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Geschichte

Die erste Stadtbahn fuhr bis nach Aldingen

Vor über 100 Jahren fuhr eine „gleislose Bahn“ durch Ludwigsburg. Sie funktionierte elektrisch über Oberleitungen und rollte wie Busse auf Rädern. Die Bauzeit dauerte nicht einmal ein Jahr. Und die Zusammenarbeit mit den Nachbarkommunen Oßweil, Neckargröningen und Aldingen verlief damals ganz ohne Probleme

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Die „Ludwigsburger Oberleitungsbahnen“ um 1911 an der Sternkreuzung. 20 Sitz- und zehn Stehplätze boten die Wagen.Foto: Stadtarchiv
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Der erste Fahrplan, der am 30. Dezember 1910 in unserer Zeitung veröffentlich wurde mit den Fahrten von Ludwigsburg nach Aldingen.

Ludwigsburg. Wir schreiben das Jahr 1910. Der Ludwigsburger Gemeinderat gibt im Januar grünes Licht für die Erstellung einer gleislosen elektrischen Straßenbahn vom Bahnhof Ludwigsburg über Oßweil und Neckargröningen nach Aldingen.

Damit soll ein längst gehegter Wunsch der beteiligten Gemeinden – Oßweil war damals noch nicht eingemeindet – erfüllt werden. Alle sind sich einig, dass die gleislose Bahn großen Erfolg und Aufschwung für Ludwigsburg mit sich bringen und „unserer guten Stadt ein städtisches Gepräge geben werde“, hieß es damals in unserer Zeitung. Oberbürgermeister Dr. Hartenstein drückt in seiner Rede den Wunsch aus, „dass es gelingen möge, diese für uns und die anderen Gemeinden so wichtige Sache ohne weitere Schwierigkeiten zu einem guten Ende zu führen“.

Die Bahn ist „geruch- und geräuschlos“

Im Februar 1910 wurde die Bahn in der Ludwigsburger Zeitung vorgestellt: „Die gleislose Bahn hat elektrische Oberleitungen, die durch ein Kabel, welches den Strom mit vier auf Drähten laufenden Rollen abnimmt und den Motoren zuführt. Die Wagen haben in der Regel einen Fassungsraum von 24 Personen. Sonstige Vorteile sind gegenüber Benzinautomobilen, dass sie absolut geräusch- und geruchlos sind, dass ihr Gewicht viel geringer ist und dass infolgedessen Straßen- und Gummimaterial wesentlich mehr geschont wird.“

Doch schon kamen aus der Bevölkerung Befürchtungen, dass man in den Straßen, die von der Bahn befahren werden, einer hohen Staubentwicklung ausgesetzt sei. Die Staubplage könnte sogar den Wert der Wohnungen mindern, so die Sorge. Das wurde im Gemeinderat ernst genommen, sogar die Zustimmung zur Genehmigung der Bahn wurde abhängig gemacht von der Verpflichtung, dass vorher ein Schutz vor Staubentwicklung in die Wege geleitet wird. Daraufhin wurde angeregt, „in den innerstädtischen Straßen, welche die Bahn durchläuft, könnte auf der Mitte der Fahrbahn ein 2 Meter breiter Streifen eingepflastert werden. Auf diesem Streifen hätten die elektrischen Wagen dann zu fahren.“

Schon im September 1910 waren alle Masten für die Spanndrähte auf den Landesstraßen bis Aldingen gesetzt. In der Ludwigsburger Innenstadt warf jedoch die Anbringung dieser Drahtführungen erhebliche Fragen auf. Im Interesse eines guten Straßenbildes wünschten die Stadtväter die Anbringung der Spanndrähte an den Häusern statt an besonders aufgestellten Masten.

Dieser Wunsch ging dann weitestgehend in Erfüllung. Nur einige Hausbesitzer in der Myliusstraße waren trotz mehrfachen Ersuchens, nicht zu diesem Entgegenkommen zu bewegen. Ausgerechnet an diesem verkehrsreichsten Punkt mussten daher Masten für die Spanndrähte aufgestellt werden.

Am 13. Oktober 1910 fand auf dem Rathaus in Ludwigsburg die Gründung der zum Betrieb der gleislosen Straßenbahn nötigen Gesellschaft statt. Sie erhielt die Bezeichnung „Ludwigsburger Oberleitungsbahnen GmbH“. Die Gesellschaft wurde mit einem Kapital von 280 000 Mark gegründet. Beteiligt an ihr waren Einwohner aus Ludwigsburg, Oßweil, Neckargröningen und Aldingen. Am 21. Dezember 1910 wurde der neue elektrische Nahverkehr in Betrieb genommen. Unsere Zeitung berichtete darüber wie folgt: „Gestern wurde erstmals der Betrieb für die Allgemeinheit aufgenommen. Vor dem Rathaus hatte gegen 10 Uhr einer der schmucken Wagen Aufstellung genommen, um die sich dort sammelnden Fahrgäste aufzunehmen. Man hatte hier zunächst Gelegenheit, die für das Ausweichen zweier Wagen getroffene Einrichtung kennen zu lernen, dann stieg man ein und überzeugte sich, dass die für etwa 20 Sitz- und 10 Stehplätze berechneten, im Innern in gefälligem weiß und braun gehaltenen Wagen, die vorne und hinten bestiegen werden können, einen durchaus angenehmen Aufenthalt bieten. Besonders erfreulich ist der sehr ruhige, leichte Gang der Wagen, der die Konstruktion des Unterbaus im besten Lichte erscheinen lässt. Bei herrlichstem Sonnenschein ging die Fahrt nach Oßweil, das ohne Aufenthalt passiert wurde, und hinab nach Neckargröningen, wo die Gesellschaft bei den Überresten der ehemaligen Mühle den Wagen verließ, um sich die Einrichtung des Umkehrens zeigen zu lassen. Hier begrüßte auch Schultheiß Räuchle von Neckargröningen die Ludwigsburger.

Zwischenstopp im Oßweiler Hirsch

Weiter wurde berichtet: „Nachher wurde die Rückfahrt angetreten, wobei man die Wahrnehmung machte, dass der Wagen auch beträchtliche Steigungen mühelos und in ruhiger Fahrt nimmt. Am ‚Hirsch‘ in Oßweil aber, wo Schultheiß Lemberger zur Begrüßung bereitstand, kam der Motorgaul nicht mehr weiter, d.h. seine Insassen hatten trotz des mühe- und schweißlosen Ausflugs Durst bekommen und man genehmigte sich ein Schöpplein, das ohne jegliche ‚Rede‘ genossen wurde, was der Gemütlichkeit keinen Abbruch tat. Dagegen stellte sich noch ein Fotograf aus Ludwigsburg ein und bannte die ganze Gesellschaft vor dem ‚Hirschen‘ auf die Platte. Dann ging es heimwärts bis zum hiesigen Bahnhof, den man um 12:45 Uhr wieder erreichte. Alle Teilnehmer der Fahrt werden von ihr mit den angenehmsten Eindrücken geschieden sein. Möge nun bald ein geregelter Betrieb zeigen, dass das neue Verkehrsmittel allen Ansprüchen zu genügen vermag.“

Die letzte Fahrt dieser Stadtbahn auf Rädern fand übrigens schon nach 13 Jahren am 30. April 1923 statt.