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Sexuelle Übergriffe

Jetzt ermitteln Staatsanwälte in Korntal

Sieben ehemalige Heimkinder zeigen die Evangelische Brüdergemeinde wegen sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen an. Jetzt muss die Stuttgarter Staatsanwaltschaft in Korntal aktiv werden.

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Auf dem Weg zur Korntaler Polizei: Das ehemalige Heimkind Alfred Wieland (links) und weitere Betroffene, die in Einrichtungen der Brüdergemeinde nach eigenen Angaben missbraucht worden sind. Foto: Oliver Bürkle

Ludwigsburg. Für Alfred Wieland ist es ein schwerer Gang. Gegen den beißenden Wind, der am Freitagnachmittag auf dem Korntaler Saalplatz weht, trägt er einen dunkelblauen Mantel. Auf der rechten Seite steht der große Saal der Evangelischen Brüdergemeinde. Gegenüber liegt der Posten der Korntaler Polizei. Alfred Wieland wählt mit seinen sechs Mitstreitern den Eingang der Polizei. Sie sind angereist, um die Evangelische Brüdergemeinde anzuzeigen – wegen des sexuellen Missbrauchs Schutzbefohlener.

Wieland, 67, kommt 1960 zum ersten Mal in das Kinderheim Hoffmannhaus an der Zuffenhauser Straße. Er geht fünf Jahre lang in Korntal zur Schule, verbringt dort die Nachmittage und kehrt abends nach Hause zurück. „Wenn ich damals erzählt hätte, was mir angetan worden ist, wer hätte mir geglaubt?“, fragt Wieland. Er meint den fast alltäglichen Missbrauch, die Misshandlungen und Demütigungen, die er nach eigenen Angaben in der Einrichtung der Evangelischen Brüdergemeinde erlebt hat. „Ich habe sie jahrzehntelang in meine untersten Schubladen verbannt.“

Doch damit soll jetzt Schluss sein. „Wir wollen nicht mehr, dass die Angelegenheit unter den Tisch fällt“, sagt der 67-Jährige. Die anderen ehemaligen Heimkinder nicken, als sich die Tür zum Polizeiposten öffnet. Der Mann dahinter heißt Andreas Rehmann und arbeitet für die Kriminalpolizei in Ludwigsburg. Personalien werden aufgenommen, dann sollen die mutmaßlichen Opfer nacheinander knapp die Sachverhalte schildern. „Wir werden die Anzeigen mit der gebotenen Sorgfalt bearbeiten“, sagt der Polizeibeamte – und zwar gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft in Stuttgart.

Ob die Strafanzeigen der ehemaligen Heimkinder Aussicht auf Erfolg haben, ist fraglich. Das Gesetz kennt in solchen Fällen Verjährungsfristen zwischen fünf und 30 Jahren. Die letzte Betroffene der sieben Anzeigenerstatter verließ Korntal aber 1984. Wieland sagt dazu: „Eigentlich dürfte sexueller Kindesmissbrauch nicht verjähren. Die Taten begleiten uns doch ein Leben lang.“

Die Gruppe ist dem ehemaligen Korntaler Heimkind Detlev Zander zuzuordnen, der die Missbrauchsfälle im Frühjahr 2014 öffentlich gemacht hat. Nach seinen Worten werfen inzwischen mehr als 300 ehemalige Heimkinder den Brüdern vor, dass sie in den 50er bis 80er Jahren in Kinderheimen der Gemeinde sexuell missbraucht, misshandelt und gedemütigt worden sind. „Die Anzeigen sind eine Reaktion auf die schleppende und weder unabhängige noch betroffenenorientierte Aufklärung und Aufarbeitung der Brüdergemeinde“, sagt Zander.

Der ehrenamtliche Vorsteher der evangelischen Freikirche, Klaus Andersen, sagte unserer Zeitung gestern Nachmittag, dass er den Unmut der mutmaßlichen Opfer in Bezug auf den schleppenden Fortgang nachvollziehen könne. „Wir begrüßen und befürworten daher jeden Hinweis, der der Aufklärung und Aufarbeitung dienlich ist“, so Andersen weiter. „Sollten polizeiliche Ermittlungen dies unterstützen, so werden wir uns auch damit auseinandersetzen.“