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Interview

Ludwigsburger Hotelier über den Akademiehof: „Für Sozialarbeit ist es zu spät“

Mit seinem Brandbrief hat Hotelier Harald Kilgus vor vier Wochen die aktuelle Debatte um den Akademiehof ausgelöst. Seit dem Wochenende gilt ab 23 Uhr ein Aufenthaltsverbot. Wir haben mit Kilgus über die jüngsten Entwicklungen, seine Ideen für den Platz und die krassesten Erlebnisse gesprochen.

Vergangenen Freitag: Kurz nach 23 Uhr setzt die Polizei das Verweilverbot durch .Foto: Holm Wolschendorf
Vergangenen Freitag: Kurz nach 23 Uhr setzt die Polizei das Verweilverbot durch . Foto: Holm Wolschendorf
Der Hotelier Harald Kilgus. Foto: privat
Der Hotelier Harald Kilgus. Foto: privat

Ludwigsburg. Herr Kilgus, wie haben Sie das erste Wochenende mit Verweilverbot am Akademiehof erlebt?

Harald Kilgus: Wir haben uns das sehr genau angeschaut. Glücklicherweise hat es gut funktioniert. Die Polizei war stark vertreten und hat das Verweilverbot gut durchgesetzt. Von Freitag auf Samstag waren noch sehr viele Leute vor Ort und es war dementsprechend laut. Einige Besucher sind um 23 Uhr nur widerwillig gegangen, aber sie sind gegangen. Leider sah es danach wieder unmöglich aus und die Besucher haben es nicht für notwendig erachtet, ihren Müll aufzuräumen. Von Samstag auf Sonntag war relativ wenig los. Jetzt sind wir gespannt auf die kommenden Wochenenden.

Was halten Sie von dem Aufenthaltsverbot?

Grundsätzlich begrüße ich das sehr. Das ist genau das, was wir brauchen. Den Akademiehof hat man jahrelang stiefmütterlich behandelt und er hat sich extrem entwickelt – nämlich in einen rechtsfreien Raum. Zu dieser Bezeichnung stehe ich. Man muss dem Problem hart begegnen, denn die soften Maßnahmen haben dort nicht geholfen. Was ich für falsch halte, ist, das Verweilverbot zeitlich auf vier Wochen zu begrenzen. Das Problem kann man in dieser Zeit nicht lösen. Wenn das Verweilverbot wegfällt, wird es weitergehen wie vorher.

Wie könnte das Problem Ihrer Meinung nach dauerhaft gelöst werden?

Der Platz muss bespielt werden. Er braucht soziale Kontrolle. Der Platz ist vor zehn Jahren als Hof für die Hochschulen errichtet worden. Doch es ist nichts passiert, der Platz wurde sich selbst überlassen und hat sich zu einem Brennpunkt entwickelt.

Aber auch Veranstaltungen enden meist um Mitternacht. Reicht das?

Wir brauchen ein Programm für ein bunt gemischtes Publikum, nicht nur für junge Leute. Der Platz soll auch von Menschen genutzt werden, die bisher gar nicht dorthin gehen.

Was halten Sie von der Idee, Sozialarbeiter oder Security auf dem Platz einzusetzen?

Diese Vorschläge kommen von Menschen, die sich nie an diesem Ort aufgehalten haben. Sozialarbeiter haben dort keine Chance und müssen damit rechnen, verprügelt zu werden. Die Schlägereien auf dem Akademiehof kommen aus dem Nichts, was sollen Sozialarbeiter da ausrichten. Ein Beispiel: Vor wenigen Wochen als die Polizei vor Ort war, sind fünf Meter entfernt davon junge Männer mit abgebrochenen Flaschen aufeinander losgegangen. Die Polizei hatte größte Mühe, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Eine Woche vor dem Vorfall ist eine Familie vom Akademiehof ins nebenliegende Restaurant geflüchtet, weil sie auf dem Platz bedroht worden war. Für Sozialarbeiter ist es zu spät. Das Kind ist bereits in den Brunnen gefallen. Selbst der städtische Ordnungsdienst KOD hat allergrößte Schwierigkeiten, sich auf dem Platz durchzusetzen. Und einen Securitydienst gab es schon einmal. Der hat sich aber zurückgezogen, weil er keine Mitarbeiter mehr gefunden hat, die dort arbeiten wollten.

Hat es Sie gewundert, dass es nach Ihrem Brandbrief so schnell ging?

Ich habe mich nicht zum Spaß an die Verwaltung, die Stadträte und die Öffentlichkeit gewandt. Die Situation war so heftig, dass die Stadtverwaltung kurzfristig reagieren musste. Es gab in meinen Augen keine Alternative.

Wegen der unhaltbaren Zustände haben Sie Ihr Hotel Campuszwei am Akademiehof nur noch wochentags geöffnet. Werden Sie jetzt wieder am Wochenende öffnen?

Wir werden uns zumindest noch das nächste Wochenende anschauen, ehe wir eine Entscheidung treffen. Der Platz hat zehn Jahre nicht funktioniert, daher bin ich skeptisch.

Nach unserer Berichterstattung haben sich auch einige ehemalige Studenten der Film- und Theaterakademie an der Diskussion im Internet beteiligt. Nach deren Angaben waren die Zustände auf dem Akademiehof schon seit 2012 phasenweise unhaltbar. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum es so lange gedauert hat, bis Stadt und Polizei wirklich aktiv geworden sind?

Dass die Studenten sich so äußern, wundert mich nicht. Meiner Beobachtung nach halten sich am Wochenende praktisch keine Studenten mehr auf dem Platz auf. Das Problem ist fast so alt wie der Platz. Es gab immer wieder Gespräche, runde Tische, es wurde mit etlichen Beteiligten geredet, aber alles ist im Sande verlaufen, nichts ist bis zu Ende gedacht worden. Schon mit dem vorherigen Oberbürgermeister Werner Spec wurde das Problem mehrfach besprochen. Außer vielen Versprechungen ist nichts passiert und man hat alles einfach so hingenommen. Was sich dieses Frühjahr dann aber verändert hat, war die Intensität der Gewalt nach der Lockerung der Coronabeschränkungen. Jedes Wochenende gab es Schlägereien, das hat es zuvor nicht gegeben.

Warum hat sich ausgerechnet der Akademiehof zu solch einem beliebten Treffpunkt für junge Leute entwickelt?

So richtig kann ich die Frage nicht beantworten. Ich vermute, das hängt mit der mangelnden Kontrolle dort zusammen. Die Leute wurden in ihrem Verhalten bestätigt, weil es ohne Konsequenzen geblieben ist.

Was war Ihr krassestes Erlebnis am Akademiehof?

Ich kann es nicht auf ein Erlebnis beschränken. Das Krasseste ist die Gewaltbereitschaft. Dass Menschen so heftig aufeinander einschlagen, zu fünft gegen einen, wie von Sinnen. Das habe ich nicht nur ein Mal gesehen. Dieses Gesamtbild plus die Gewalt, die sich dort gegen die Polizisten gerichtet hat, ist für mich dramatisch. Das sind keine Zustände, die wir als Ludwigsburger Gesellschaft akzeptieren dürfen.

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