Logo

Krankenhaus
Notruf aus der Notaufnahme des Ludwigsburger Klinikums

Die Mitarbeiter des Ludwigsburger Klinikums beklagen eine starke Belastung, wodurch sich Behandlungen verzögern. Foto: Holm Wolschendorf
Die Mitarbeiter des Ludwigsburger Klinikums beklagen eine starke Belastung, wodurch sich Behandlungen verzögern. Foto: Holm Wolschendorf
Die Beschäftigten der Notaufnahme des Ludwigsburger Klinikums schlagen Alarm. In einem Brief beklagen sie, dass aufgrund des Bettenmangels menschenwürdiges Arbeiten oftmals nicht mehr möglich ist. Die Vorwürfe klingen beunruhigend.

Ludwigsburg. Unterzeichnet haben diesen Brief, der an Geschäftsführung, Ärztliche Direktoren, Betriebsrat und den Aufsichtsratsvorsitzenden, Landrat Dietmar Allgaier, geschickt worden ist, 54 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Notaufnahme. „Es kommt inzwischen täglich zu schweren Behandlungsverzögerungen bei unseren Patienten mit dem Risiko der Patientengefährdung in Hochlastphasen“, heißt es in dem Schreiben.

Einige Erkrankte müssten in der Notaufnahme nahezu täglich weit mehr als zehn Stunden warten, um stationär aufgenommen zu werden. Auch Todesfälle von Menschen, die auf eine palliative Behandlung warten, aber schließlich in der Notaufnahme sterben, seien nicht selten. „Das ist menschenunwürdig. Für Patienten und Angehörige und auch für uns“, heißt es weiter in dem Schreiben.

Die daraus resultierende Unzufriedenheit führe zu Kündigungen des Krankenhauspersonals, was zu einem Teufelskreis führe. Denn als einen Grund für die Misere führen die Unterzeichner den bundesweiten Mangel an Pflegekräften an, der spätestens seit der Coronapandemie in aller Munde ist.

Bettendichte liegt deutlich unter dem Bundesdurchschnitt

Im Landkreis Ludwigsburg scheint die Situation besonders dramatisch zu sein. Die Unterzeichner weisen darauf hin, dass die sogenannte Bettendichte, also die Zahl der Krankenhausbetten pro 10000 Einwohner, hier von knapp 32 im Jahr 2019 auf aktuell 21 bis 23 gesunken ist und damit deutlich unter dem Landesdurchschnitt von 46,3 liegt. Im bundesdeutschen Durchschnitt liegt dieser Wert sogar bei knapp 60.

Negativ ausgewirkt hätten sich im Landkreis die Schließung des Krankenhauses Marbach in 2020, aber auch die Schließung von Stationen. Fehlende Betten führen wiederum zu einer längeren Verweildauer in der Notaufnahme, so argumentieren die Unterzeichner. Doch auch weil es an ambulanten Angeboten fehle, würden viele Menschen unnötigerweise in die Notaufnahme des Klinikums eingewiesen.

Doch wie lässt sich dieses komplexe Problem lösen? Als kurzfristige Lösung schlagen die Beschäftigten vor, die Notaufnahme bei der Leitstelle in Ludwigsburg abzumelden, wenn bereits zu viele Patienten behandelt werden. Das würde bedeuten, dass die Rettungswagen andere Kliniken anfahren müssten. Vor allem in den Randgebieten des Kreises, also Gerlingen, Korntal-Münchingen und Kornwestheim, sollten die Stuttgarter Krankenhäuser bei der Behandlung von Notfällen stärker eingebunden werden. Um langfristig Abhilfe zu schaffen, müssten die Arbeitsbedingungen verbessert werden. Gefordert wird die übertarifliche Bezahlung des Pflegepersonals sowie die Schaffung von Kita-Plätzen und bezahlbarem Wohnraum.

Wie geht die Klinikleitung mit diesem Brief um? Welche Konsequenzen werden daraus gezogen? Sofort nach Eingang des Schreibens habe man dem Team der Notaufnahme ein offenes Gespräch angeboten, das sei für nächste Woche terminiert, so Alexander Tsongas, Pressesprecher des Klinikums.

Klinikleitung bietet dem Team konstruktiven Austausch an

„Bei diesem Gespräch sollen alle erwähnten Punkte und sogar Themen darüber hinaus offen angesprochen werden. Es soll ein offener konstruktiver Austausch sein“, kündigt Tsongas an. Er verweist darauf, dass bereits „Maßnahmen zur Verbesserung der Situation definiert wurden“ und sich in der Umsetzung befinden.

Durch notwendige Sanierungsmaßnahmen von Stationen würden immer wieder vorübergehend Betten unterschiedlicher Fachabteilungen wegfallen. Zum anderen könnten nicht alle Betten betrieben werden, da sich der bundesweit herrschende Mangel an Pflegekräften, aber auch krankheitsbedingte Ausfälle, zum Beispiel durch Corona, bemerkbar mache. In dem Schreiben würden aber auch politische Themen angesprochen, die von der Geschäftsleitung nicht beeinflusst werden könnten.

Um die Stellen zu besetzen, werden nicht nur Fachkräfte aus dem Ausland angeworben, so Tsongas. Vielmehr setze man auf flexible Benefits wie Sportangebote, Unterstützung bei der Wohnungssuche, Weiterbildungsmöglichkeiten und vieles mehr.

Nicht pauschal lässt sich laut Tsongas beantworten, wie lang die durchschnittliche Wartezeit in der Notaufnahme ist. Am Wochenende und zu Tageszeiten, an denen die Praxen der niedergelassenen Ärzte geschlossen sind, verzeichnet die Notaufnahme ein höheres Aufkommen. Die Patienten werden immer nach der Schwere der Fälle, nicht in der Reihenfolge ihres Erscheinens behandelt.

Landrat Allgaier: „Es gibt keine schnellen Lösungen:“

„Die Situation war und ist bekannt, Lösungen können aber nicht so schnell umgesetzt werden“, gibt Landrat Dietmar Allgaier, Aufsichtsratsvorsitzender der Kliniken-Holding, im Gespräch zu bedenken. Es sei kein Problem, das allein Ludwigsburg betreffe. „Es ist ein generelles Problem, weil es in diesem Bereich zu wenig Fachkräfte gibt“, so der Landrat. Das führe wiederum zu einem starken Wettbewerb. Eine höhere Bezahlung allein kann seiner Meinung nach keine Lösung sein. Vielmehr gehe es auch um weiche Faktoren, wie Kita-Plätze und Wohnungen.

„Das Problem wird nicht gelöst, wenn die Patienten hin- und hergefahren werden“, hält er recht wenig von dem Vorschlag, die Notaufnahme bei Überlastung von der Leitstelle abzumelden und Patienten abzulehnen. Am Ende würden andere Krankenhäuser stärker belastet. Allerdings werde dieses Vorgehen geprüft, das aber die „absolute Ausnahme“ bleiben soll.

Abläufe sollen optimiert werden

Größeres Potenzial, um eine Entlastung herbeizuführen, sieht er in der Optimierung der Abläufe zusammen mit der benachbarten Notfallpraxis. Hier sollen mit dem Betreiber, dem Verein Notfallpraxis Ludwigsburg und Umgebung, Gespräche geführt werden. Es würden viele Patienten in die Notaufnahme des Krankenhauses überwiesen, die nicht der schnellen Hilfe bedürfen. Das gelte auch für niedergelassene Ärzte.

Keinen Hehl macht Allgaier daraus, dass auch interne Abläufe verbessert werden könnten. Zusammen mit dem Betriebsrat soll ein neuer Rahmendienstplan erarbeitet werden. Dieser sieht die fachärztliche Betreuung nicht mehr nur auf Abruf vor. (mb)