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Auf dem Weg zu einer „pandemischen Freiheit“

Kommentar: Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele Jochen Sandig zu Kunst und Freiheit

Die Coronapandemie hat wieder einen Begriff ins Zentrum gerückt: Freiheit. Der Bewegungsraum wird eingeschränkt, Menschen fühlen sich gegängelt, für andere gehört zum Freiheitsbegriff auch die Pflicht zu helfen und sich und andere zu schützen. In diesem Gastbeitrag schreibt Jochen Sandig, Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele, über die Freiheit aus seiner Sicht.

Jochen Sandig. Foto: Schlossfestspiele/Pfisterer
Jochen Sandig. Foto: Schlossfestspiele/Pfisterer

Wohl kaum ein Ideal hat die Künste neben dem Eros und der Liebe mehr beflügelt als die Freiheit. Sei es in der Musik, in der Bildenden Kunst, in Tanz und Theater, in der Literatur, im Film oder auch in der Architektur. Große epochale Werke der Kulturgeschichte haben eine Gemeinsamkeit: Sie atmen den Geist der Freiheit. Die pionierhaften Entdeckungen gedanklicher Ideenräume beginnen in der Freiheit des Denkens und führen ins Offene, indem sie bisherige Rahmen und Ordnungen sprengen. So entstehen Perspektivwechsel und Horizonterweiterungen, so werden neue Welten geschaffen und die Menschheit entwickelt sich eine Stufe weiter. Man könnte es als das elementare Wesen der Künste beschreiben, Wandel hervorzubringen.

Alle Revolutionen sind aus vergleichbaren geistigen Prozessen hervorgegangen – auch die industrielle und digitale Revolution, die unser aktuelles Zeitalter prägt. Auch hier wurde etwas Neues erfunden, das buchstäblich alles verändert und in sämtliche Lebensbereiche eingreift. Dass der menschlichen Fantasie keine Grenzen gesetzt sind, erkannte schon der Erforscher unendlicher Weiten, Albert Einstein, als er sagte: „Fantasie ist wichtiger als Wissen. Wissen ist begrenzt, Fantasie aber umfasst die ganze Welt.“

Mit dieser inneren Freiheit des Geistes können wir große schöpferische Wunder vollbringen. Und wir können uns selbst befreien, auch von äußeren und inneren Zwängen. Nelson Mandela sagte: „Frei bin ich erst, wenn ich nicht nur mehr im Gefängnis lebe, sondern auch den Menschen vergebe, die mich ins Gefängnis gebracht haben.“

In Zeiten großer gesellschaftlicher Umbrüche und Transformationen erfährt auch der Freiheitsbegriff selbst eine Metamorphose – so bei der Französischen Revolution, bei der die Liberté in Form eines harmonischen Dreiklangs in Erscheinung tritt, gemeinsam mit der Egalité und der Fraternité, mit Gleichheit und Geschwisterlichkeit. Freiheit als Gut ist offenbar nie alleine zu haben, sondern steht immer in einer produktiven Wechselbeziehung zu anderen Werten – und bringt so im besten Falle eine solidarische Freiheit unter Gleichen hervor. Wer die Freiheit jedoch von anderen Grundrechten isoliert, beispielsweise vom Recht auf Leben oder Gesundheit, sperrt sie gleichsam ein – das ist das Paradox der Freiheit. Zwar mag sie gerne spielen und sich frei bewegen, aber die Freiheit stößt immer dann an eine „natürliche“ Grenze, wenn sie die Freiheit des oder der anderen einschränkt.

Freiheit ohne Achtsamkeit und Respekt kann dann schnell in Rücksichtslosigkeit umschlagen. Freiheit gilt in unserem Staatswesen als ein angeborenes Naturrecht, das für alle Menschen von Geburt an gilt. Unsere lebendige Demokratie ist als Gesellschaftsform der Garant für ein stabiles Gleichgewicht, in der individuelle Freiheiten organisiert und in Beziehung zueinander gesetzt werden. Hierfür bürgt insbesondere unser Grundgesetz.

Geistige Brandstiftung

Wer unsere Demokratie infrage stellt, stellt unsere Freiheitsrechte mit infrage. Um eines klarzustellen: Die Behauptung mancher Staatskritiker, wir würden in Deutschland aktuell in einer „Diktatur“ leben, ist nicht nur begrifflich und faktisch falsch, sondern ist geistige Brandstiftung und stellt ein Vergehen gegenüber unserer eigenen Vergangenheit und realen Diktaturen dar, in denen aus politischen Gründen ganz wesentliche Freiheitsrechte der Bevölkerung eingeschränkt sind, wie derzeit etwa in Belarus, einem Land in europäischer Nachbarschaft, in dem sich eine gesellschaftliche Bewegung gerade auf friedlichem Weg mühsam ihre demokratische Freiheit erkämpft und die jede Form der Solidarität durch uns verdient.

In welchem Bezug steht eigentlich unsere Freiheit? Sind wir frei von etwas oder nicht eher frei für etwas? Welchen Mehrwert können Demokratie und Freiheit hervorbringen? Welchem höheren Ziel dient die Freiheit? Freiheit ohne Sinn ist wie von Sinnen und kann im Extremfall zur sinnlosen Raserei führen, nach dem Motto „Freie Fahrt für freie Bürger“. Und wenn schon Freifahrtschein, dann nicht ohne die Frage: Wohin wollen wir uns bewegen und was wollen wir bewegen?

Manchmal tragen wir den Schlüssel zur Lösung näher bei uns, als wir denken, denn eine mögliche Antwort zu dieser Frage liefert uns ein Sohn unseres Landkreises in seinem Werk. Ich möchte Sie dazu einladen, gemeinsam mit dem großen Dichter der Freiheit zu träumen, der in Marbach am Neckar geboren wurde und einen Teil seiner Jugend in Ludwigsburg verbracht hat – Friedrich Schiller. Seine „Ode an die Freude“, deren weltbekannte Vertonung in Form der Neunten Sinfonie von Ludwig van Beethoven als Europa-Hymne auserkoren wurde, wurde nach dem Berliner Mauerfall in einem historischen Konzert an Weihnachten 1989 in Berlin von Leonard Bernstein kurzerhand zur „Ode an die Freiheit“ umgedichtet, indem er „Freude“ im Finalsatz durch „Freiheit“ ersetzte. Ein symbolischer Akt, der die enge Verwandtschaft von Freiheit und Freude deutlich machte. Schiller erschafft in dieser Dichtung auch eine irdische Utopie der Freiheit, versehen mit der zentralen Botschaft der Vereinigung und Versöhnung: „Alle Menschen werden Brüder und Schwestern“. Damit meint er wirklich „alle Menschen“ – das wäre dann eine pandemische Form der Freiheit, die so ansteckend ist, dass sie sich um den ganzen Erdball spannt und den letzten Winkel unseres Planeten erreicht.

Warum ist diese Botschaft gerade jetzt so wichtig, in Zeiten einer bedrohlichen Pandemie und einer Klimakrise, in der wir das Verhältnis von Freiheit und Verantwortung ständig neu miteinander aushandeln müssen? Wenn wir uns alle als Teil einer großen Menschheitsfamilie begreifen, gibt es kein Oben und Unten, keinen Norden und Süden, keinen Westen oder Osten mehr. Es gäbe keine Alten und Jungen, keine Reichen und Armen, keine Schwarzen und Weißen, sondern einfach Menschen mit einer gemeinsamen Heimat aller Lebenden und Sterblichen und auch eine generationengerechte Heimat aller zukünftig Geborenen. Wir würden alle Schöpfung wieder als einen großen Zusammenhang erkennen und wertschätzen, ob wir es dann Glaube, Liebe oder Zuversicht nennen – alleine das Ergebnis zählt: dass wir das Leben auf Erden nachhaltig und lebenswert erhalten, und zwar für alle Arten und Lebensformen. Die Pandemie hat uns unsere Fragilität und die Endlichkeit unseres Lebens wieder schmerzhaft, aber auch heilsam vor Augen geführt. Sie hat uns die Sinne geöffnet für unsere Interdependenz, unsere wechselseitige Abhängigkeit voneinander. Wenn wir mehr Demut vor dem Geschenk des Lebens empfinden würden, hätte Corona schon einen tieferen Sinn gehabt. Und Solidarität ist die wirkungsvollste einigende Kraft, mit der wir die noch viel größere weltweite Herausforderung der Klimakrise bewältigen können.

Kunst und Freiheit sind wie zwei Schwestern

Als Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele stelle ich mir mit meinem Team immer wieder die Frage: Was sind die Künste ohne Freiheit? Die Künste und die Freiheit sind wie zwei Schwestern, die sich gegenseitig unterstützen. Die freie Ausübung der Kunst ist grundrechtlich genauso geschützt wie die freie Meinungsäußerung und die Versammlungsfreiheit. In der Coronapandemie mussten die Künste große Opfer bringen durch die Einschränkung ihrer Freiheit. Für alle Menschen, die im Kulturbetrieb arbeiten, der ja von Natur aus von maximaler menschlicher Nähe und sozialer Interaktion lebt, waren die letzten zwei Jahre eine gewaltige existenzielle Herausforderung und auch Überforderung.

In fast allen Künsten, den freien Strukturen, bei den Soloselbstständigen, in den öffentlich geförderten Kulturinstitutionen wurde sämtlichen Akteuren durch enorme Einschränkungen bis zum zeitweiligen Lockdown sehr viel abverlangt. Unterstützung durch öffentliche Hilfsprogramme konnte die Not etwas lindern und es gab Solidarität auf vielen Ebenen. Eine neue Kultur des Miteinanders entstand. Corona war in diesem Sinne auch ein Innovationstreiber, der neue Formate wie die 1:1-Konzerte hervorbrachte, neue digitale Bühnen und hybride Formen, bei denen sich die analoge mit der digitalen Welt verschränkt. Auch die Schlossfestspiele haben diese Zeit genutzt und sich neu erfunden, und auch in diesem Sommer werden wir wieder zu Open-Air-Veranstaltungen unter freiem Himmel am Marktplatz und ins Festspielzentrum im Ehrenhof des Residenzschlosses einladen. Ich konnte selbst nicht nur steigende und sinkende Virusmutationswellen und politische Schockwellen beobachten, sondern auch Empathiewellen der hilfreichen Unterstützung. Und im Lockdown hatten wir viel Zeit, nachzudenken und unser Leben neu zu überdenken. Die temporären Einschränkungen unserer Freiheitsrechte in Zeiten der Pandemie dienten immer einem höheren Ziel – den Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu verhindern. Nun ist es aber auch genug mit Schließungen, und es ist gut, dass die Kulturbetriebe wieder offen sind, und sie sollten es auch bleiben!

Wenn wir die Coronapandemie als einen Weckruf begreifen können, hoffe ich auf eine menschliche Revolution, die den Menschen als ganzheitliches Wesen in den Mittelpunkt stellt, im Einklang mit der Natur, die wir langfristig wiederherstellen und erhalten. Wir brauchen eine Gesellschaft, die auf Empathie und Verantwortung füreinander aufbaut und eine generationengerechte Zukunft entwickelt. Nachhaltigkeit bedeutet, sämtliche Ressourcen des Planeten in einem regenerativen Kreislaufsystem zu erhalten. Ökonomie, Ökologie und Soziales bilden dann einen Dreiklang. Unsere Maxime in Zeiten des Anthropozäns muss lauten: Die Freiheit, die wir heute für uns beanspruchen, darf nicht die Freiheit zukünftiger Generationen einschränken.

In diesem Sommer möchte ich Sie alle einladen, mit uns ein möglichst freies „Fest der Künste, Demokratie und Nachhaltigkeit“ zu feiern. Wir freuen uns auf zahlreiche Fest-Spiel-Gäste und nehmen uns die Freiheit, uns gemeinsam mit Ihnen auf die Suche nach Antworten auf die große Zukunftsfrage zu machen: „Was wollen wir bewegen?“

Zur Person: Jochen Sandig ist seit 2019 Intendant der Ludwigsburger Schlossfestspiele, vorher war er als Regisseur und Kulturunternehmer in Berlin tätig.

Zur Serie:

Die Gastautoren dieser Essay-Reihe schreiben in loser Folge aus unterschiedlichen Blickwinkeln über die Freiheit. Bereits erschienen sind Beiträge von Dekan Michael Werneraus Sicht der Kirche, von Bürgermeister a.D. Konrad Seigfried aus gesellschaftspolitischer Sicht, von Professor Arne Pautsch aus rechtlicher und Dr. Frank Brosow aus philosophischer Sicht. (red)

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