektronischer Musik und Bass“, sagt Marek, den eine jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Holzkämper verbindet. Vor 35 Jahren fand er als 13-jähriger Schüler in Ludwigsburg zum Stepptanz, heute lebt er in Eisenstadt nahe Wien und pendelt zwischen der österreichischen Hauptstadt und Hamburg. Künstlerisch fährt Marek nahezu von Beginn an zweigleisig: Einerseits zählt er zu den Pionieren des modernen Tap Dance in Deutschland und Europa, aber auch als Fotograf, zu Beginn vor allem mit Schwarz-Weiß-Porträts von Tanzkollegen, Schauspielern und Künstlern, ist das Mehrfachtalent gut etabliert.

Nicht selten wird die Reibung, die durch die Gegensätzlichkeit der beiden Disziplinen entsteht, zum auslösenden Funken für die Kreativität: Auch „Electric Landscapes“, so der Arbeitstitel des geplanten Albums, sei zunächst von einer Fotoserie über urbane Landschaften inspiriert gewesen, erzählt Marek im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Gedanke, Landschaften musikalisch zu porträtieren, habe sich dann während einer Probenwoche mit Holzkämper dahingehend verschoben, öffentliche Grünanlagen ins Zentrum des Projekts zu stellen. Mit „Public Parks“ möchten Holzkämper und Marek das „Spannungsfeld von urbanem und grünem Raum erkunden“.

In einer Verschränkung von Klanginstallation und audiovisueller Performance sollen fünf bekannte Grünanlagen – der Schlossgarten in Stuttgart, Planten un Blomen in Hamburg, der Berliner Tempelhof, der Wiener Prater und der Schlosspark in Eisenstadt – im Zusammenspiel von Musik, Tanz, Video und Fotografie „visualisiert, vertont, verdichtet und verfremdet“ werden, wie es auf der Homepage des vom Fonds Darstellende Künste geförderten Projekts heißt.

Eine Parkbank als Symbol der Überschneidung von Bereichen

Derzeit sind die beiden Künstler intensiv mit den zugehörigen Feldstudien befasst, zeichnen vor Ort Bild-, Video- und Tonmaterial auf. Das Reisen von Park zu Park gestaltet sich unter pandemischen Vorzeichen indes schwierig: „Ich habe im vergangenen halben Jahr mehr mit Gesundheitsämtern telefoniert als mit allen anderen Beteiligten“, meint Holzkämper, der in vielerlei Projekte – von zahlreichen Auftritten mit der Grupo Sal und dem nicaraguanischen Dichter Ernesto Cardenal bis zu seiner elektro-akustischen Hybrid-Fassung der Musik von Nitini Sawhney zu Akram Khans Choreografie „Kaash“ für das Stuttgarter Ballett – involviert und zuletzt mit seinem „FlowRa“-Konzept in Erscheinung getreten ist.

Die dort genutzten Sensoren, mit deren Hilfe Holzkämper elektrische Impulsschwankungen von Pflanzenblättern abnehmen und in hörbare Signale umwandeln kann, kommen auch in „Public Parks“ zum Einsatz. Zudem sammelt er perkussive Klänge von Möblierungsgegenständen wie Parkbänken oder Mülleimern ein. Im Studio lassen sich diese Datenströme laut Holzkämper dann verknüpfen – mit dem Effekt, dass die aufgezeichneten pflanzlichen Regungen den Abruf der Soundsamples auslösen, nach dem Motto: „Baum spielt Bank“.

Mit harmonisch-romantischen Naturvorstellungen hätten die musikalischen Park-Porträts jedoch nur wenig gemein, so Holzkämper: „Das klingt eher nach E-Musik.“ Im Ausstellungsraum sollen diese Tonspuren, in erweiterter Quadrophonie dargeboten, dann auf Videoprojektionen, großformatigen Fotografien und Live-Performances mit Tap Dance und Kontrabass treffen. Zentral darin: eine Parkbank als Symbol der Überschneidung von öffentlichem und privatem Raum, von Dauer und Augenblick, von Natur und Kultur.

Die Uraufführung ist für September in der Galerie Vito von Gaudlitz in Dresden geplant, im Herbst sollen mit Köln und Hamburg weitere Stationen folgen, 2022 Stuttgart ebenso wie das Ludwigsburger Favoriteschlösschen. Den ursprünglich internationalen Maßstab des Projekts, durch die Coronapandemie auf Deutschland und Österreich zusammengeschrumpft, zu gegebener Zeit wieder aufzunehmen, können Holzkämper und Marek sich gut vorstellen.

Weitere Infos zu dem Projekt gibt es unter www.publicparks.art.

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