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Strafprozess

Geno-Chef nun vor Gericht

Pleite eines Ludwigsburger Wohnungsunternehmens wird seit gestern juristisch aufgearbeitet

Steppjacke statt Anzug. Der ehemalige Chef der Ludwigsburger Geno Wohnbaugenossenschaft auf dem Weg zur Anklagebank im Stuttgarter Landgericht.Foto: Marijan Murat/dpa
Steppjacke statt Anzug. Der ehemalige Chef der Ludwigsburger Geno Wohnbaugenossenschaft auf dem Weg zur Anklagebank im Stuttgarter Landgericht. Foto: Marijan Murat/dpa

Ludwigsburg/Stuttgart. Betrug, Untreue, Insolvenzverschleppung – die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft gegen den Gründer und langjährigen Chef der Ludwigsburger Geno Wohnungsbaugenossenschaft wiegen schwer. Seit gestern steht der 51-Jährige in Stuttgart vor Gericht.

Zu seinen Zeiten als Geno-Vorstandschef war der Mann stets im Anzug, oft mit orange-weißer Krawatte, den Schmuckfarben der Genossenschaft zu sehen. Nun, vor der 6. Großen Strafkammer des Landgerichtes Stuttgart, keine Spur mehr von Business-Schick: Mit Jeans, grauem T-Shirt und einer grünen Steppjacke kam der Ex-Manager in den Saal, gefesselt mit Handschellen. Er sitzt seit Ende November in Stammheim in Untersuchungshaft, weil Fluchtgefahr bestand, wie die Staatsanwaltschaft Stuttgart damals bestätigt hatte.

Mit dem Outfit näherte sich der Geno-Gründer offenbar wieder stärker seiner beruflichen Vergangenheit an. Denn der Mann, der sein „Optionskauf“ genanntes Geschäftsmodell in Werbevideos einst als Weiterentwicklung des Bausparens gepriesen hatte, ist gelernter Maurer, wie er zu Beginn des Prozesses bestätigte.

Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft war das Geschäftsmodell der Geno-Unternehmensgruppe aber trotz des beruflichen Hintergrundes seines Erfinders auf Sand gebaut. Nur ein Mal in der 17-jährigen Firmengeschichte – 2007 – schrieb die Genossenschaft keine roten Zahlen, seit 2011 beliefen sich die Verluste jährlich auf zwei Millionen Euro, referierte Staatsanwalt Christian Hellfeld in seiner Anklageschrift. Ab 2016 beliefen sich die Verluste sogar auf vier Millionen Euro per anno.

Das Geschäftsmodell sollte im Prinzip so funktionieren: Der Optionskäufer wird Mitglied der Genossenschaft, zahlt eine Einlage von mindestens 10000 Euro ein, hat eine mehrjährige Wartezeit zu absolvieren, nach der die Genossenschaft ein Haus oder eine Wohnung nach Wunsch baut oder kauft. Der Optionskäufer zieht als Mieter ein und kann die Immobilie später kaufen, ist aber nicht dazu verpflichtet. Um den Kauf finanzieren zu können, muss der Mieter parallel Geld ansparen.

Verbraucherschützer hatten schon vor Jahren vor dem Optionskaufmodell gewarnt. Es sei ein reines Schneeballsystem, weil es ständig neue Genossen und deren Einzahlungen brauche, um den Bau oder den Kauf von Immobilien finanzieren zu können. Und seit Gründung der Genossenschaft kamen weniger als 150 der zeitweise rund 10000 Mitglieder in den Genuss einer eigenen Immobilie.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Geno-Gründer vor, schon seit dem Ende des Jahres 2014 gewusst zu haben, dass die Genossenschaft zahlungsunfähig ist. Er habe es aber als Vorstandsvorsitzender bewusst unterlassen, einen Insolvenzantrag zu stellen, sagte der Anklagevertreter.

Trotz der wirtschaftlichen Schieflage habe die Unternehmensgruppe aber weiter um Mitglieder geworben. „Die Genossenschaft wurde als gesundes Unternehmen dargestellt“, warf Hellfeld dem Angeklagten vor. Angepriesen hatte die Geno ihr Konzept bis zur Insolvenz im Frühsommer 2018 mit dem Slogan „Immer sicher wohnen.“

Für die Staatsanwaltschaft ist das besonders schwerer Betrug. Den macht die Anklage an 172 Einzelfällen fest. Durchschnittlich hatte die Genossenschaft laut Staatsanwalt rund 5000 Mitglieder.

Die Mitgliederwerbung unter Vorspiegelung falscher Tatsachen und die Insolvenzverschleppung sind nicht die die einzigen Straftaten, die die Staatsanwaltschaft dem 51-Jährigen zur Last legen. Er soll zudem Gelder der Genossenschaft zu deren Ungunsten, an zwei andere Unternehmen der Gruppe verschoben haben. Die beiden Gesellschaften, die für den Vertrieb, also die Anwerbung neuer Genossen zuständig waren, wurden ebenfalls von dem Genossenschaftschef geleitet und waren vollständig oder mehrheitlich in seinem Besitz.

So soll er laut Anklageschrift rund 4,5 Millionen Euro als Darlehen von der Genossenschaft an die Vertriebstochter Geno AG transferiert haben, obwohl diese damals schon bilanziell überschuldet war. Eine Rückzahlung sei auch nie wirklich geplant gewesen.

Zudem geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass der Geno-Vorstandschef zusammen mit seinem damaligen Vorstandskollegen wenige Monate vor dem Insolvenzantrag 19.Häuser und Wohnungen der Genossenschaft für nur etwas mehr als die Hälfte ihres Verkehrswertes verkauft zu haben. Die Immobilien waren von Mitgliedern bewohnt, die ein Vorkaufsrecht hatten, jedoch über den Verkauf gar nicht informiert waren.

Beim nächsten Verhandlungstermin, am 28. Mai, wird sich der Angeklagte zu seinen persönlichen Verhältnissen äußern, wohl aber nicht zu den Vorwürfen der Anklage. Er habe seinem Mandanten geraten, derzeit von seinem Schweigerecht Gebrauch zu machen, sagte Verteidiger Klaus Schmitz.

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