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Kinderheim

Orden lässt jetzt alles genau untersuchen

Experte wertet Gewalt gegenüber den Kindern als sehr schädigend – Bei der Frage des sexuellen Missbrauchs ist die katholische Kirche gefordert

Blick in den Park: Im Kloster sind noch heute die Karmelitinnen tätig, das Kinderheim gibt es schon lange nicht mehr.Foto: Holm Wolschendorf
Blick in den Park: Im Kloster sind noch heute die Karmelitinnen tätig, das Kinderheim gibt es schon lange nicht mehr. Foto: Holm Wolschendorf

Hoheneck. Im Kinderheim St. Josef in Hoheneck haben die ehemaligen Heimkinder schlimme Dinge erlebt, wurden vernachlässigt, geschlagen, gedemütigt. Daran lassen die Experten in dem gestern auf einem Pressegespräch im Kloster vorgestellten Bericht keinen Zweifel. Inzwischen steht auch der Vorwurf wegen sexuellen Missbrauchs im Raum (wir berichteten). „Diese Art von psychischer Gewalt war auch für damalige Zeiten nicht gang und gäbe, es wurden Menschenrechte verletzt“, stellt Dr. Florian Straus vom Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) fest.

Der Orden der Karmelitinnen lässt nun die Jahre zwischen 1960 und 1980 komplett aufarbeiten. Das Institut, das schon wegen Missbrauchsfällen in Bayern und bei der Odenwaldschule geforscht hat, setzt dafür zwei Jahre an. Es sollen Opfer und frühere Mitarbeiterinnen ausführlich interviewt werden, dazu werden Akten gesichtet und Recherchen zu den in Hoheneck eingesetzten Pfarrern angestellt. „Wir werden auch Hausmeister befragen, das ganze Umfeld einbeziehen“, so Straus zum Vorgehen.

Auffallend sei der lange Zeitraum, für den Gewalterlebnisse vorliegen. Es müsse also danach gefragt werden, ob es sich um einzelne Personen handelt, die diese ausübten, oder ob es nicht vielmehr ein institutionelles Problem war, also im gesamten Heim an der Tagesordnung war.

Straus hält es für wichtig, gerade für diese Gruppe an Heimkindern etwas zu tun, die damals oft als Kleinkinder ins Heim kamen. „Sie wurden früh ihren Eltern weggenommen und haben nie recht erfahren, warum“, sagte er. Die Kinder haben Gewalt erlebt, wurden vernachlässigt. Im Vergleich zu anderen Heimen, die oft nur Verwahranstalten waren, sei in Hoheneck die psychische Gewalt stark ausgeprägt gewesen, andere Heime, wo Männer als Ansprechpartner der Kinder da waren, habe die körperliche Gewalt dominiert. Zum von Schwestern geführten Heim sagte er: „Emotionale Gewalt wirkt fast so stark wie sexuelle Gewalt.“

Untersucht werde auch, welche Rolle dem Orden zukommt, in welcher Form das Gebet über die pädagogische Betreuung gestellt wurde. Wie Schwester Edith Riedle, Generalvikarin und Hausoberin in Hoheneck, darlegt, werde auch geklärt werden müssen, inwiefern der Orden von möglichen Übergriffen von Geistlichen gewusst hat oder gar beteiligt war.

Bislang gibt es zwei Missbrauchsopfer, von denen bislang eine sich geäußert hat.

Neben dem Orden ist nun auch die katholische Kirche wegen des sexuellen Missbrauchs verstärkt gefordert. Zu klären ist, welche Pfarrer im Heim waren, bislang sind zwei genannt worden. Ein Opfer benennt einen namentlich, der andere ist der Diözese bekannt, die Akten liegen dort vor. „Zum jetzigen Zeitpunkt stellt es sich so dar, dass es mehrere Geistliche gibt, die dafür in Frage kommen“, so die Dekanatsreferntin Birgitta Negwer, die stellvertretend für den katholischen Dekan Alexander König anwesend war.

Die Vorwürfe würden geprüft, Betroffene könnten einen Antrag auf Anerkennung ihres Leids stellen. Die Kommission Sexueller Missbrauch der katholischen Kirche prüfe dies, gegebenenfalls werden 5000 Euro ausbezahlt. Das Geld wird voraussichtlich der Orden beisteuern müssen. Aus Sicht der Experten gehe es den ehemaligen Heimkindern aber nicht um Geld, sondern um Anerkennung.

Reaktionen seitens der Diözese, dass manche Schilderungen fragwürdig seien, helfe nicht weiter, so Straus. „Die Aussagen der Opfer muss man ernst nehmen“, bekräftigte auch Hendrik Rook, Regionalleiter der Caritas.

„Ich bin sehr getroffen, das alles setzt mir ganz schön zu“, sagt Schwester Edith Riedle zu dem Zwischenbericht, den das Institut vorlegte. Der Orden werde sich damit auseinandersetzen, auch die Pädagogik überprüfen, und das weltweit. Der Orden, der in Hoheneck 1992 das Kinderheim geschlossen hat, ist vor allem im Ausland aktiv, er betreibt noch zwei Kinderheime in Kroatien und in den USA. Insgesamt hat der Orden 350 Schwestern, acht davon sind in Hoheneck.

Warum sind die Missstände nicht schon früher aufgedeckt worden? Auch in anderen Einrichtungen hat man zu spät reagiert, so Straus. Bei der Odenwaldschule mit zahlreichen Missbrauchsfällen hätte es 17 Mal die Gelegenheit gegeben, diese aufzuklären – „17 Mal wurde es unter den Teppich gekehrt“. Auch in Hoheneck hätte man schon früher etwas bemerken können. Doch so etwas werde gern weggeschoben, verdrängt. Straus ist optimistisch, „dass wir jetzt sehr viel aufklären können“.

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